Die Wagemutige von Caroline Bernard

Ganz ehrlich? Der Name Lisa Fittko war mir gänzlich unbekannt. Allerdings hatte ich mich auch noch nie mit dem Widerstand beschäftigt, den Frauen im zweiten Weltkrieg leisteten. Die Geschichte der Protagonistin klang damit schonmal sehr interessant. Und dass sie von meiner Lieblings-Romanografie-Autorin, Caroline Bernard, erzählt wird, besiegelte die Lektüre.

Klappentext

Frankreich 1940: Seit die Nazis an der Macht sind, ist Lisa im Widerstand. Als feindliche Ausländerin wird sie in Südfrankreich interniert. Um den vorrückenden Deutschen nicht in die Hände zu fallen, flieht sie in letzter Minute. In Marseille versucht Lisa mit ihrem Mann Hans verzweifelt, an Ausreise-Visa zu kommen. Dabei trifft sie den Amerikaner Louis. Sie verlieben sich Hals über Kopf. Louis steht für alles, wonach sie sich sehnt: Sicherheit, Verlässlichkeit, Zärtlichkeit. Dann bekommt sie den Auftrag, in den Pyrenäen eine geheime Fluchtroute für deutsche Exilanten zu finden und plötzlich muss sie sich entscheiden: Folgt sie Louis und ihrem Wunsch nach Liebe oder kämpft sie weiter für Gerechtigkeit und Freiheit? Und für das Leben so vieler Menschen?

Meine Meinung

Geschichten über den zweiten Weltkrieg sind natürlich nicht ohne, aber irgendwie schafft es Caroline Bernard immer wieder, auch das düsterste Setting auf unterhaltsame Weise interessant und lehrreich zu gestalten, ohne den Ernst der Situation zu schmälern. Das beginnt schon mit den Internierungslagern in Frankreich: den Lesenden werden die gruseligen Zustände anschaulich geschildert, aber gleichzeitig auch, wie Lisa die Frauen zum Zusammenhalt antrieb und sie es dadurch schafften, den Mut nicht zu verlieren. Das alles erzählt die Autorin so real, dass man fast vergisst, einen Roman zu lesen. Als sich die Protagonistin in Marseille vor den Nazis versteckt und einen Weg für sich und ihre Familie raus aus Europa sucht, staune ich immer wieder über die zahlreichen bürokratischen Hürden, mit denen die Flüchtlinge zu kämpfen hatten und die vielen Tricks und Kniffe, die dabei halfen, sie zu überwinden. Gleiches gilt für die Netzwerke, die Lisa an den verschiedensten Orten aufbaut, so wie im letzten Drittel, als es darum geht, Menschen über die Berge nach Spanien zu bringen. Bei den bildhaften Beschreibungen habe ich außerdem das Gefühl, selbst mit Lisa über die Fluchtroute zu wandern.

Charaktere

Alle Figuren sind sehr detailliert ausgearbeitet und lebensecht gezeichnet. Besonders die Menschen aus Banyul haben es mir angetan (na gut, mit einigen Ausnahmen natürlich). Aber eigentlich gilt das für alle.

Lisa Fittko steht als Protagonistin natürlich im Vordergrund, aber Caroline Bernard hebt in ihrem Buch allgemein immer wieder die Leistungen der Frauen im Kampf gegen die Nazis hervor, was mir sehr gut gefällt.

Wie nicht anders zu erwarten, hat Caroline Bernard ausgezeichnet recherchiert und im Nachwort erklärt, was der Realität entsprach und was ihrer Fantasie entsprang. Fiktion nutzt sie insbesondere, um gewisse Herausforderungen der Protagonistin zu verdeutlichen. Mit der angedichteten Affaire und der damit verbundenen Möglichkeit auf ein sofortiges sicheres Leben in Amerika, stellt sie Lisa vor eine schwierige Entscheidung. Wie würden wir uns entscheiden? Doch diese Beziehung zeigt auch die verschiedenen Lebenswelten, die damit aufeinandertreffen: Ein wohlhabender Amerikaner, der tun und lassen kann, was er will und vor allem, gehen kann, wann immer und wohin er möchte und einer Frau, die ihr eigenes Leben und Glück aufs Spiel setzt, um anderen zu helfen und gegen die Nazis zu kämpfen. Er lädt sie zu einem Champagner ein, während sie versucht, ihre abgetragenen durchlöcherten Schuhe unter dem Tisch zu verbergen.

Die Autorin nutzt ihre Figuren also äußerst geschickt, um uns verschiedene Sachverhalte vor Augen zu führen. Bspw. handelt es sich in den beiden Beziehungen, die Lisa führt, um zwei unterschiedliche Arten von Liebe. Zum einen gibt es da ihren „Mann“ Hans, für den das politische Ziel immer an erster Stelle steht, der aber in seinem Herzen eine tiefe, bodenständige und pragmatische Liebe für Lisa empfindet und zum anderen Louis, mit seiner Leidenschaft und seinem Sinn für das gute Leben, der eine Familie gründen will und damit all das verkörpert, was sich eine junge Frau von damals wünschte.

Mittels Lisas Freundin Paulette zeigt uns Caroline Bernard auch die Schattenseiten des Widerstands, denn es gibt verschiedene Wege, zu kämpfen: Zum einen den gewaltfreien, wo man wegschaut, wenn Menschen gerade die Fluchtroute passieren, wo man mit einer Unterkunft, etwas zu Essen oder Warnungen aushilft und wo man sich aktiv einbringt, bspw. als Schmuggler:in – sei es von Informationen, Material oder Menschen. Zum anderen gibt es die naheliegende Art zu kämpfen: Mit Waffen. Damit werden aber auch zivile Opfer in Kauf genommen.

Fazit

Fantastische Figuren, ein gut recherchierter Plot und damit ein unglaublich gutes Buch über den zweiten Weltkrieg, das den Frauen im Widerstand eine Stimme gibt.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Die Wagemutige
Autorin: Caroline Bernard
Verlag und Copyright: Rütten & Loening
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 16. August 2022
Preis: 18,00 € (Softcover)

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