Penelopes sch()iff von Ulrike Draesner ist eines dieser Bücher, bei denen ich mich im Nachhinein ehrlich frage, warum ich dachte, dass es gut zu mir passen könnte. Und gleichzeitig eines, bei dem ich schade finde, dass es das nicht getan hat.
Inhaltsangabe des Verlags
Penelope – Inbegriff der treuen Gattin, makellos in der Erfüllung ihrer Rolle als bescheiden dienende Ehefrau. Ulrike Draesner wirft dieses Narrativ beherzt über Bord und ermöglicht eine Vielzahl neuer Perspektiven: auf die Person Penelope und ihre Wünsche, ihre Tatkraft, ihren Aufbruch in ein neues Leben. Auf die bis heute prägende Kraft der Frauen- und Männerbilder des alten Griechenland. Und nicht zuletzt auf die Frage danach, was gute Regierung bedeutet. Draesners Penelope ist klug, leidenschaftlich, freiheitsliebend. Als deutlich wird, dass der so traumatisierte wie brutalisierte Kriegsheimkehrer Odysseus als Herrscher nicht mehr tragbar ist, sticht sie gemeinsam mit hundert Frauen in See. Mit Listen, die u.a. Sirenen, Großmütter und fliegende Fische enthalten, entkommt man auf dem eigens angefertigten Schiff den Verfolgern. Abenteuerlich wird die Fahrt. Nicht nur geografisch führt sie ins Ungewisse. Der Unterschied zwischen freien Helleninnen und ihren aus Afrika stammenden Sklavinnen schmilzt als erstes dahin. Immer mehr Frauen erheben die Stimme und verlangen ihre Rechte. Am Ende landet eine bunte Gesellschaft in jener Lagune an, die wir heute Venedig nennen. Es gilt, ein neues Zuhause für alle zu schaffen. Sogar die Mücken bekämpft man am besten – gemeinsam.
Meine Meinung
Ihr wisst, ich habe wenig für experimentelle Literatur übrig, noch weniger für Lyrik in Romanform. Trotzdem hatte mich die Inhaltsangabe sofort gepackt: Odysseus Frau Penelope nicht als Wartende, sondern eine Handelnde. Sozusagen die weibliche Gegen-Odyssee, politische Fragen, Aufbruch, Solidarität. Das klang großartig und ich erwartete eine mythische Geschichte aus weiblicher Perspektive, vielleicht anspruchsvoll, aber zugänglich. Tja – damit lag ich gründlich daneben.
Schon die Versform hat mich beim Lesen ausgebremst. Sie fordert Aufmerksamkeit, Geduld und eine Offenheit für Sprache, bei der ich gemerkt habe: Die bringe ich einfach nicht mit. Rückblickend kann ich noch nicht einmal sagen, worum es in diesem Roman eigentlich ging. Ich kenne die Wörter, ich verstehe ihren lexikalischen Sinn – aber ich weiß nicht, welche Geschichte sie mir erzählen sollen. Und das ist ein sehr frustrierendes Gefühl beim Lesen.
Trotzdem möchte ich dem Buch keinesfalls Unrecht tun, denn das künstlerische Konzept ist überzeugend gedacht: Penelope, die in der Mythologie das klassische Frauenbild verkörpert: wartend, vielleicht webend – findet ihre Entsprechung in der Struktur des Textes selbst. Die Zeilen wirken geordnet, verwoben, fast handwerklich gesetzt. Man spürt, dass hier Form und Figur bewusst miteinander verschränkt wurden. Auch der enorme Rechercheaufwand, der in den Roman eingeflossen ist, ist deutlich wahrnehmbar.
Die Grundidee finde ich nach wie vor großartig: Was hat Penelope während Odysseus’ Abwesenheit wirklich gemacht? Was passiert, wenn er zurückkehrt – verändert, traumatisiert, brutalisiert? Diese Fragen haben mich interessiert. Leider konnte ich sie im Text selbst nicht greifen. Ich habe sie eher aus der Idee über das Buch geschätzt als aus dem Lesen des Buches.
Die folgenden Passagen zeigen ganz gut, worauf die Autorin setzt: Klang, Rhythmus, Bilder, Atmosphäre:
„mit knoten und willkür
Ulrike Draesner: Penelopes sch()iff, S. 206
besetzt wie drachen geben
böen den segeln spannung
dass penelope schreien
möchte vor glück.“
Oder:
„satt von sperma und
Ulrike Draesner: Penelopes sch()iff, S. 107
schleim ersteht aus den
schattigen beinen der nacht
die nägel rosenrot lackiert
ins haar noch des geliebten verkrallt“
Zugegeben, das sind starke, poetische Bilder – es sind aber auch noch die für mich verständlicheren Stellen. Zu oft jedoch blieb ich ratlos zurück, ohne Halt an Handlung oder Entwicklung.
Fazit
Ich glaube, Penelopes sch()iff ist ein Buch für Leser*innen, die sich gern auf sprachliche Experimente einlassen und kein Problem damit haben, nicht alles zu „verstehen“. Wer hingegen – so wie ich – wenig Zugang zu Lyrik hat oder beim Lesen vor allem Handlung und Klarheit sucht, wird sich hier vermutlich schwertun – möglicherweise so schwer, dass sich Frust einstellt, trotz aller Wertschätzung für Idee und Kunstfertigkeit.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Penelopes sch()iff
Autorin: Ulrike Draesner
Verlag & Copyright: Penguin
Seitenzahl: 304
Erscheinungstermin: 20. August 2025
Preis: 35 € (Hardcover)