Manchmal braucht es nur die richtige Person zur richtigen Zeit – in meinem Fall war es eine Freundin, die mir dieses Buch immer wieder ans Herz gelegt hat. So oft, dass ich irgendwann nicht mehr widerstehen konnte. Und was soll ich sagen: Selten habe ich mich so schnell und so tief in eine Geschichte fallen lassen.
Klappentext
Die große Liebe: Ist das ein Konzept, das überhaupt noch zeitgemäß ist? Und wenn ja, wie könnte eine große Liebe aussehen, die sich nicht von traditionellen Rollenbildern oder romantischen Idealen einengen lässt?
David und Luisa begegnen sich zum ersten Mal auf Milos, nach einer gemeinsamen Nacht am Strand trennen sich ihre Wege. Jahre später treffen sie sich zufällig wieder, und diesmal bleiben sie zusammen. Mit Ronya, der Tochter der älteren Luisa, formen sie eine Patchwork-Familie. David wird immer vertrauter mit der Vaterrolle, wünscht sich schließlich ein eigenes Kind. Der Kinderwunsch wird zu einer von vielen Prüfungen, die das Paar bestehen muss.
Meine Meinung
„Zehn Bilder einer Liebe“ ist wohl eins der sprachlich schönsten Bücher, die ich je gelesen habe.
Schon nach wenigen Seiten war mir klar: Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes, vor allem sprachlich – so dicht, so fein, so präzise, dass jede Zeile sitzt. Auf gerade einmal 250 Seiten entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die sich groß anfühlt, ohne laut zu sein. Die Lektüre ist intensiv, gerade weil die Geschichte so real wirkt.
Auch die fragmentarische Erzählweise hat mich begeistert: In zehn Episoden erfahren wir Stück für Stück die Liebesgeschichte der Protagonist*innen. Dabei springen wir vor und zurück, tauchen ein in Momentaufnahmen ihres gemeinsamen Lebens – in schöne, schmerzhafte, alltägliche Situationen, ohne dass es jemals schwer wird zu folgen. Diese schlaglichtartige Darstellung ihrer Beziehung hat fast schon etwas Intimes und am Ende habe ich das Gefühl, die beiden wirklich zu kennen.
Natürlich wird die Geschichte vor allem von den Figuren getragen. Durch die wechselnden Perspektiven bekommt man unmittelbaren Zugang zu ihren Gedanken, ihren Zweifeln, ihren Sehnsüchten. David und Luisa sind keine perfekten Liebenden, sondern zwei Menschen mit Vergangenheit, mit Unsicherheiten, mit ganz eigenen Sichtweisen auf das Leben – und genau das macht sie so greifbar, lässt ihre Beziehung so real wirken. In beide kann ich mich gut hineinversetzen. Man fühlt mit ihnen, leidet mit ihnen, versteht ihre inneren Konflikte und diese oft so schwer auszuhaltende Zerrissenheit. Auch die Nebenfiguren fügen sich stimmig ein und wirken lebendig.
Selbst die Zeit der Pandemie fühlt sich natürlich an und offenbart, wie äußere Umstände Beziehungen verändern können.
Hannes Köhler setzt die Themen Patchworkfamilie, Kinderwunsch und Age-Gap wie selbstverständlich zu einer stimmigen Geschichte zusammen. Nichts wirkt konstruiert, alles ergibt sich organisch aus Davids und Luisas Leben. Dabei hat mir vor allem der männliche Blick auf das Thema Kinderwunsch eine bereichernde, neue Perspektive eröffnet. Gleichzeitig zeigt das Buch schonungslos, wie belastend dieser Weg für beide sein kann – wie sehr er an einer Beziehung zehrt und wie unterschiedlich zwei Menschen mit denselben Erfahrungen umgehen.
Der Schreibstil ist ruhig und ohne überzogenes Drama. Es gibt keine gekünstelten Zuspitzungen – vielleicht berührt die Geschichte deshalb so sehr. Es geht um das, was Beziehungen wirklich ausmacht: Kommunikation, oder eben das Scheitern daran. Die Erkenntnis, dass es oft am schwersten ist, sich den Menschen mitzuteilen, die einem am nächsten stehen. Und auch darum, wie sehr unsere eigene Kindheit, unsere gemachten Erfahrungen, unser Bild von Liebe und Familie prägt.
Aber dann ist da dieses Ende…
Ich habe es kommen sehen. Mit jeder Seite, die ich mich dem Schluss näherte, wurde dieses ungute Gefühl stärker. Und obwohl ich so sehr gehofft habe, dass ich mich irre, ist genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte. Für mich hat dieses Ende rückwirkend leider etwas von dem zerstört, was ich zuvor so geliebt habe. Denn es wirkt nicht nur unglaubwürdig, sondern vermittelt auch ein auch ein gänzlich falsches Bild, das mich persönlich sehr getroffen hat. Es fällt mir wirklich schwer, dieses Ende mit dem sonst so einfühlsamen Roman in Einklang zu bringen.
Fazit
Bis Seite 217 ist „Zehn Bilder einer Liebe“ für mich ein nahezu perfekter Roman – sprachlich brillant, emotional tief und erschreckend nah am echten Leben. Eine große, leise Liebesgeschichte, die zeigt, was wirklich zählt. Über das Ende sprechen wir einfach nicht mehr.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar von der Frankfurter Verlagsanstalt zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Zehn Bilder einer Liebe
Autor: Hannes Köhler
Verlag & Copyright: Frankfurter Verlagsanstalt
Seitenzahl: 224
Erscheinungstermin: 27.02.2025
Preis: 24 € (Hardcover)