Kleine Schwächen von Megan Nolan

Ein zehnjähriges Mädchen aus „asozialem“ Hause soll ein anderes ermordet haben. Ein schmieriger Boulevardjournalist wittert in dieser Story einen Sprung auf der Karriereleiter. Allein diese Ausgangssituation hat mich neugierig gemacht.

Klappentext

Ein zweifelhafter Hinweis genügt und schon wird die zehnjährige Lucy des Mordes an einer jüngeren Spielgefährtin verdächtigt. Der Fall spaltet die Gesellschaft. Denn während das Opfer aus gutem Hause kam, lebt Lucy Anfang der 1990er-Jahre mit ihrer jungen irischen Mutter Carmel in einer Südlondoner Sozialsiedlung.

Lucy ist schon häufiger auffällig geworden, und Carmel ist vor allem Männern ein Dorn im Auge. Sie ist schön, aber abweisend, gebrochen und unerreichbar. Als ein Journalist versucht, Carmels Vertrauen zu gewinnen, bahnt sich eine mediale Hetzjagd an, angefeuert von Fremdenhass und Misogynie. Und Carmel und Lucy blicken erneut in die Abgründe, die sie aus Irland hierhergeführt haben.

Meine Meinung

Nach dem Klappentext könnte man hier auch einen klassischen Spannungsroman erwarten. Stattdessen entfaltet sich Stück für Stück eine traurige Familiengeschichte und der Versuch, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Dabei geht es weniger um die Frage nach Schuld, sondern vielmehr darum, wie kleine Schwächen, falsche Entscheidungen und unglückliche Umstände über Jahre hinweg immer größere Konsequenzen nach sich ziehen können. Gleichzeitig richtet die Autorin den Blick auf den Sensationsjournalismus, der solche Schicksale nur allzugern als Schlagzeilen ausschlachtet. Und diesen Ansatz fand ich sehr spannend.

Wir erhalten Einblicke in die unterschiedlichsten Perspektiven. Hinzu kommen zeitliche Rückblicke. Beides zusammengenommen zeichnet ein vielschichtiges Bild, das nicht nur die unmittelbaren Ereignisse beleuchtet, sondern auch den Weg dorthin.

Die Figuren wirken extrem lebensecht, auch wenn sie emotional ein wenig auf Distanz bleiben. Überrascht hat mich vor allem Lucy, die mit ihren 10 Jahren für eine echt unangenehme, fast schon unheimliche Atmosphäre sorgt. Die Spiele, die sie sich ausdenkt und zu denen sie andere Kinder animiert, haben so gar nichts von der harmlosen Unbeschwertheit, die man mit Kindheit verbindet. Statt Fangen oder Gummitwist bewegen sich ihre Ideen in einer ganz anderen, deutlich düsteren Welt. Diese Darstellung fand ich gleichzeitig faszinierend und ziemlich gruselig. Ihr Verhalten erklärt sich erst vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte und so stehen insbesondere ihre Verwandten im Mittelpunkt des Romans – fast alles gescheiterte Existenzen, „kaputte Charaktere“ sozusagen.

Wo das Leid der einen, ist auch die Sensationslust der anderen nicht weit und so wirft der Roman auch einen sehr interessanten Blick auf den Boulevardjournalismus der 90er Jahre. Dabei wird der schmierige Reporter Tom mit seinen teils unmoralischen Methoden, Tricks und Hartnäckigkeit sehr bildhaft beschrieben. Gerade weil seine Leser*innenschaft nach Skandalen giert, wird die Geschichte eines Mädchens aus der Unterschicht, das ein Kind aus angesehenem Elternhause getötet haben soll, für ihn zur perfekten Story. Wie er versucht, an Informationen zu kommen und sich in das Leben der Familie einzuschleichen, fand ich gleichermaßen spannend wie beklemmend – und erschreckend realistisch.

Überhaupt zeichnet die Autorin ein sehr genaues Bild gesellschaftlicher Abgründe. Rassismus, Alkoholismus, Gewalt, Verwahrlosung, Teenagerschwangerschaft sind Themen, die immer wieder auftauchen. Man spürt, wie leicht Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden können – und wie schwer es ist, diesem Kreislauf wieder zu entkommen. Dieser Teil hat mir gut gefallen, weil er zeigt, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Umstände Menschen prägen können – selbst dann, wenn sie versuchen, irgendwo anders neu anzufangen.

Der Schreibstil ist angenehm flüssig und lässt sich trotz der schweren Themen leicht lesen.

Interessanterweise ist dieses Buch für mich eines, das nachwirkt. Während des Lesens war ich stellenweise unsicher, wie sehr mich die Geschichte wirklich packt. Doch je mehr Zeit seit der Lektüre vergangen ist, desto häufiger habe ich darüber nachgedacht. Über die Figuren, ihre Entscheidungen und darüber, wie viele kleine Dinge manchmal zusammenkommen müssen, damit eine Tragödie entsteht.

Fazit

„Kleine Schwächen“ ist kein klassischer Spannungsroman sondern ein nachdenkliches Portrait über gesellschaftliche Abgründe, familiäre Verstrickungen und die Folgen scheinbar kleiner Entscheidungen. Besonders der Blick auf Boulevardjournalismus, soziale Herkunft und menschliche Schwächen hat mich beschäftigt. Vollends überzeugen konnte mich das Buch dennoch nicht, weil mich die Geschichte emotional etwas auf Distanz gehalten hat. Trotzdem ist es ein Roman, der lange im Kopf bleibt und zum Diskutieren einlädt – daher die perfekte Lektüre für Lesekreise.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Kjona Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Kleine Schwächen

Autorin: Megan Nolan

Übersetzung: Stefanie Ochel

Verlag & Copyright: Kjona

Seitenzahl: 256

Erscheinungstermin: 17.02.2026

Preis: 24 € (Hardcover)

Beitrag erstellt 473

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben