Einstein im Bade von Daniel Mellem

Dieser Roman hatte mich schon beim Klappentext und nach den ersten Seiten war ich verliebt: In die Sprache, die Figuren, das Setting und …
… die Relativitätstheorie.

Klappentext

In Bad Nauheim führt Direktor Kleeberger sein Hotel Rastender Kranich seit Jahrzehnten als Refugium vor den Turbulenzen der Zeit. Die Ruhe droht gestört zu werden, als im Jahr 1920 im beschaulichen Kurort die Versammlung Deutscher Naturforscher mit über zweitausend Teilnehmenden ansteht. Die neue Relativitätstheorie hat die wissenschaftliche Gemeinde gespalten, und die beiden ärgsten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard sind ausgerechnet im Rastenden Kranich einquartiert.
Kleeberger wittert eine Chance: Wäre es nicht die beste Werbung für sein veraltetes Hotel, wenn er den Streit dort schlichten würde? Doch hinter fachlichen Differenzen lauern ungeahnte Abgründe, und der Tee, der im Rastenden Kranich einst Bismarck in den Schlaf wiegte, wird kaum ausreichen, um die Gemüter zu besänftigen. Zwischen Schlichtungsversuchen und dem Bemühen, es allen Gästen recht zu machen, entgleitet Kleeberger nach und nach die Kontrolle über sein Hotel.

Meine Meinung

Alle Zimmer sind belegt: mit Einstein, Planck und bedauerlicherweise auch denjenigen, die die Relativitätstheorie einfach nicht verstehen (wollen). Und mittendrin ein Hoteldirektor, der eigentlich nur die Fassade der Ruhe wahren möchte und sich dabei immer tiefer ins Chaos manövriert. Kleeberger ist eine dieser Figuren, die man vom ersten Moment an ins Herz schließt: überfordert, ein wenig aus der Zeit gefallen, liebenswert in seiner altmodischen Art und mit einer Beharrlichkeit, die ihn von einer missglückten Lösung direkt ins nächste Problem stolpern lässt. Diese Kettenreaktion hat etwas herrlich Tragikomisches, das mich durchgehend schmunzeln ließ und gleichzeitig mitfühlen ließ.

Die Gästeschar ist ebenso skurril wie lebensecht. Ob reale Größen der Wissenschaft oder eigensinnige Hotelbewohner – sie alle wirken so präzise gezeichnet, dass ich das Gefühl hatte, ihnen tatsächlich begegnet zu sein. Besonders die Dialoge tragen dazu bei: pointiert, unterhaltsam und oft von einer feinen Komik durchzogen, entfalten sie eine Dynamik, die fast schon nach einer Bühnenadaption schreit. Dieses Kammerspiel-Feeling hat mich komplett eingenommen.

Was mich aber wirklich beeindruckt hat, ist die Komposition des Romans. Der Streit um die Relativitätstheorie dient nicht nur als inhaltlicher Motor, sondern öffnet zugleich den Blick auf die gesellschaftlichen Spannungen der Zeit. Wie subtil und zugleich eindringlich der aufkommende Antisemitismus in die Handlung eingeflochten wird, ist unfassbar klug gemacht und verleiht der Geschichte eine Tiefe, die lange nachhallt. Gleichzeitig gelingt es dem Autor, komplexe wissenschaftliche Ideen so elegant in Gespräche einzubetten, dass sie verständlich bleiben, ohne an Anspruch zu verlieren – man spürt hier deutlich seine eigene fachliche Nähe.

Der Schreibstil ist ein Genuss. Atmosphärisch dicht und unglaublich bildhaft habe ich Rezeption, Zimmer und Speisesaal direkt vor Augen. Diese Sprache trägt den Klang der frühen zwanziger Jahre in sich, ohne sperrig zu wirken, sondern vielmehr wie eine Zeitreise, die mich direkt nach Bad Nauheim versetzt hat.

Dabei oszilliert der Roman ständig zwischen Nähe und Distanz, zoomt hinein in einzelne Szenen und wieder hinaus ins große Ganze – fast impressionistisch in seiner Erzählweise. Die Slapstick-haften Momente, besonders im Badehaus, stehen dabei in einem reizvollen Kontrast zu den ernsteren Untertönen. Historie und Fiktion greifen so organisch ineinander, dass ich immer wieder vergessen habe, dass dieses Hotel gar nicht existiert.

Einziger Kritikpunkt: Man muss selbst recherchieren, was historisch belegt und was der Fantasie des Autors entsprungen ist.

Fazit

Ein intelligenter, atmosphärischer und überraschend humorvoller Roman, der Wissenschaftsgeschichte lebendig macht und gleichzeitig den Zeitgeist einfängt. Wer hätte gedacht, dass der Streit über die Relativitätstheorie so unterhaltsam sein kann? Ein originelles Buch, das lange nachwirkt – und definitiv Lust darauf macht, sich näher mit dieser Theorie und den dahinterstehenden Personen zu beschäftigen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Kein & Aber Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Einstein im Bade

Autor: Daniel Mellem

Verlag & Copyright: Kein & Aber

Seitenzahl: 272

Erscheinungstermin: 09. Februar 2026

Preis: 26 € (Hardcover)

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