Manchmal greife ich zu einem Buch, obwohl ich weiß, dass es mich wahrscheinlich nicht mit einem guten Gefühl zurücklassen wird. Bei „Mein drittes Leben“ hat mich vor allem interessiert, wie Daniela Krien über einen Verlust schreibt, der wohl zu den größten vorstellbaren Schmerzen gehört: Wie kann ein Mensch weiterleben, wenn das eigene Kind stirbt?
Klappentext
Sie hat alles gehabt und alles verloren: Sekunden der Unachtsamkeit kosten ihre einzige Tochter das Leben. Tief sieht Linda in den Abgrund und wäre beinahe gefallen, doch da sind hauchfeine Fäden, die sie halten – die Hündin Kaja, die steten Handgriffe im Garten, das Mitgefühl für andere. Wie viel Kraft in ihr steckt, ahnt sie erst, als sie zurückfindet in einen Alltag und zu sich selbst.
Meine Meinung
Das Buch ist keine leichte Lektüre. Daniela Krien schreibt über Trauer, Schuldgefühle und die Frage, wie man mit einem Verlust weiterleben kann, den man niemals überwinden wird. Schon der Gedanke daran ist kaum auszuhalten – und trotzdem schafft es die Autorin, diesen Schmerz in Worte zu fassen, ohne ihn unnötig auszuschmücken.
Linda war für mich allerdings eine sehr schwierige Figur. Ich habe ihren Schmerz gespürt, konnte nachvollziehen, wie sehr sie unter dem Verlust ihrer Tochter leidet, aber sympathisch war sie mir nicht. Es mag schrecklich klingen, aber ihr Leiden war anstrengend und hat irgendwann nur noch genervt. Oft saß ich beim Lesen da und hätte sie am liebsten geschüttelt, weil sie sich immer weiter zurückzieht und dabei auch ihren Ehemann Richard von sich stößt. Er hat also neben seiner Tochter in gewisser Weise auch noch seine Frau verloren und dieser doppelte Schmerz war kaum auszuhalten.
Lindas Unfähigkeit, ihn an sich heranzulassen, obwohl sie weiß, dass Richard der einzige Mensch ist, der ihren Schmerz wirklich verstehen kann, hat die Autorin sehr gekonnt eingefangen. Sie zeigt damit, dass Trauer Menschen nicht automatisch verbindet, sondern manchmal sogar voneinander entfernt.
Einmal fragte er mich: „Warum kannst du nicht mit mir trauern?“, und ich entgegnete, das sei, als würde der Favorit eines Rennens den Letzten fragen, warum er nicht einfach vorne mitlaufe.
Daniela Krien: Mein drittes Leben, S. 26
Dieses Zitat beschreibt für mich sehr gut, wie unterschiedlich Menschen mit Verlust umgehen. Es gibt kein gemeinsames Tempo und keinen richtigen Weg. Jeder Mensch bleibt mit seiner Trauer letztlich allein.
Insgesamt hat mir Daniela Kriens Erzählweise sehr gut gefallen. Durch die Ich-Perspektive von Linda sind wir zwar dicht an ihren Gedanken und Gefühlen, trotzdem wahrt die Autorin eine gewisse emotionale Distanz zu den Figuren. Ich glaube, das ist ein bewusst gewähltes Stilmittel und vermutlich der Preis dafür, dass ein so schweres Thema auszuhalten bleibt. Die Trauer ist jederzeit greifbar ohne die Leser*innen völlig zu überwältigen – besonders in den Momenten, in denen Erinnerungen an ihre Tochter durch ganz alltägliche Begegnungen wieder hervorbrechen.
Für den Roman spricht auch, wie viele Passagen ich mir angestrichen habe. Daniela Krien stellt Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt. Macht es einen Unterschied, ob man ein einziges Kind verliert oder ob Geschwister zurückbleiben? Wie findet man zurück in einen Alltag, der eigentlich nicht mehr derselbe sein kann? Und was bedeutet Glück, wenn man einmal erlebt hat, wie schnell alles zerbrechen kann?
Wenn dein Leben nur im Glück einen Sinn hatte, dann hatte es nie einen Sinn.
Daniela Krien: Mein drittes Leben, S. 117
Früher war Glück das Besondere, heute ist es die Abwesenheit von Unglück: aufwachen, ohne Schmerzen sein, sich bewegen können, essen, atmen, laufen, lesen, schlafen.
Daniela Krien: Mein drittes Leben, S. 231
Daher ist „Mein drittes Leben“ in meinen Augen auch gut für einen Lesekreis geeignet, weil man über diese Fragen diskutieren und der Roman in jeder*jedem etwas anderes auslösen kann.
So gab es Passagen, die mich persönlich sehr getroffen haben. Als ungewollt Kinderlose konnte ich manche Gedanken von Linda nur schwer aushalten. Einige ihrer Aussagen fühlten sich für mich sogar verletzend an, auch wenn ich verstehen kann, dass sie aus ihrer eigenen Lebenssituation heraus entstehen.
Wer ein Kind hat, hat einen Sinn. Wer ein Werk hat, hat einen Sinn. Wer beides hat, überdauert den Tod in doppelter Weise.
Daniela Krien: Mein drittes Leben, S. 167
Von einem Menschen wie mir bleibt nichts.
Mit nur einem Kind bleiben die Freiheiten groß, mit keinem Kind sind sie grenzenlos. Doch ohne das Gebundensein ist das Freisein ohne Wert.
Daniela Krien: Mein drittes Leben, S. 117
Vielleicht sind genau solche Sätze aber auch eine Stärke des Romans: Sie zeigen, wie sehr ein Schicksalsschlag die eigene Wahrnehmung verändern kann und wie unterschiedlich Leser*innen auf bestimmte Gedanken reagieren.
Spannend fand ich auch Lindas „Was wäre wenn“ Gedanken. Da ihre Tochter durch einen Unfall ums Leben kommt, bleibt diese quälende Vorstellung, dass er hätte verhindert werden können. Diese Art von Schuld und die Suche nach einem Grund fand ich sehr glaubwürdig und auch erzählerisch stark umgesetzt.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass Daniela Krien etwas zu viele Themen in diesen Roman hineinlegen wollte. Die Geschichten rund um Natascha und Nine empfand ich als zu viel und auch die Bedeutung der Herkunft aus dem Osten Deutschlands hat sich für mich nicht vollständig mit der eigentlichen Geschichte verbunden. Ich kann nachvollziehen, warum diese Aspekte für die Autorin wichtig sind, aber für mich haben sie den Roman nicht bereichert.
Last but not least konnte mich das offene Ende nicht überzeugen. Es war einfach over the top.
Fazit
Nicht jedes Buch muss einen vollkommen begeistern, um lesenswert zu sein. „Mein drittes Leben“ gehört für mich genau in diese Kategorie. Es hat mich nicht immer erreicht und Linda ist mir bis zum Schluss fremd geblieben. Aber Daniela Krien ist es gelungen, einen der schlimmsten vorstellbaren Verluste so eindringlich zu erzählen, dass ich das Buch zwar erleichtert zuschlug – seine Fragen mich aber noch lange beschäftigt haben.
Bibliografie

Titel: Mein drittes Leben
Autorin: Daniela Krien
Verlag & Copyright: Diogenes
Seitenzahl: 304
Erscheinungstermin: 25. Februar 2026
Preis: 15 € (Taschenbuch)