Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic

Bei diesem Buch war ich erst Titel- und dann Coveropfer. Der Klappentext und die ersten Seiten klangen vielversprechend. Aber es ist ein Buch, dass man nicht allein lesen sollte.

Klappentext

Es brennt. In den Wäldern und auf den Screens. Die 15-jährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand und versucht dem schleichenden Prozess der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, indem sie das Aussterben der Vögel dokumentiert. In einem Stream beobachtet sie ihre Mitschülerin Maja und deren Schwester Merle, die auf der benachbarten Lichtung Festplatten in die Luft jagen. Maja ist die Tochter zweier Momfluencerinnen, die versucht, die Erinnerungen an eine öffentliche Kindheit auszulöschen. Während Era Notizbücher führt, Zeichnungen anfertigt und all das Wissen, auf das sie Zugriff hat, zu ordnen versucht, bildet Maja eine zerstörerische Gegenkraft. Dennoch sind Era und Maja verbunden in ihrer Suche nach Intimität und analogen Reizen. Während die Turteltaube ausstirbt, verlieben die beiden sich ineinander. Aber nicht nur die Vögel sind bedroht: Als ein großflächiger Brand den Wald zerstört, verlieren auch die Mädchen einen bedeutenden Teil ihres Lebensraums.

Meine Meinung

Der Titel ist Programm – wortwörtlich. In Fiona Sironics Roman sprengen Mädchen Festplatten auf Waldlichtungen in die Luft, während die Welt um sie herum brennt – ökologisch, digital, emotional. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der 15-jährigen Era, die mit ihrer Mutter am Rand eines zunehmend zerstörten Waldes lebt und das Aussterben der Vögel dokumentiert. In ihrer Beobachtung und Archivierung der analogen Welt trifft sie auf Maja, die radikal das Gegenteil verfolgt: löschen, was bleibt, was war, was gespeichert wurde – insbesondere ihre digitale Vergangenheit als Kind zweier Influencerinnen.

Ein Roman zwischen Bewahren und Auslöschen

Das Buch ist ein stilles Ringen zwischen zwei gegensätzlichen Haltungen: Era, die Wissen, Artenvielfalt und Erinnerung bewahren möchte, und Maja, die sich von allem lösen will, was die Welt je über sie wusste. Dieser Kontrast – zwischen analoger Tagebuchromantik und digitalem Dateninferno – zieht sich durch den ganzen Text. Dabei wird immer wieder die Frage aufgeworfen: Was bleibt von uns, wenn alles zerstört ist – und was sollte bleiben?

Sperrig, rätselhaft, atmosphärisch stark

Die Lektüre ist anspruchsvoll. Der Sprachstil verlangt Konzentration, vieles bleibt vage, vieles ungeklärt. Warum brennt die Welt? Warum verschwinden die Tiere? Was ist das „Archiv“? Wieso macht Social Media krank? Der Roman streut Hinweise nur spärlich und verlangt Leser*innen einiges an Interpretationsleistung ab. Wer klare Antworten sucht, wird enttäuscht – oder gerade dadurch zum Nachdenken angeregt. Die Dystopie bleibt im Ungefähren, aber sie fühlt sich erschreckend nah und real an.

Vögel, Metaphern und queere Liebe

Die Stärke des Romans liegt weniger in seiner Handlung – die eher minimalistisch bleibt – als in seiner Atmosphäre, seinen Metaphern und der dichten Stimmung. Die Beziehung zwischen Era und Maja ist zart, verletzlich und widersprüchlich – wie die Welt, in der sie leben. Die Auseinandersetzung mit dem Aussterben der Vögel ist besonders gelungen und zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch – ein Symbol für Verlust, Vergänglichkeit und unsere Verantwortung.

Fazit

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft ist ein öko-politischer, queerer Coming-of-Age-Roman mit dystopischem Setting und einer bedrückend realistischen Grundstimmung. Trotz (oder gerade wegen) seiner offenen Fragen, seines Chaos und seiner sprachlichen Dichte eignet er sich hervorragend für einen Lesekreis. Wer bereit ist, sich auf Unklarheiten, Metaphern und eine eher anstrengende Erzählweise einzulassen, wird mit einem ungewöhnlichen Roman belohnt, der lange nachwirkt – auch wenn (oder weil) man nicht genau sagen kann, was die Autorin einem damit eigentlich sagen wollte.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Ecco Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Autorin: Fiona Sironic

Verlag & Copyright: Ecco

Seitenzahl: 208

Erscheinungstermin: 25.03.2025

Preis: 23 € (Hardcover)

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