Die Bibliothek meines Großvaters von Masateru Konishi

Büchern über Bücher kann ich ja selten widerstehen, vor allem wenn sie dann auch noch für meine literarische Weltreise geeignet scheinen. Ich hatte zwar aufgrund von Titel und Klappentext etwas anderes erwartet, wurde aber positiv überrascht, was vor allem an der guten Möglichkeit zum Miträtseln lag.

Klappentext

Kaede, eine junge Lehrerin aus Tokio, stößt eines Tages auf seltsame Zeitungsausschnitte, die in einem gebrauchten Buch stecken. Ein Rätsel! Sie muss sofort an ihren Großvater denken, der trotz seiner Demenzerkrankung über eine unglaubliche Kombinationsgabe verfügt. Außerdem weist er ein enormes Wissen auf, wenn es um die großen Klassiker der Kriminalliteratur geht. Gemeinsam lassen die beiden ihrer Fantasie freien Lauf und lösen so meisterhaft allerlei kleine und große Rätsel, auf die Kaede in ihrem Alltag stößt. Doch plötzlich nähert sich Kaede ein bedrohlicher Schatten, der die beiden auf eine harte Probe stellt. Kann ihre gemeinsame Liebe zur Literatur sie retten?

Meine Meinung

Es ist ein leiser, ruhig erzählter Roman, der sich sehr angenehm lesen lässt. Der Schreibstil ist bildhaft und flüssig, ohne sich in den Vordergrund zu drängen – genau passend für diese besondere Familiengeschichte mit Krimi-Elementen.

Am besten haben mir die Gedankenspiele zwischen Kaede und ihrem Großvater gefallen. Immer wieder nehmen sie sich Kriminalfälle oder rätselhafte Ereignisse aus der Umgebung vor: Kaedes Großvater testet damit immer wieder ihre kombinatorischen Fähigkeiten und führt sie schrittweise zur Lösung. Mir hat es schon immer gefallen, Sherlock Holmes bei seinen Schlussfolgerungen zuzuschauen und bei Kaedes Großvater geht es mir genauso. Der Autor versetzt mich mit seinen kombinatorischen Fähigkeiten bei jedem Rätsel erneut in Erstaunen. Außerdem eignen sich die kleinen Fälle hervorragend zum Miträtseln, nicht zuletzt durch die Skizzen von Tatorten oder wichtigen Örtlichkeiten, die das Ganze wunderbar unterstützen.

Dass diese Rätsel so gut funktionieren, liegt für mich insbesondere an der Figur des Großvaters. Wie es sich anfühlen muss, den eigenen Sinnen nicht mehr trauen zu können – und wie viel schwerer das für einen Menschen mit einer so außergewöhnlichen Intelligenz sein dürfte, wird nachvollziehbar und bewegend dargestellt. Insgesamt wird die Lewy-Körper-Demenz sehr einfühlsam beschrieben, ebenso das, was sie mit dem Patienten und seinen Bezugspersonen macht.

Aber auch Kaede selbst hat mir als Figur gut gefallen: ruhig, empathisch und glaubwürdig.

Die besondere Beziehung zwischen Kaede und ihrem Großvater ist das Herzstück der Geschichte, ließ bei mir aber auch den Eindruck entstehen, dass die zunehmende Krankheit des Großvaters die eigentliche Rahmengeschichte bildet. Umso überraschender war für mich die Entwicklung auf den letzten Seiten, als Kaede selbst in Gefahr gerät. Zwar helfen auch hier wieder die Fähigkeiten des Großvaters, doch das Tatmotiv und die familiäre Hintergrundgeschichte kamen für mich etwas abrupt und unerwartet und hatten schon fast ein wenig „Quentin-Tarantino-Vibes“. Für mein persönliches Empfinden hätte die Geschichte auch ohne diesen Teil gut funktioniert.

Im Kern setzt sich der Roman aus vielen kleinen Alltagsrätseln zusammen, denen sich Kaede und ihr Großvater gemeinsam stellen. Zusammen mit der familiären Rahmenhandlung und dem Leben mit der Krankheit ergibt sich daraus trotzdem ein sehr stimmiges Gesamtwerk. Eine ganz zarte Liebesgeschichte ist ebenfalls vorhanden, bleibt jedoch konsequent im Hintergrund. In gewisser Weise hat der Roman auch ein offenes Ende.

Für meine Weltreise ist das Buch als Ergänzung gut geeignet, denn Besonderheiten der japanischen Kultur zeigen sich eher indirekt: im Umgang der Figuren miteinander.

Bücher spielen eher eine Neben-Rolle, d.h. nicht ganz so, wie es der Klappentext oder der deutsche Titel vermuten lassen. Im Mittelpunkt steht für mich vielmehr das Wissen, das Bücher vermitteln können. Deshalb empfinde ich die englische Übersetzung „My Grandfather, the Master Detective“ deutlich treffender.

Fazit

Cosy, ruhig und ideal zum Miträtseln – mit leisen, berührenden Einblicken in japanische Beziehungen. Für mich ein gelungenes und berührendes Leseerlebnis.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom KiWi-Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Die Bibliothek meines Großvaters

Autorin: Masateru Konishi

Übersetzung: Peter Aichinger-Fankhauser

Verlag & Copyright: KiWi

Seitenzahl: 336

Erscheinungstermin: 14.08.2025

Preis: 18 € (Klappenbroschur)

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