Auf dieses Buch bin ich durch den Podcast „Zwei Seiten“ mit Mona Ameziane und Christine Westermann aufmerksam geworden, da sich die beiden herrlich uneins über dessen Bewertung waren.
Klappentext
SIE ist dreißig und eine erfolgreiche Journalistin. Mit ihrem Verlobten, der oft auf Reisen ist, lebt sie in einem Traumloft in der Nähe des Canal Saint Martin. Im Juni wollen sie heiraten. ER, ebenfalls dreißig, lebt im selben Gebäude und startet gerade beruflich durch. Er liebt seine Frau und seine süße kleine Tochter.
An einem regenerischen Novemberabend begegnen sie sich draußen auf dem Hof und halten den Atem an. Es ist der Moment, in dem alles beginnt. Ohne zu Zögern und mit ganzer Leidenschaft und Begierde stürzen die beiden sich in eine »Amour fou«, über die sie bald jede Kontrolle verlieren.
Meine Meinung
Untreue in Geschichten fordert mich als Leserin immer heraus, weil sie zeigt, wie zerbrechlich selbst scheinbar sichere Leben sein können. „An Liebe stirbst du nicht“ beginnt dabei nicht mit Nähe, sondern mit Distanz: Die Figuren bleiben namenlos, fast fremd, und doch entwickelt die Geschichte einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Mit schonungsloser Intensität erzählt sie von Verlangen, Kontrollverlust und der stillen Macht der Gefühle – und davon, wie zwei Menschen alles aufs Spiel setzen, obwohl sie wissen, dass es sie am Ende etwas kosten wird.
Ihre Affäre wird so intensiv, so glaubhaft geschildert, dass man spürt, wie sich ihre Welt immer weiter verengt, bis nur noch diese eine, alles verschlingende Verbindung übrigbleibt. Arbeit, Familie, Freundschaften. Die Beziehung ist toxisch, ich meine, er behandelt ja eigentlich beide Frauen völlig mies, gleichzeitig lassen sie das ja aber auch mit sich machen. Aber mich hat einfach beeindruckt, wie es die Autorin schafft, das Verhalten aller drei Personen so nachvollziehbar und menschlich darzustellen.
Vielleicht hat mich das Buch auch deshalb so getroffen, weil ich mich als verheiratete Frau automatisch mit der Betrogenen verbunden fühlte. Dieses stille Zerbrechen, das Wissen, jemanden schon verloren zu haben, noch bevor eine Entscheidung gefallen ist, ging mir sehr nahe. Besonders eindringlich fand ich, wie die Autorin zeigt, dass Hormone und Sehnsucht jede Vernunft überrollen können, wie sich Menschen immer tiefer in Lügen verstricken. Diese körperliche Anziehung, dieser Kontrollverlust – all das ist so intensiv beschrieben, dass man sich dem kaum entziehen kann.
Der Schreibstil trägt enorm zu dieser Wirkung bei. Kurze Sätze, knappe Kapitel, ein Rhythmus, der mich förmlich durch die Seiten getragen hat. Auf nicht einmal zweihundert Seiten entfaltet sich eine Liebesgeschichte von unglaublicher Wucht. Es gibt Sätze, die nachhallen, Zitate voller Gefühl und Schmerz. Alles ist mit großer Leidenschaft geschrieben, roh und direkt. Zugegeben, die Nachrichten und E-Mails kratzen manchmal an der Kitschgrenze, doch das habe ich dann einfach überlesen.
Und die ganze Zeit bleibt es spannend, auch wenn von Anfang an klar ist: hier wird niemand gewinnen: Er verliert entweder seine Geliebte oder seine Tochter. Seine Frau hat ihren Mann bereits verloren, ganz gleich, wie es ausgeht. Nur für die Protagonistin bleibt eine fragile, schmerzhafte Hoffnung: Wird er bleiben oder gehen?
Fazit
Am Ende bin ich froh, diese Erfahrung – egal aus welcher Perspektive – nur literarisch gemacht zu haben. Der Titel ist jedenfalls korrekt: „An Liebe stirbst du nicht“ – aber sie kann dein Leben zerreißen, dich verwandeln, alles zerstören und zugleich etwas in dir auslösen, das du nie wieder vergisst. Dieses Buch hat mich emotional durchgeschüttelt, beeindruckt und mitgerissen. Eine intensive, wenngleich fast schon schmerzhafte Leseerfahrung, die noch lange nachhallt.
Bibliografie

Titel: An Liebe stirbst du nicht
Autorin: Géraldine Dalban-Moreynas
Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 192
Erscheinungstermin: 20. Juni 2022
Preis: 20 € (Hardcover)