Mein fünftes Buch aus den Philippinen ist bereits 1983 erschienen und ergänzt meine literarische Weltreise um die Perspektive der Frauen.
Klappentext
Amanda Bartolome lebt in einer Subdivision in Manila, einer Mittelklassesiedlung, die eingezäunt ist. Der Rest der Stadt und der Welt bleibt ausgesperrt. Aber dann bringen fünf Söhne und ein Ehemann verwilderte Katzen, Neuigkeiten, Schwiegertöchter und verletzte Untergrundkämpfer ins Haus. Bald folgt die Polizei. Amanda denkt über all das nach und stellt Verbindungen her: zwischen Sex im Ehebett, dem Vietnamkrieg und der Abwertung des philippinischen Pesos. Sie verortet sich im »mittleren Mittelstand« und steckt in tausend Widersprüchen. Davon lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie ringt darum, eine Gesellschaft unter Kriegsrecht, ihre Söhne und Schwiegertöchter zu verstehen: vom Soldaten in der US-Navy bis zur Guerillera, vom Schulverweigerer und dem angehenden Journalisten bis zur jungen Mutter, die ihren Traum vom eigenen Beruf nicht aufgibt.
Meine Meinung
It’s a man’s world – so könnte man die Ausgangssituation in Lualhati Bautistas Roman „Die 70er“ treffend zusammenfassen. Auch Amandas Mann hält an den tradierten Geschlechterrollen fest. Durch ihre Augen erleben wir das Manila der 1970er Jahre, eine Zeit, in der die Philippinen unter dem Kriegsrecht des Marcos-Regimes standen.
Der Autorin gelingt es meisterhaft, die politische Lage des Landes mit dem häuslichen Mikrokosmos einer bürgerlichen Familie zu verweben. Anfangs scheint die Mittelstandsfamilie von den Auswirkungen der Diktatur kaum betroffen – Zensur, Ausgangssperren oder Versammlungsverbote dringen zunächst nicht hinter die Mauern der wohlhabenden Siedlung. Doch mit dem Erwachsenwerden ihrer Söhne und ihren unterschiedlichen Lebenswegen – vom US-Soldaten bis zur Guerillera – öffnet sich für Amanda (und für uns als Lesende) ein vielschichtiges Panorama des gesellschaftlichen und politischen Lebens jener Zeit.
Dabei sind die Figuren hervorragend gezeichnet. Jede und jeder steht für eine Haltung, eine Perspektive, einen Konflikt. Indem Amanda ihren Söhnen zuhört, beginnt sie, das herrschende Patriarchat – in der Gesellschaft ebenso wie in ihrer Ehe – in Frage zu stellen. Diese allmähliche Emanzipation ist spannend zu beobachten: von der angepassten, demütigen Ehefrau hin zur Frau mit eigenen Gedanken und politischem Bewusstsein. Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen für ihre Beziehung zu ihrem Mann, der mit dieser Veränderung kaum umgehen kann.
Der Roman ist im Tagebuchstil geschrieben, was ihm große Unmittelbarkeit verleiht. Man hat das Gefühl, Amanda direkt über die Schulter zu schauen, ihre Gedanken, Zweifel und Erkenntnisse mitzuerleben. Bautistas Sprache ist dabei umgangssprachlich, zugänglich und trotz der schweren Thematik leicht zu lesen – ich habe das Buch an einem Nachmittag verschlungen.
Besonders beeindruckt hat mich, wie lebendig die Atmosphäre jener Zeit vermittelt wird: das Leben unter Kriegsrecht, die Angst vor Repression, die Folgen von Zensur, Enteignung und Ausgangssperren. Gleichzeitig wird deutlich, dass das Marcos-Regime nicht für alle Schichten die gleichen Konsequenzen hatte – ein Aspekt, den Bautista differenziert und klug herausarbeitet. Auch der Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte auf Denken und Gesellschaft schwingt deutlich mit.
Neben der politischen Dimension steht immer wieder die Frage nach der Rolle der Frau im Zentrum. Amanda erkennt, dass Frauen auf ihre Funktion als Ehe- und Hausfrauen reduziert sind, dass ihnen politische Beteiligung abgesprochen wird. Ihre Überlegungen, etwa ob sie ihrer eigenen Mutter genug Anerkennung gezollt hat, wirken bis heute aktuell und regen zum Nachdenken an.
Auch die koloniale Prägung des Landes ist deutlich spürbar, ebenso wie die Ambivalenz des Marcos-Regimes, das nicht für alle gleichermaßen negativ war. Bautista verschweigt die Widersprüche nicht, sondern zeigt sie offen – das macht den Roman so stark und authentisch.
Sehr hilfreich fand ich zudem den historischen Abriss am Ende sowie die Übersicht der Familienmitglieder. Beides vertieft das Verständnis und verankert die Geschichte klar im historischen Kontext.
Obwohl „Die 70er“ bereits 1983 erschienen ist, hat der Roman nichts an Relevanz verloren. Im Gegenteil: Viele der geschilderten Probleme – Korruption, Ungleichheit, patriarchale Strukturen – sind bis heute auf den Philippinen spürbar. Umso erfreulicher, dass der Roman nun im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, bei der die Philippinen Gastland waren, endlich in deutscher Übersetzung vorliegt.
Fazit:
Lualhati Bautista hat eine klug komponierte bildhafte und sehr zugängliche Familiengeschichte geschrieben, die sie in die politische Realität der Philippinen der 70er einbettet. Erzählt aus einer weiblichen Perspektive, die viel zu lange gefehlt hat. Ein wichtiges, eindringliches Buch – und eine echte Bereicherung für die deutsche Literaturlandschaft.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Orlandaverlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Über die Autorin (Verlagsangaben)
Lualhati Bautista (1945 – 2023) war eine der bedeutendsten Autorinnen zeitgenössischer philippinischer Literatur. In sechs Jahrzehnten hat Bautista zahlreiche Romane und Drehbücher verfasst. Darüber hinaus wurden ihre Romane für Filme und Theater adaptiert. Sie machte sich einen Namen als liberale Aktivistin und politische Kritikerin. In ihren Romanen Dekada ’70, Bata… Pa‘no Ka Ginawa? und Desaparesidos schrieb sie schonungslos und mutig über die Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren von Menschen, die es wagten, sich während des Kriegsrechts auf den Philippinen der Diktatur zu widersetzen, als die meisten Schriftsteller aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen des Militärs zögerten, über die politische Situation zu sprechen. Bautista erhielt im Laufe ihres Schaffens zahlreiche Auszeichnungen. Ihr Werk wirkt auch über ihren Tod hinaus.
Bibliografie

Titel: Die 70er
Autorin: Lualhati Bautista
Übersetzung: Annette Hug
Verlag & Copyright: Orlanda
Seitenzahl: 200
Erscheinungstermin: August 2025
Preis: 22 € (Kartoniert)