Zugvögel von Charlotte McConaghy

Dieses Buch war mal wieder ein spontaner Cover-Kauf, ich meine, schaut es euch an, ist es nicht einfach traumhaft? Also habe ich kurzer Hand reingelesen und war sofort verliebt. Vor allem weil mir die Geschichte einen ganz besonderen Stopp auf meiner literarischen Weltreise versprach: Die Antarktis. Zu Hause eingezogen, blieb es jedoch erstmal auf meinem SuB liegen bis mich die liebe Sandra zu einem Buddyread einlud.

Klappentext

Franny hat ihr ganzes Leben am Meer verbracht, die wilden Strömungen und gefiederten Gefährten den Menschen vorgezogen. Als die Vögel zu verschwinden beginnen, beschließt die Ornithologin den letzten Küstenseeschwalben zu folgen. Auf einem der letzten Fischerboote macht sie sich auf den Weg in die Antarktis. Schutzlos ist die junge Frau den Naturgewalten des Atlantiks ausgeliefert, allein die Vögel sind ihr Kompass. Doch wohin die Tiere sie auch führen, ihrer Vergangenheit kann Franny nicht entfliehen. Schon bald wird die Reise zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer.

Meine Meinung

Das Cover vermittelt schon genau die Stimmung, die uns auch im Roman erwartet: pastelliges Graublau, dabei rau und zart zugleich. In jedem Fall sehr atmosphärisch.

Allerdings wirft uns die Autorin direkt in den Roman hinein, ein wenig so, wie man ein Kind ins Wasser wirft, um auf die harte Tour Schwimmen zu lernen. Die Analogie des Meeres passt hier grds. gut, denn während der Lektüre wird man, tosendem Seegang gleich, durchgewirbelt, so dass man immer wieder in anderen Zeitebenen und Handlungssträngen auftaucht, ohne direkt zu wissen, wann bzw. wo man gerade ist. Erst im letzten Abschnitt setzen sich dann alle Puzzlesteine zu einem Ganzen zusammen.

Erzählt wird uns die Geschichte aus Frannys Perspektive zur Zeit des Vogelzugs, die in unserer nahen Zukunft liegt und gleichzeitig als Bezugspunkt für die anderen Zeitebenen dient:

Zwölf Jahre vor ihrer Reise in die Antarktis lernt sie ihren Mann kennen. Dieser Plot widmet sich vorwiegend ihrer Liebesgeschichte.

Vier Jahre vor ihrer Reise in die Antarktis kommt sie wegen zweifachen Mordes ins Gefängnis. Diese Information sowie die Hintergründe dazu erhalten wir unvorbereitet und auch nur Brotkrumenhaft.

Ich habe das Buch gern gelesen, aber es gehört zu den Geschichten, bei denen man erst nach dem Ende beurteilen kann, wie gut sie gewesen sind. Der Roman rief nicht direkt nach mir, aber ich wollte einfach wissen, wie alles zusammenhängt, deswegen konnte ich es nicht aus der Hand legen. Spannend ist das falsche Wort dafür, es war eher so, als erzählt uns ein interessanter Mensch eine Passage aus seinem Leben.

Leider habe ich nicht so viel über Küstenseeschwalben erfahren, wie ich erwartet hatte – eigentlich nur, dass sie jedes Jahr von der Arktis zur Antarktis und zurück fliegen. Dafür lernt man umso mehr über Fischfang (schubber). Hier hat die Autorin das Potenzial der Geschichte meiner Meinung nach nicht ausgeschöpft, denn ich hätte einen stärkeren Fokus auf dem Artensterben besser gefunden.

Ich hatte schon früh eine Vermutung, wo die ganze Reise hingeht, die sich auch bestätigt hat. Das Ende ist ganz schön heftig und dabei hilft es nicht, dass man es auf recht lange Sicht vorhersehen kann.

Charaktere

Die Protagonistin erinnert mich vom Wesen her an Vianne aus dem Film „Chocolat“. Nur das Franny nicht der Nordwind weitertreibt, sondern immer wieder vom Meer gerufen wird. Die negativen Konsequenzen ihrer Unfähigkeit, an einem Ort zu verweilen, erfährt sie schon als Kind und auch als Erwachsene wird sie immer wieder davon in die Tiefe gezogen.

Dabei setzt sich Frannys Charakter erst Seite um Seite zusammen; wie Scherben zu einem Mosaik, so dass es vor dem Ende unmöglich erscheint, ihre Figur ganz zu begreifen.

Doch auch ihr Mann und die Crew der Saghani haben ihre ganz eigenen Persönlichkeiten. Beim Lesen hatte ich jeden einzelnen Charakter vor Augen.

Fazit

Nach der Lektüre dieses Buches bin ich nicht mehr ganz so traurig darüber, Kinderlos zu sein, denn wieder einmal wird uns vor Augen geführt, dass die Erde ohne ihre intelligentesten Lebewesen vermutlich besser dran wäre.

Der Roman zeigt uns jedenfalls einen düsteren Blick in die Zukunft, die wir uns selbst gerade sehenden Auges erschaffen.

Was bleibt ist die Frage: Wenn es uns unsere Intelligenz erlaubt, solch ebenso realistische wie unanstrebenswerte Zukunftsvisionen zu kreieren, wieso lassen wir es weiterhin zu, dass uns unser Egoismus, unsere Arroganz und Ignoranz weiterhin im Wege stehen, den Planeten und all seine Bewohner zu retten?

O.k. das Fazit ist mir vielleicht ein klein wenig zu dunkel geraten. Das hat aber eher etwas mit der Botschaft anstatt mit der Geschichte selbst zu tun. Ich möchte die Lektüre nicht missen, aber es ist ein sehr intensiv geschriebener Endzeitroman, der einem unter die Haut geht und stark nachhallt. Man sollte also kein Wohlfühlbuch erwarten.

 „Zugvögel“ ist vielmehr ein abwechslungsreicher und doch harmonischer Mix aus Abenteuerroman, Nature Writing, Dystopie und Beziehungsdrama.

Infos

Titel: Zugvögel
Autorin: Charlotte McConaghy
Übersetzung: Tanja Handels
Verlag und Copyright: S. Fischer
Seitenzahl: 400
Erscheinungstermin: 26. August 2020
Preis: 22 € (gebunden)

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