Georgien – Eine literarische Reise

Ich liebe Reiseberichte und Georgien fasziniert mich spätestens seit Nino Haratischwilis „Das achte Leben“. Und Bücher wie dieses hier lassen mich literarisch um die Welt streifen, Abenteuer erleben und Orte entdecken, die ich mich im echten Leben vielleicht nie trauen würde zu besuchen.

Klappentext

Auf Einladung von Nino Haratischwili und dem Goethe-Institut Georgien sind sechs deutsche und sechs georgische Autoren und Autorinnen durch Georgien gereist, in das kleine Land zwischen dem Schwarzen Meer, dem Großen und dem Kleinen Kaukasus, wo tiefe Schluchten, hohe Gletscher, lange Palmenküsten, historische Höhlen und kosmopolitische Metropolen zu finden sind. Prometheus, Medea, Rustaweli und Stalin, sie alle gehören zu Georgien wie die einzigartige gewundene, uralte Schrift, eine fünfzehn Jahrhunderte währende literarische Tradition, fünfhundert Rebsorten und die unermessliche Gastfreundschaft. Entstanden sind literarische Reiseberichte, poetische Reflexionen und humorvolle Betrachtungen. Was sieht der fremde, was der eigene Blick bei der Erkundung dieses faszinierenden Landes? Georgien. Eine literarische Reise ist eine Entdeckungstour durch ein widersprüchliches und wunderschönes Land, grafisch bibliophil gestaltet, und enthält überdies wunderbar humorvolle Weisheiten: „Als Paar zu reisen ist immer ein Risiko“, „Ein geschickter Traktorist ist in den Bergen eine sehr wichtige Persönlichkeit“ oder „Don’t smoke on the horse“. Kurz: eine Einladung an den Leser, auf der Stelle seine Koffer zu packen.

Meine Meinung

Dieses Buch war für mich eine ganz besondere deutsch-georgische Begegnung und ein außergewöhnlicher Kulturaustausch. Sechs Reisen, sechs Geschichtenpaare, zwölf Perspektiven – und jede einzelne hat mich tiefer in dieses faszinierende Land hineingezogen. Dieses Projekt zeigt, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt und genau das machte es so eindrucksvoll: Jeweils ein deutscher und ein georgischer Tandempartner reisen gemeinsam dieselbe Route, nutzen das gleiche Fortbewegungsmittel, essen und trinken dasselbe, erleben identische Abenteuer – und erzählen doch zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Mal stehen diese lose nebeneinander, mal greifen sie ineinander, doch immer eröffnet die zweite Stimme eine neue Ebene, lässt mich genauer hinsehen und noch tiefer eintauchen.

Die Reise beginnt in Tuschetien, wo Lucy sich todesmutig über den gefährlichsten Pass der Welt wagt – etwas, das ich selbst niemals getan hätte. Doch durch diese „wilde Frau aus Berlin“, konnte ich diese Expedition miterleben, während Archil mich mit Legenden, Traditionen und dem Alltag der Region versorgte. Zwischen Schafen, Käse und Schnaps hätte ich am liebsten alles selbst probiert – also zumindest das Essen und Trinken…

Mit Ulla Lenze geht es weiter nach Kachetien, zu Kirchen, Geschichte und Landschaft, und Tamta Melaschwili erweitert diesen Weg um faszinierende Einblicke in Klosterleben, Nationalpark, Kunst und Vogelwelt. Anschließend nimmt Volker Schmidt mich mit auf eine große Rundreise von Tbilissi über Gori, Kutaissi, Batumi, Chulo, Achalziche, Wardsia und Bordschomi zurück nach Tbilissi. Obwohl mir sein Zugang weniger naheging, schenkte mir die zweite Perspektive von Irma Tawelidse einen umso lebendigeren Blick auf diese Route und ließ mich die Stationen bildhaft miterleben.

Dann endlich eine vertraute Stimme: Fatma Aydemir. Ihre Eindrücke aus Tbilissi sind so intensiv, so lebendig, dass ich am liebsten sofort meine Koffer gepackt hätte. Nestan Nene Kwinikadse wiederum berührt mich tief mit einer Geschichte, die sich wie eine persönliche Erinnerung anfühlt, eng verwoben mit Kunst und Geschichte Georgiens, geheimnisvoll und emotional.

Mit Stephan Reich geht es lyrisch durch Swanetien, was zwar nicht ganz meinem Geschmack entspricht, doch Anna Kordsaia-Samadaschwili zeigt mir direkt danach auf wunderbar anschauliche Weise, wie es gewesen sein muss, in dieser rauen Bergwelt eine Straße zu bauen. Zum Abschluss tauche ich gemeinsam mit Katja Petrowskaja und Abo Iaschaghaschwili tief in Geschichte, Mythen und Sagen des Kaukasus ein – ein wirklich würdiger und eindrucksvoller Ausklang dieser Reise.

Die Schreibstile sind verschieden, haben aber eines gemeinsam: Sie bringen mir Georgiens Landschaft, die Menschen und ihre Kultur näher. Von der ersten Seite an werde ich in dieses Buch hineingezogen und reise als stille Weggefährtin überall hin mit. Die Atmosphäre ist wirklich unglaublich und die Tandem-Idee hat mich besonders begeistert, weil sie Außenblick und Innenperspektive vereint – neugierige Beobachtung trifft auf Erinnerung, Geschichte und Identität. Kennt ihr das? Wie man plötzlich anders auf vertraute Orte blickt, wenn man Gäste hindurchführt? Genau darauf setzt dieses Buch.

Mir gefielen auch die Autor*innenportraits inkl. einer Auswahl ihrer Werke am Ende jeder Geschichte. Da kann man also direkt weiterlesen und auch auf meinen Wunschzettel sind einige ihrer Bücher gewandert. Die Illustrationen von Julia B. Nowikowa sind zwar durch ihre dunkle Gestaltung etwas schwer zu deuten, aber kunstvoll und atmosphärisch gestaltet.

Das Buch eignet sich durch seinen Aufbau perfekt als Nachttischlektüre – aber lest am besten immer die Geschichten der Tandempartner*innen zusammen.

Fazit

Kaum ein anderes Buch hat sich bisher so gut für meine literarische Weltreise geeignet. Es hat mir Georgien nähergebracht, mich staunen lassen, mich bewegt – und mir einmal mehr gezeigt, wie wunderbar es ist, sich lesend auf Reisen zu begeben. Und wenn Literatur Fernweh auslösen kann, dann diese.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar von der Frankfurter Verlagsanstalt zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Georgien – Eine literarische Reise

Autor*innen: Fatma Aydemir, Nestan Nene Kwinikadse, Lucy Fricke, Archil Kikodze, Ulla Lenze, Tamta Melaschwili, Stephan Reich, Anna Kordsaia-Samadaschwili, Katja Petrowskaja, Abo Iaschaghaschwili, Volker Schmidt, Irma Tawelidse

Vorwort: Nino Haratischwili

Übersetzung: Rachel Gratzfeld, Sybilla Heinze

Illustriert von: Julia Bührle-Nowikowa

Herausgeber: Goethe-Institut Georgien

Verlag & Copyright: Frankfurter Verlagsanstalt

Seitenzahl: 196

Erscheinungstermin: 31.08.2018

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