Das Adressbuch der Dora Maar von Brigitte Benkemoun

Sagt euch der Name Dora Maar etwas? Nein? Hat er mir auch nicht. Aber Picasso ist euch sicher ein Begriff. Dora Maar war ebenfalls Künstlerin, als sie ihn kennenlernte. Als Modefotografin hatte sie sich bereits einen Namen gemacht. Doch dann verfiel sie dem berühmten Surrealisten, wechselte zur Malerei und blieb fortan nur noch als seine Geliebte und Muse in Erinnerung. Allen voran als Vorbild seines Werkes „Die weinende Frau“. Dabei hätte aus ihr so viel mehr werden können…

Klappentext

Dora Maar, lange Zeit nur als »Muse und Geliebte« von Pablo Picasso bekannt, erhält mit dieser außergewöhnlichen Künstlerbiografie endlich ein eigenes Gesicht. Brigitte Benkemoun rekonstruiert während ihrer zwei Jahre andauernden Recherche anhand eines zufällig entdeckten Adressbüchleins das Leben und Lieben dieser rätselhaften Frau, die zu den großen Fotografinnen ihrer Zeit gehörte. Unterwegs erfährt man nicht nur von Dora Maars ereignisreichem und geheimnisvollem Lebensweg, sondern erhält auch intime Einblicke in eine der spannendsten Epochen der Kunstgeschichte.

Ungewöhnliche Biografie

Geschickt setzt die Autorin die Adressen zu einem Mosaik der Künstlerin zusammen. Dabei geht sie nicht alphabetisch vor, sondern springt von Name zu Name. Jeder Eintrag wird hinterfragt: was hat er hier zu suchen? In welcher Beziehung stand er zu Dora Maar? Sie recherchiert in Biografien und Telefonbüchern, kontaktiert Augenzeugen und zieht sogar einen Grafologen zu Rate.  Mit den zusammengetragenen Informationen ergänzt um eigene Vermutungen und Interpretationen erweckt Brigitte Benkemoun Stück für Stück ihre Biografie zum Leben.

Es muss eine ungeheuer aufregende Schnitzeljagd gewesen sein und es macht großen Spaß zu lesen, wie sie den Einträgen jeweils auf die Spur gekommen ist.

Vorkenntnisse oder Recherchelust

Allerdings hat mir schon manchmal der Kopf geschwirrt angesichts der vielen Personen und Interviewpartner:innen. Ich musste nebenbei viel recherchieren, um das Leben von Dora Maar wirklich in Gänze zu erfassen. Hier hätte vielleicht ein kleines Personenregister im Anhang geholfen.

Wenn man sich jedoch in der damaligen Künstlerszene auskennt, ist es toll, all den großen Namen wieder zu begegnen. Das war bei mir zumindest bei Coco Chanel, Simone de Beauvoir und Sartre sowie Lee Miller und Man Ray der Fall (Romanografien sei Dank!). Für mich war es so, als schließe sich langsam der Kreis, als setzt sich das Puzzle dieser Zeit Buch für Buch zusammen.

Wenig liebenswürdige Protagonistin

Charakter und Verhalten von Dora Maar verändern sich grundlegend. Die Frau vor Picasso ist klug, verwegen und fürchtet nichts und niemanden. Nachdem er sie verlässt, zerbricht sie und zieht sich immer mehr in sich und ihre Religion zurück. Diese Person erscheint wenig sympathisch: Antisemitisch, Homophob, verbittert.

Zeitreise

Auch wenn Picasso sie so lange wie möglich davor schützen wollte, musste sich Dora Maar (wie so viele Frauen) einer Elektroschocktherapie unterziehen. Ich habe schon in Victoria Mas‘ „Die Tanzenden“ von den unfassbar grausamen Behandlungsmethoden gelesen. Brigitte Benkemoun gewährt uns mit ihrem Buch also auch einen Einblick in die damalige Zeit, insbesondere in Hinblick auf das Leben von Frauen und liefert gleich noch Anregungen für eine mögliche Romanografie. Ich kann es daher kaum erwarten, im Anschluss „Dora Maar und die zwei Gesichter der Liebe“ zu lesen und herauszufinden, ob sie in Bettina Storks Interpretation schwanger wurde, zur Abreibung gezwungen, durch mangelhafte medizinische Versorgung steril und damit für immer schuldig.

Wenn auch nicht für Dora Maar zumindest für die damalige Zeit eine wirklichkeitsgetreue Geschichte.

Und je mehr Bücher ich über Surrealisten lese, desto skurriler erscheint mir deren Lebensart. Dieses „jede:r hat etwas mit jeder und jedem“ erinnert mich stark an die Daily Soaps der 90er…

Sprachstil

Das Buch ist unterhaltsam, informativ und spannend geschrieben.

Reise nach Frankreich

Außerdem macht es Lust, mal wieder nach Paris zu fahren (wenn dieser dämliche Virus nicht wäre…). Ich stelle mir bereits vor, wie ich durch die Straßen schlendere und vielleicht die eine oder andere Adresse aufsuche.

Fazit

Das Adressbuch der Dora Maar gewährt uns einen tiefen Einblick in das Leben und Lieben der Surrealisten der Pariser Kunstszene. Es skizziert ihr Leben anhand der Kontakte, die es ihr Wert erschienen, notiert zu werden.

Ein Buch ganz nach dem Motto: Zeige mir wen Du kennst und ich sage Dir, wer Du bist.

kostenloses Rezensionsexemplar

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Das Adressbuch der Dora Maar
Autorin: Brigitte Benkemoun
Übersetzung: Alexandra Baisch
Verlag und Copyright: btb
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 09. August 2021
Preis: 12 € (Taschenbuch)

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