Lori von Anousch Mueller

Einerseits wollte ich diesen Roman gar nicht lesen. Denn das Cover sprach mich so überhaupt nicht an und auch die Leseprobe hat mich nicht gecatcht. Andererseits mag ich Familiengeschichten, durch die man etwas über historische Ereignisse lernen kann. Und über die DDR habe ich in meinen Augen noch viel zu wenig gelesen. Außerdem kannte ich bisher nur positive Stimmen zu dem Buch, also bekam „Lori“ eine Chance.

Klappentext

Thüringen, 1995. Auf einem verlassenen Bahnhof wächst Leni mit ihren fünf Geschwistern auf. Seit sie denken kann, spürt sie, dass etwas in ihrer Familie nicht stimmt. Als junge Frau macht sie sich auf die Suche nach dem Geheimnis, das ihr Leben prägt. Im Zentrum steht ihre Schwester Lori und die Frage, was mit ihr geschah. Die Suche nach Antworten führt sie bis in die frühen siebziger Jahre der DDR zurück.

Meine Meinung

Ich hatte ja schon in der Leseprobe gemerkt, dass sich der Einstieg etwas zieht. Leni wird in meinen Augen viel zu ausführlich eingeführt; dafür spielt die DDR zunächst kaum eine Rolle. Und ich hätte gern mehr aus der Perspektive ihrer Geschwister erfahren – gerade in Bezug auf das Familiengeheimnis hätte das dem Roman in meinen Augen mehr Komplexität verliehen. Vor allem, weil ich die Autorin für eine gute Beobachterin halte, die auch die psychologische Perspektive ihrer Figuren gut einfangen kann. Spannend finde ich hier vor allem den Dreiklang aus Erinnerungen, Verdrängung und Wahrheit.

Anousch Müller schreibt bildhaft und flüssig. Die vielen Zeitsprünge erfordern jedoch ein gewisses Maß an Konzentration. Und auch wenn ihre Figuren authentisch wirken, bleiben sie auf Distanz.

Nach diesen Kritikpunkten könnte man meinen, ich würde euch das Buch nicht empfehlen, doch die Geschichte hat einen Twist, der mich den Roman rückblickend ganz anders bewerten lässt. Und zwar viel positiver, denn erst durch die Aufdeckung des Geheimnisses enthüllt sich die Klugheit der Konstruktion dieser Geschichte. Ich weiß, das klingt jetzt sehr kryptisch, aber ich kann dazu nicht mehr sagen, ohne zu spoilern. Da müsst ihr mir einfach vertrauen.

Ab dem Punkt des Mauerfalls kam für mich auch endlich mehr DDR-Geschichte durch und auch die Handlung nahm Fahrt auf – vielleicht, weil ich mich an diese Zeit selbst noch gut erinnern kann.

Fazit

Ganz ehrlich: ohne diese Wendung, wäre „Lori“ für mich durchgefallen. Aber so ist das Buch wirklich eine gelungene Geschichte über ein traumatische Familiengeheimnis im DDR-Setting, die zeigt, wie laut Schweigen werden kann.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom C.H. Beck Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Lori

Autorin: Anousch Mueller

Verlag & Copyright: C.H. Beck

Seitenzahl: 205

Erscheinungstermin: Juli 2026

Preis: 24 € (Hardcover)

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