Die Zeit der Fliegen von Claudia Pineiro

Bei diesem Buch hat mich der Klappentext etwas in die Irre geführt und ganz andere Erwartungen geweckt: Ich war auf eine Art rabenschwarze Komödie gefasst – auf eine ehemalige Mörderin, die sich nach ihrer Haft einer etwas unkonventionellen Schädlingsbekämpfung widmet und dabei vielleicht auch menschliche „Schädlinge“ beseitigt. Stattdessen steht eine einzige Kundin im Mittelpunkt, die Inés ein höchst fragwürdiges Angebot macht – und plötzlich geht es weniger um Aufträge als um Moral, Verantwortung und die Versuchungen des Neuanfangs.

Klappentext

Inés ist frisch aus dem Gefängnis raus und bereit für ein neues Leben, fünfzehn Jahre, nachdem sie die Geliebte ihres Mannes umgebracht hat. Gemeinsam mit ihrer Knastkumpanin Manca gründet sie ein Unternehmen: FFF, Frauen, Fliegen, Finale – ökologische Schädlingsbekämpfung und Privatdetektei, von Frauen für Frauen.
Doch Señora Bonar, eine ihrer Kundinnen, will mehr loswerden als nur Ungeziefer – könnte Inés nicht ihre Expertise einbringen, um auch die Geliebte ihres Mannes aus dem Weg zu räumen? Inés will sauber bleiben, aber als Manca eine teure Behandlung benötigt, gerät ihre moralische Standhaftigkeit ins Wanken.
In einer bitterbösen Komödie erzählt Claudia Piñeiro von zwei Freundinnen auf der Suche nach Freiheit, in einer Gesellschaft, die Freiheit für Frauen nicht vorsieht.

Meine Meinung

Was mich überrascht hat: Eigentlich ist „Die Zeit der Fliegen“ kein Krimi im klassischen Sinne, sondern viel eher ein Familienroman, oder besser gesagt, ein Familiendrama. Piñeiro erzählt von Müttern und Töchtern, von Frauen, die einander lieben, verletzen, beschützen oder verurteilen – und sie tut das mit einer großen Genauigkeit für das, was unausgesprochen bleibt. Auch eine kleine, leise queere Liebesgeschichte hat hier ihren Platz.

Ein besonders spannender Aspekt ist die titelgebende Fliege, die sich als faszinierendes Leitmotiv durch den ganzen Roman zieht. Piñeiro nähert sich ihr biologisch, literarisch und sogar philosophisch. Gegen Ende wird erklärt, warum Zeit für Fliegen anders vergeht als für uns – oder, besser gesagt, warum sie in der gleichen Zeiteinheit mehr Handlungsspielraum haben. Das ist so klug und poetisch zugleich, dass ich an dieser Stelle wirklich staunen musste.

Erzählerisch entfaltet sich der Roman langsam. Die anfangs eher lose wirkenden Szenen und Perspektiven verknüpfen sich nach und nach zu einem dichten Geflecht. Dabei bleibt es spannend – es gibt mehrere Plottwists, auch wenn ich die Auflösung schon relativ früh erahnt habe. Trotzdem liest sich das Buch fesselnd, fast hypnotisch.

Ein wenig gewöhnungsbedürftig fand ich den Chor, der immer wieder dazwischenruft: eine Gruppe weiblicher Stimmen, die das Geschehen kommentiert, reflektiert und auf eine philosophische Metaebene hebt. Anfangs hat mich das irritiert, doch mit der Zeit habe ich diesen Teil zu schätzen gelernt – er gibt dem Text eine zusätzliche Dimension und erinnert mich ein wenig an die Struktur einer antiken Tragödie, nur eben modern und feministisch gedacht.

Der Stil liest sich insgesamt sehr angenehm. Das konsequente Verwenden von „frau“ statt „man“ hat mich kurz stutzen lassen, aber schnell wird klar, dass das kein Gimmick ist, sondern Teil der Haltung dieses Romans: ein bewusster sprachlicher Bruch, der das Denken verändert, sobald man sich darauf einlässt.

Was man allerdings nicht erwarten sollte: ein argentinisches Gesellschaftsbild. Für meine literarische Weltreise ist das Buch daher weniger geeignet – man erfährt kaum etwas über Land, Kultur oder Alltag in Argentinien. Im Mittelpunkt stehen die Figuren, ihre inneren Kämpfe und die subtilen Machtstrukturen zwischen ihnen.

Unterm Strich ist „Die Zeit der Fliegen“ eine ungewöhnliche Mischung aus Kriminalgeschichte, Gesellschaftsroman und feministischer Parabel. Unterhaltsam, klug und voller Denkanstöße. Für Lesekreise ist das Buch nahezu ideal – es bietet genug Stoff zum Diskutieren, Nachdenken und vielleicht auch zum Streiten.

Fazit

Ein intelligenter, vielschichtiger Roman, der weit mehr ist als ein Krimi. Wer sich auf seine eigenwillige Erzählweise einlässt, wird mit einer fesselnden, nachdenklichen und manchmal bitteren Geschichte belohnt. Und wer noch tiefer eintauchen möchte, kann vorher zum Vorgänger „Ganz die Deine“ greifen – nötig ist das aber nicht, denn „Die Zeit der Fliegen“ steht auch wunderbar für sich allein.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Unionsverlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Die Zeit der Fliegen

Autorin: Claudia Pineiro

Übersetzung: Silke Kleemann

Verlag & Copyright: Unionsverlag

Seitenzahl: 352

Erscheinungstermin: 20.2.2025

Preis: 24 € (gebunden)

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