Es kommt selten vor, dass man mit einem Buch wirkliches Neuland betritt, denn über so vieles wurde schon geschrieben. Aber „Klartext“ ist so ein Bücherschatz und ich bin sehr froh, dass ich ihn entdeckt habe.
Klappentext
Charlie, die rebellische Neue an der River Valley School, kämpft mit ihren Gefühlen und damit, sich verständlich zu machen, denn bisher hatte sie keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Gehörlosen. Austin gilt als Überflieger, doch seine Welt gerät ins Wanken, als seine kleine Schwester hörend geboren wird. Und Schulleiterin February Waters weigert sich zu akzeptieren, dass ihre Schule schließen muss – und ihre Ehe womöglich vor dem Aus steht. Als Charlie und Austin zusammen mit einem weiteren Schüler aus dem Internat verschwinden, beginnt für February ein Wettlauf gegen die Zeit.
Meine Meinung
Dieses Buch hat mich wirklich tief beeindruckt – und nachhaltig beschäftigt.
Meine gesamten Informationen über Gehörlosigkeit / Gebärdensprache stammen aus der Serie „Switched at Birth“, ansonsten habe ich in meinem Alltag kaum Berührungspunkte mit dem Thema. Aber genau deshalb war diese Geschichte für mich unglaublich lehrreich (und trotzdem unterhaltsam). Sara Novic nimmt ihre Leser*innen mit in eine Welt, die vermutlich den meisten von uns völlig fremd ist, und macht sie greifbar, lebendig und emotional zugänglich. Eine Welt mit eigener Kultur, eigener Geschichte und eigenen Konflikten, die sich gleichzeitig von unserer unterscheidet und ihr trotzdem in so vielem ähnelt.
Dabei erzählt uns die Autorin diese Geschichte unglaublich einfühlsam und bildhaft. Ich war den Protagonist*innen emotional extrem nah und hatte durchgehend das Gefühl, nicht nur zu lesen, sondern alles direkt mitzuerleben. Die Schicksale von Charlie, Austin und Eliot sind lebensecht, bewegend und gaben mir als hörender Leserin einen intensiven Einblick in den Alltag gehörloser Jugendlicher – aber auch in den ihrer Familien.
Für mich ist ein zentrales Thema des Romans daher auch die Dynamik zwischen den Eltern und ihren Kindern in ganz unterschiedlichen Konstellationen von hörend und gehörlos. Besonders deutlich wird das bei Charlie. Das Verhalten ihrer Mutter hat mich ehrlich wütend gemacht. Sie will kein gehörloses Kind, sondern ein „normales“, weil ihr eigenes Leben dadurch einfacher wäre. Unabhängig von gesundheitlichen Risiken und völlig losgelöst von Charlies eigenen Wünschen versucht sie alles, um ihre Tochter „wieder hörend“ zu machen. Diese kompromisslose Haltung zeigt sehr schmerzhaft, wie verletzend es sein kann, wenn Eltern ihre eigenen Bedürfnisse über die Identität ihres Kindes stellen.
Aber auch in Austins Familie ist längst nicht alles so harmonisch, wie es auf den ersten Blick wirkt. Zwar ist seine Familie sehr stolz auf fünf Generationen gehörloser Mitglieder, doch die Konstellation seiner Eltern – die Mutter gehörlos, der Vater hörend – bringt ganz eigene Spannungen mit sich. Besonders als Austins kleine Schwester hörend geboren wird, gerät das familiäre Gleichgewicht ins Wanken. Der Roman zeigt hier sehr differenziert, dass Stolz auf die eigene Kultur und Liebe innerhalb der Familie nicht automatisch bedeuten, dass alles konfliktfrei ist.
Ein weiterer großer Pluspunkt ist der enorme Wissensgewinn. Ich habe unglaublich viel gelernt – bspw. dass es unterschiedliche Dialekte in der Gebärdensprache gibt und wie diese historisch entstanden sind. Mir war vorher auch völlig unbekannt, dass es sogar rassistische Strukturen innerhalb der Gebärdensprache gibt.
Der Roman setzt sich auch gekonnt gesellschaftskritisch mit den sog. Cochlea-Implantaten auseinander. Mir war nicht bewusst, dass viele Gehörlose diese ablehnen, weil sie sich selbst gar nicht als Menschen verstehen, die „geheilt“ werden müssen. Besonders wütend gemacht hat mich dabei, dass Schüler*innen für Probleme mit den Implantaten verantwortlich gemacht wurden, statt anzuerkennen, dass diese fehlerhaft waren – und dass die Herstellerfirmen damit so lange durchgekommen sind. Unfassbar.
Abgerundet wird das Buch durch die Perspektive der Schulleiterin February, die als hörendes Kind zweier Gehörloser Eltern aufgewachsen ist und mit dem amerikanischen Bildungssystem zu kämpfen hat.
Gut gefallen haben mir auch die Informationsboxen rund um das Thema Gehörlosigkeit und Gebärdensprache zwischen den Kapiteln. Sie vertiefen das Gelesene und binden den Lernaspekt ganz natürlich in die Geschichte ein. Gelungen fand ich auch, dass alles, was gebärdet wird, kursiv gedruckt wurde.
All diese Lektionen und schweren Themen werden von der Autorin unterhaltsam verpackt in einer berührenden Coming-of-Age-Geschichte über Zugehörigkeit, Identität und Erwachsenwerden. Und das Internatsfeeling verleiht dem Roman noch einmal eine ganz besondere Atmosphäre.
Fazit
Ein Own-Voice-Roman, der aufklärt, berührt, wütend macht und den Horizont erweitert. Kein Wunder, dass dieses Buch ein New York Times Bestseller ist.
In jedem Fall ist es mal etwas ganz anderes – im allerbesten Sinne.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Klartext
Autorin: Sara Novic
Übersetzung: Judith Schwaab
Verlag & Copyright: btb
Seitenzahl: 480
Erscheinungstermin: 23.04.2025
Preis: 24 € (Hardcover)