Ich bin ein Braunschweiger Karnevalsmädchen und habe 10 Jahre in der Prinzengarde getanzt. Daher bin ich sozusagen mit Till Eulenspiegel aufgewachsen. Als Daniel Kehlmann, dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ mit so gut gefallen hat, ein Buch über den Schalk veröffentlichte, wollte ich es natürlich unbedingt lesen. Außerdem habe ich das Buch von Takis Würger geschenkt bekommen, der seine Lieblingsbücher auf Instagram an die Person verschickte, die ihm den besten Grund nannte, warum gerade sie das Buch bekommen sollte. Und ich hatte mit meinem Geburtsort einen Bezug zu Till Eulenspiegel und durch meine Wahlheimat Göttingen einen Bezug zu Daniel Kehlmann (wg. seinem Buch über GAUSS). Das überzeugte wohl auch den Autor.
Das Buch fristete zunächst jedoch ein ziemliches Schattendasein in meinem RuB, bevor ich es in den Lostopf unseres eat.read.sleep Lesekreises schmiss.
Klappentext
Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und mittendrin Tyll, jener rätselhafte Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben.
Meine Meinung
Ich glaube, mein größtes Problem mit diesem Buch war nicht das Buch selbst – sondern das, was ich darin gesucht habe. Ich bin mit der Erwartung hineingegangen, eine Art Lebensgeschichte von Till Eulenspiegel zu lesen: eine schillernde, vielleicht auch schelmische Biografie, die mir diese Figur näherbringt. Stattdessen habe ich einen historischen Roman über den Dreißigjährigen Krieg bekommen, in dem Tyll eher Begleiter als Mittelpunkt ist. Und genau diese Diskrepanz hat meine Leseerfahrung stark geprägt.
Dabei hat der Aufbau in episodischen Momentaufnahmen durchaus seinen Reiz. Die einzelnen Kapitel wirken wie Fenster in unterschiedliche Leben, Perspektiven und Schicksale dieser Zeit. Nach und nach setzt sich daraus ein Bild zusammen, das den Dreißigjährigen Krieg greifbar macht – mit all seiner Härte, Armut und Hunger, seinen Machtstrukturen und seiner Willkür. Gerade diese Vielstimmigkeit hat Potenzial und zeigt, wie kunstvoll hier mit Struktur gearbeitet wird. Für mich persönlich hat allerdings genau diese Form dazu geführt, dass ich emotional auf Distanz geblieben bin.
Besonders gut gefallen hat mir der Einstieg rund um Tylls Vater. Der Konflikt zwischen Glauben und Naturkunde, die Angst vor dem Unbekannten, die Mechanismen der Inquisition. Wie aus Wissen Aberglaube wird, wie aus Überzeugung Schuld – das war eindringlich und erschütternd zugleich. Gerade die Szenen rund um Verhör und Folter haben mir gezeigt, welches erzählerische Potenzial in diesem Roman steckt. Umso bedauerlicher, dass dieser starke Auftakt für mich nicht konsequent weitergeführt wurde.
Tyll selbst blieb für mich überraschend blass. Er ist weniger Hauptfigur als vielmehr verbindendes Element, ein roter Faden, der immer wieder auftaucht, nur um gleich wieder zu verschwinden. Dieses Konzept hat durchaus seinen Reiz, weil es den Fokus stärker auf die Zeit und ihre Menschen lenkt. Gleichzeitig habe ich aber genau das vermisst, was ich mit dieser Figur verbinde: den scharfzüngigen Narren, den Provokateur, der mit seinen Streichen den Spiegel vorhält. Ansätze davon sind vorhanden, doch sie werden nicht so ausgearbeitet, wie ich es mir gewünscht hätte.
Was mich dennoch durch das Buch getragen hat, ist der Schreibstil. Die Sprache ist bildhaft, oft atmosphärisch dicht und angenehm zu lesen. Der Autor versteht es, Szenen lebendig werden zu lassen und einzelne Momente eindrücklich einzufangen. Gerade in den Begegnungen zwischen historischen und fiktiven Figuren blitzt immer wieder auf, wie kunstvoll hier mit Realität und Fiktion gespielt wird. Auch wenn ich mir mehr Klarheit gewünscht hätte, was davon auf tatsächlichen Begebenheiten beruht,.
Rückblickend glaube ich, dass dieses Buch genau das ist, was es sein möchte: ein literarisches Mosaik über eine zerrissene Zeit. Ich habe einfach nur etwas anderes darin gesucht.
Fazit
Ein atmosphärisch dichter, klug konstruierter Roman, der weniger die Geschichte einer Figur erzählt als vielmehr ein vielschichtiges Bild des Dreißigjährigen Krieges zeichnet. Wer sich auf diese episodische Erzählweise einlassen kann und keine klassische Biografie erwartet, wird hier vermutlich mehr finden als ich. Für mich blieb vor allem das Gefühl, dass meine Erwartungshaltung mir den Zugang erschwert hat – und dass in diesem Buch vielleicht mehr steckt, als ich beim ersten Lesen greifen konnte.
Bibliografie

Titel: Tyll
Autor: Daniel Kehlmann
Verlag & Copyright: Rowohlt
Seitenzahl: 480
Erscheinungstermin: 29.03.2019
Preis: 16 € (Taschenbuch)