Linn Strømsborg erstes Buch „Nie, nie, nie“ habe ich sehr gefeiert, daher war ich mega gespannt auf ihren neuen Roman. Außerdem war Norwegen Gastland auf der Leipziger Buchmesse und ich auf der Suche nach norwegischer Literatur für meine erste Kreuzfahrt im Mai. Dieses Mal geht es etwas allgemeiner ums Frau sein – und das macht leider verdammt wütend…
Klappentext
Britt ist dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ihr ganzes Leben lang hat sie das Richtige getan, sie hat Verantwortung übernommen, hinter sich und anderen aufgeräumt. Aber an diesem einen Tag, im Urlaub im Sommerhaus in Norwegen rastet sie aus, staucht ihre gesamte Familie und ihre Freunde zusammen. Und das Einzige, was sie bedauert, ist, dass sie das nicht schon vor langer, langer Zeit getan hat.
Gemeinsam mit ihrer Bekannten Niko fährt sie los: einfach nur weg, eine Nacht an den Strand, die Freiheit spüren, die sie sich nie zugestanden hat. Doch irgendwann ist die Nacht vorbei, und Britt muss sich fragen, wer sie sein will: als Frau, als Partnerin, als Mutter.
Meine Meinung
Erneut geht mir Linn Strømsborg mit einer Geschichte voll unter die Haut – vor allem, weil es ihr gelingt, mit minimalistischem Stil, aber maximaler Wucht einen emotionalen Ausnahmezustand abzubilden, der sehr nah an der Realität vieler Frauen ist. Schonungslos blickt sie auf die kleinen Abgründe des Alltags: die scheinbar banalen Ungleichheiten, die sich über Jahre summieren, das Gefühl, ständig zu leisten, ohne gesehen zu werden. Es geht nicht nur um Care-Arbeit, sondern auch um die mentale Last, um das Nicht-mehr-Können – und um Wut. Nicht als Pose, sondern als überlebenswichtige Reaktion. Diese präzise Beobachtung schmerzt – und wirkt nach.
Dabei nimmt uns die Autorin mit in Britts Gedankenwelt; lässt uns spüren, wie sich Selbstaufgabe, Erschöpfung und Frustration anstauen, bis es nicht mehr geht. Der gewählte Ich-Stil verstärkt diesen Eindruck, man ist Britt ganz nah, und genau das macht die Lektüre so intensiv. Die kurzen, prägnanten Kapitel entwickeln dabei eine regelrechte Sogwirkung.
Besonders gelungen ist die Darstellung der Dynamik zwischen Britt und ihrem Ehemann Espen. Er ist keine überzeichnete Karikatur, sondern ein beängstigend realistisches Beispiel für männliche Bequemlichkeit in einer gleichgültigen Partnerschaft – einer, der sich selbst für gerecht hält, während er das Ungleichgewicht unreflektiert aufrechterhält. Die wenigen Abschnitte aus seiner Perspektive wirken dabei wie ein bitterer Kontrapunkt – sie zeigen, wie tief strukturelle Ungleichheit in unseren Beziehungen verankert sind.
Doch auch Britt ist keineswegs ein durchweg sympathischer Charakter – das muss sie auch gar nicht. Es geht weniger um Identifikation als um Konfrontation. Britt ist weder „perfekte“ Frau, Mutter oder Ehegattin – aber gerade das macht sie so authentisch. Ihre Wut ist roh, ungefiltert, nachvollziehbar und richtet sich gegen die Gesellschaft, gegen festgefahrene Rollenbilder, gegen Frauen, die scheinbar alles besser hinbekommen – und nicht zuletzt gegen Britt selbst.
Fazit
Auch wenn mich Strømsborgs vorheriger Roman „Nie, nie, nie“ inhaltlich noch etwas stärker gepackt hat, empfinde ich „Verdammt wütend“ als wichtiges Buch. Mit literarischer Präzision trifft sie einen Nerv, ohne weibliche Wut als destruktive Kraft darzustellen. Vielmehr wird sie Antrieb zur Veränderung. Und so ist der Roman ein Aufschrei gegen das Hinnehmen, gegen das Stillhalten – und gleichzeitig eine Einladung, die eigenen Bedürfnisse wieder zu hören.
Für alle Frauen, die sich schon einmal gefragt haben, ob sie zu empfindlich sind – oder vielleicht einfach nur zu lange still waren.
Und für alle Männer, die bereit sind, zuzuhören.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom DuMont Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Verdammt wütend
Autorin: Linn Strømsborg
Übersetzung: Karoline Hippe
Verlag & Copyright: DuMont
Seitenzahl: 224
Erscheinungstermin: 14.10.2024
Preis: 23 € (Hardcover)