Das Tränenhaus von Gabriele Reuter

Auf Gabriele Reuter bin ich durch Teresa Reichls Buch „Muss ich das gelesen haben“ aufmerksam geworden. Und ich bin ja gerade dabei, mich etwas mit Klassikern anzufreunden, insbesondere, wenn sie von Frauen geschrieben wurden.

Klappentext

Abseits der Blicke der Außenwelt, draußen in der schwäbischen Provinz, führt eine patente Hebamme ein Frauenheim. Wer diskret ein Kind zur Welt bringen will, findet hier Unterschlupf. Auch die Schriftstellerin Cornelie Reimann zieht sich hierhin zurück. Nur zeigt die Fassade bald Risse, rohe Schikanen nehmen ihren Lauf – und Cornelie erkennt den hohen Preis ihres Wunsches, eine selbstbestimmte Mutter zu sein.
Das Tränenhaus wurde bei Erscheinen 1908 zum Skandal und eröffnet heute eine einzigartige Perspektive auf die Ursprünge des Umgangs mit weiblicher Selbstermächtigung.

Meine Meinung

Um ehrlich zu sein, wusste ich vor der Lektüre weder über die wilhelminische Kaiserzeit noch über die damals existierenden Geburtshäuser irgendetwas. Dass Gabriele Reuter dabei ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet hat und die Protagonistin Cornelie ihr deutlich nachempfunden ist, macht die Geschichte außerdem extrem authentisch.

Besonders mochte ich die vielen unterschiedlichen Frauenfiguren. Jede bringt ihre eigene Geschichte mit, jede geht anders mit ihrer Schwangerschaft, mit Angst, Scham und gesellschaftlicher Ausgrenzung um. Ihre Charaktere sind ausreichend detailreich beschrieben, so dass man ihre Schicksale gut nachvollziehen kann, aber wirklich nahe gekommen ist mir keine von ihnen. Ich hatte auch eher das Gefühl, dass es weniger um einzelne Schicksale geht als um das, was diese Frauen verbindet. Um den Druck, unter dem sie stehen. Um die Verachtung, die ihnen entgegenschlägt. Aber eben auch um den Zusammenhalt untereinander. Gerade das hat mich sehr berührt. Für mich steckt in diesem Roman deshalb auch eine große Hommage an weibliche Solidarität.

Doch der interessantestes Charakter ist natürlich Cornelie. Im Gegensatz zu den anderen Schwangeren ist sie gebildet, unabhängig und weiß eigentlich genau, was sie will: Keinen Mann oder traditionelle Familie. Stattdessen will sie weiterhin als Schriftstellerin arbeiten und ihr Kind allein großziehen. Was heute selbstverständlich klingen mag, muss damals unglaublich provokant gewesen sein. Gabriele Reuter wagt es nicht nur, sogenannte „gefallene Mädchen“ ins Zentrum ihrer Geschichte zu stellen und die gesellschaftliche Doppelmoral offenzulegen, sondern denkt Mutterschaft auch völlig neu. Und ehrlich gesagt: Cornelies Wunsch wirkt auch heute noch erschreckend aktuell.

Besonders hängen geblieben ist mir deshalb dieser Satz:

„(…) solche Macht und Gewalt könnten die Frauen bekommen, wenn sie sich nicht länger um eines Dogmas willen gegenseitig hassen, verachten und verfolgen würden.“

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus, S. 116

Überhaupt zeigt das Buch sehr deutlich, wie allein die Frauen die Konsequenzen einer Schwangerschaft tragen mussten. Die Männer spielen kaum eine Rolle, Verantwortung schon gar nicht. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte.

Auch die Atmosphäre hat mich schnell eingefangen. Die schwäbische Provinz ist auf jeder Seite spürbar, nicht nur wegen der Schauplätze, sondern auch wegen des schwäbischen Dialekts. Der macht den Roman zwar authentisch, hat meinen Lesefluss aber manchmal etwas ausgebremst – vor allem, weil er nicht nur in den Dialogen auftaucht.

„Beruhigen?“, heulte Annerle, „oh, mei Freile Cornelie, was das Weib mir antan hat, die böse, böse Hex … Hab ich Ihnen nit gesagt – anonyme Brief‘ schreibt’s, das Vieh … An meine Leut‘ daheim! Und nun wissen’s alle, wie’s um mich steht – und dass ich zum zweiten Mal in der Hoffnung bin … Oh, mei Jesus … Mei Mutter möchte gerad ins Wasser geh’n vor Scham!“

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus, S. 64

Natürlich merkt man dem Buch an, dass es vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Die Sprache liest sich durch die modernisierte Orthographie zwar gut, wirkt aber trotzdem stellenweise etwas sperrig. Für mich war es daher keine lockere oder besonders unterhaltsame Lektüre. Dafür aber eine wichtige. Und Gabriele Reuter ist eine gute Beobachterin.

Sehr gelungen fand ich auch den Anhang mit der Zeittafel zum Leben der Autorin und der Einordnung der Romanentstehung. Dadurch bekommt man noch einmal ein besseres Gefühl dafür, wie mutig dieses Buch damals eigentlich gewesen sein muss.

Fazit

Ein beeindruckendes Buch und ein wichtiges Zeitzeugnis, wie ich finde. Oft lohnt es sich, statt zum nächsten männlichen Klassiker von Theodor Fontane oder Thomas Mann zu greifen, solchen weiblichen Stimmen Raum zu geben.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Reclam Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Das Tränenhaus

Autorin: Gabriele Reuter

Verlag & Copyright: Reclam

Seitenzahl: 204

Erscheinungstermin: 18.03.2026

Preis: 22 € (Hardcover)

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