Dieses Buch war das erste, das ich für meine literarische Flusskreuzfahrt auf der Donau im Rahmen der LBM 2026 gelesen habe. Der Begriff der „Donauschwaben“ war mir bis dahin völlig unbekannt, daher war ich sehr gespannt auf diese Geschichte.
Klappentext
Aufgewachsen ist Lina, ein Kind der 1990er, in einer Welt, die aus der Zeit gefallen scheint: in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich nach Vertreibung und Flucht in Salzburg angesiedelt und ihr traditionelles Leben nach 1945 dort fortgesetzt hat. Als Lina eines Abends von der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters erfährt, beginnt sie, nach Antworten jenseits der großen Opfererzählung zu suchen. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung, will sie erstmals das Schweigen brechen. Getragen von ihren engen Freund*innen stellt sich Lina ihrer Familiengeschichte und bricht zu einer Recherche auf, die sie bis nach Belgrad führen wird. Als sie endlich auch die Konfrontation mit ihrer Mutter sucht, wird das zur Zerreißprobe …
Meine Meinung
Ganz ehrlich? Ohne das Fokusthema der Leipziger Buchmesse wäre dieses Buch vermutlich still an mir vorbeigegangen – und ich hätte eine ebenso aufwühlende wie bereichernde Lektüre verpasst. Selten hat mich ein Roman mit einem derart schweren Thema so gefesselt und gleichzeitig so zum Nachdenken gebracht wie „Heim holen“.
Im Zentrum steht Lina, eine Figur, die sich für mich vom ersten Moment an erschreckend nah angefühlt hat. Vielleicht, weil ich durch meine eigene schlesische Familiengeschichte sofort Parallelen ziehen konnte. Vielleicht aber auch, weil ihre Gedanken, ihre innere Zerrissenheit und ihr Ringen um Wahrheit so ehrlich und greifbar erzählt sind. Vor allem konnte die Autorin so nachvollziehbar darstellen, wie schwer es Lina fällt, den geliebten Großvater mit dessen Vergangenheit als SS-Mitglied in Einklang zu bringen – ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzt und sie gedanklich vollständig vereinnahmt.
Auch die wenigen Nebenfiguren wirken bemerkenswert lebendig. Ihre Freund*innen geben Halt, tragen sie durch diese emotionale Reise, selbst dann, wenn es schwierig wird – etwa im Spannungsfeld zu ihrer jüdischen Freundin. Diese Dynamiken sind fein gezeichnet und machen deutlich, wie sehr persönliche Geschichte immer auch in Beziehung zu anderen steht. Ebenso vielschichtig ist die Darstellung der Mutter, die diese Dissonanz beim eigenen Vater in Einklang bringen muss und einen ganz eigenen Umgang mit der Vergangenheit gefunden hat – oder vielleicht auch bewusst vermeidet. Besonders nachvollziehbar war für mich auch Linas Verhältnis zu ihrer Mutter; geprägt von fehlenden Gesprächsthemen und Interessen. Im Subtext oder der Stille meine ich die Gedanken und Gefühle der Mutter zu erkennen.
Der Schreibstil trägt viel dazu bei, wie intensiv sich das alles anfühlt. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, Lina tatsächlich auf ihrer Recherche zu begleiten. Immer wieder durchbrechen Erinnerungen die Gegenwart: an Traditionen der Donauschwaben, an Erlebnisse mit dem Großvater, an die Pflege der dementen Großmutter. Diese Rückblicke sind sehr gekonnt eingesetzt und runden vervollständigen die Geschichte nach und nach zu einem Gesamtbild. Besonders klug umgesetzt fand ich dabei, wie Lina irgendwann beginnt, genau diese geliebten Kindheitserinnerungen zu hinterfragen – und damit auch ein Stück ihrer eigenen Identität.
Überhaupt ist es beeindruckend, wie viele Themen hier miteinander verwoben und auch wirklich im entsprechenden Kontext verarbeitet zu werden: Familiengeschichte, kollektive Erinnerung, Täter- und Opferrollen, Care-Arbeit, Sprachlosigkeit zwischen Generationen. Nichts wirkt überladen oder aufgesetzt. Alles fügt sich organisch zusammen und verstärkt die Wirkung der zentralen Fragen, die das Buch stellt.
Für mich war diese Lektüre weit mehr als „nur“ ein Roman. Sie hat mich dazu gebracht, über meine eigene Familiengeschichte nachzudenken – über das, was erzählt wurde, und vor allem über das, was nie zur Sprache kam. Ich habe mich in vielen Gedanken Linas wiedergefunden und dabei Dinge hinterfragt, die ich bislang einfach hingenommen habe. Besonders eindringlich war für mich auch der Blick auf die weiblichen Biografien innerhalb der Familie – all die Lücken, die bleiben, wenn nicht darüber gesprochen wird.
Was mich bei all dem besonders beeindruckt hat: Dieses Buch urteilt nicht. Es klagt nicht an, sondern beschränkt sich darauf, Fragen aufzuwerfen – offene, unbequeme, notwendige Fragen. Es fordert seine Leserschaft dazu heraus, eine eigene Haltung zu entwickeln und einen individuellen Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu finden.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich dennoch: Die wiederholte Verwendung bestimmter dialektaler Einsprengsel – vor allem die vielen „eh’s“ – hat für mein Empfinden irgendwann eher gestört als zur Atmosphäre beigetragen.
Fazit
Ich bin unglaublich dankbar, dieses Buch entdeckt zu haben. „Heim holen“ ist ein intensives, kluges und zutiefst berührendes Debüt, das lange nachhallt. Eine Lektüre, die nicht nur bewegt, sondern auch Denkanstöße gibt – und die ich am liebsten sofort mit anderen besprechen möchte (Lesekreisbuch!). Für mich ein absolutes Herzensstück und eine große Empfehlung für alle, die sich mit Familiengeschichte und deutscher Vergangenheit auseinandersetzen wollen.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Residenzverlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Heim holen
Autorin: Katherina Braschel
Verlag & Copyright: Residenzverlag
Seitenzahl: 272
Erscheinungstermin: 19.01.2026
Preis: 24 € (gebunden)