Mein letzter Roman für den Stopp in Kroatien auf meiner literarischen Weltreise. Der Klappentext ist vielversprechend, aber schafft es Ivica Prtenjaca wirklich, mich auf eine Adriainsel zu versetzen?
Klappentext
Ein Mann aus der Kunst- und Verlagsszene lässt seinen bürgerlichen Alltag, Werbekampagnen und Vernissagen hinter sich und zieht sich einen Sommer lang auf eine kleine Adriainsel zurück. Er verdingt sich als Brandwächter auf einem Wachtturm, in Gesellschaft einzig von einem altersschwachen Esel und einem zugelaufenen Hund. Er begegnet modernen Pilgern, verirrten Bikern, trommelnden Sinnsuchern, verlorenen Seelen des turbokapitalistischen Zeitalters und traumatisierten Kämpfern aus dem Jugoslawienkrieg – Tätern wie Opfern.
Die Monate der Einsamkeit auf dem Berg krempeln sein Leben völlig um, und er erlebt einen tiefen inneren Wandel.
Meine Meinung
Nach dieser Inhaltsbeschreibung war auf eine intensive Reise eingestellt und dachte, der Protagonist hätte es mit zahlreichen tiefgründigen Schicksalen zu tun. Doch der Roman bleibt stiller und zurückhaltender als erwartet – beinahe karg.
Im Zentrum steht ein namenloser Ich-Erzähler: geschieden, frisch gekündigt, innerlich erschöpft vom Kunstbetrieb und all dem Lärm der Zivilisation. Sein Rückzug auf die Insel wirkt eher wie eine Flucht als wie ein Abenteuer. Doch das passt in meinen Augen auch ganz gut. Er braucht Zeit, um anzukommen – um die Gedanken an sein altes Leben loszulassen. Dieses langsame Abschälen der Vergangenheit hat mir gefallen, weil es so authentisch scheint. Kein plötzlicher Erleuchtungsmoment, sondern ein zäher Prozess, in dem Erinnerungen immer wieder hochsteigen. Man spürt förmlich, wie sehr er lernen muss, die Stille auszuhalten.
Die Figuren, die ihm begegnen – die wenigen Einheimischen und vielen Touristen – bleiben leider sehr schemenhaft. Hier hätte ich mir intensivere Begegnungen gewünscht. Stattdessen ziehen viele wie Schatten vorbei. Das passt zwar zur Grundstimmung der Einsamkeit, ließ mich aber auch etwas distanziert zurück. Wer einen Roman sucht, der von zwischenmenschlicher Dynamik lebt, wird hier vermutlich nicht ganz satt.
Dafür liegt die eigentliche Stärke in der Atmosphäre. Die Abgeschiedenheit auf dem Berg, nur begleitet von einem altersschwachen Esel, einem zugelaufenen Hund, einem Beil und einer Pistole in einer kargen Kabaule – das hat mich berührt. Diese Reduktion auf das Wesentliche, das Beobachten der Landschaft, das Lauschen auf jedes Rascheln im Wind: All das wurde sehr stimmungsvoll eingefangen. Es ist ein Buch zum Entschleunigen, eines, das nicht drängt, sondern verweilt. Während ich las, hatte ich das Gefühl, selbst ruhiger zu werden.
Sprachlich ist der Roman schön, stellenweise wird es auch philosophisch. Auch wenn es durchaus Spannungsmomente gab, hat mich die Handlung nicht ganz gepackt. Und das Ende habe ich leider gar nicht verstanden…
Für meine literarische Weltreise ist das Buch leider weniger geeignet. Der stimmungsvolle Schreibstil hat mich zwar wirklich auf die Insel versetzt, aber Kroatien hat mir der Roman nicht nähergebracht, auch wenn der Balkankrieg immer wieder mal durch Hintergrundgeschichten eingebaut wurde. Doch als stilles Kammerspiel über Einsamkeit und Selbstsuche funktioniert er durchaus.
Fazit
Ein ruhiger, nachdenklicher Text mit starken atmosphärischen Momenten, dessen philosophische Tiefe und gemächliches Tempo sicher nicht jede*n erreichen werden. Ich habe einiges daran geschätzt – vor allem die eindringliche Darstellung des Alleinseins und der inneren Wandlung. Trotzdem fehlte mir stellenweise die emotionale Wucht.
Bibliografie

Titel: Der Berg
Autor: Ivica Prtenjača
Übersetzung: Klaus Detlef Olof
Verlag & Copyright: Folio
Seitenzahl: 184
Erscheinungstermin: 23.02.2021
Preis: 22 € (Hardcover)