Ich habe mit „Yellowface“ und „Babel“ schon zwei Bücher von R. F. Kuang gelesen, beide waren völlig unterschiedlich und auch mit „Kata Basis“ hat mich die Autorin wieder aufs Neue überrascht, denn dieses Mal geht es in die Hölle des Universitätsbetriebs – sprich: Die Promotion…
Klappentext
Alice Law hat ihr ganzes Leben lang nur ein Ziel verfolgt: die Beste auf dem Feld der Analytischen Magie zu werden. In Cambridge, als Doktorandin des weltberühmten Professors Jacob Grimes, scheint ihr Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Zumindest, bis Grimes bei einem Unfall stirbt, an dem Alice möglicherweise nicht ganz unschuldig ist. Kurzerhand beschließt sie, ihrem Professor in die Hölle zu folgen. Dumm nur, dass ihr Erzrivale Peter Murdoch dieselbe Idee hat.
Mit den Berichten von Orpheus, Dante und T. S. Eliot im Gepäck brechen die beiden auf, um die Seele ihres Mentors zu retten – welchen Preis sie dafür auch zahlen mögen. Doch die Hölle ist nicht so, wie erwartet, und Magie nicht die Antwort auf alles. Denn Alice und Peter verbindet etwas, das sie entweder zu perfekten Verbündeten macht oder für ihren Untergang verantwortlich sein wird.
Meine Meinung
Ich hoffe sehr, meine Rezension wird diesem großartigen Buch gerecht, denn es hat mich wirklich von Anfang bis Ende begeistert. Schon der Einstieg zog mich gleich in die Geschichte hinein – ich meine: „Analytische Magie“, das klingt nicht nur genial, sondern zeigt direkt, wie mühelos hier Naturwissenschaft, Philosophie und Magie miteinander verwoben wurden. Die Hölle als Universität, die Promotion als buchstäblicher und metaphorischer Weg hindurch – ich habe selten eine so kluge, bissige und gleichzeitig erschreckend treffende Satire auf den Wissenschaftsbetrieb gelesen.
Die Protagonistin Alice ist eine unglaublich spannende Figur. Durch sie erlebt man die Perspektive einer Doktorandin, die zwischen Ehrgeiz, Abhängigkeit und Selbstaufgabe gefangen ist – und die den Doktorvater als Genie auf ein Podest stellt, obwohl genau diese Beziehung sie ausbeutet. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, wie sehr dieses System Menschen verschlingt, die bereit sind, sich selbst zu verlieren, nur um gesehen zu werden. Alice Beweggründe in die Hölle zu gehen, werden erst im Lauf der Geschichte nachvollziehbar und sind wiederum selbst mit den Todsünden verknüpft. Es ist fantastisch, wie alles in dieser Geschichte ineinandergreift und den Plot immer stimmiger macht.
Peter wiederum hat mich überrascht. Erst nach und nach versteht man seine Distanz, seine Entscheidungen, seine Rolle – und genau dadurch wird auch Alices Perspektive immer wieder gebrochen und erweitert. Es entsteht dieses Gefühl, dass man niemanden je vollständig sieht, selbst wenn man glaubt, ihn zu verstehen. Ihre Beziehung ist komplex, vielschichtig, manchmal fast wie ein klassisches „Enemies to Lovers“-Konstrukt angedeutet, aber nie romantisch dominiert – und überraschender Weise hat mir genau das gut gefallen.
Auch die Nebenfiguren sind gekonnt gezeichnet, gerade weil sie so exemplarisch für dieses System stehen. Figuren wie die Kripkes verkörpern diesen unstillbaren Drang nach Anerkennung, bis hin zur Selbstzerstörung – und selbst in der Hölle scheint dieses Muster nicht zu enden. Jacob Grimes wiederum ist erschreckend vertraut als Doktorvaterfigur, eine Darstellung, die bei mir auch persönliche Erinnerungen an die eigene Promotionszeit wachgerufen hat.
Was dieses Buch aber wirklich herausragend macht, ist der Weltenbau. Die Hölle als strukturierte, zugleich zerfallende Universität, die Kreise, die Höfe, das Leistungsheft, mit dem man sich seinen Weg bahnen muss – alles ist durchdacht, symbolisch aufgeladen und gleichzeitig erschreckend realistisch. Besonders stark fand ich die gelungenen Parallelen zur Promotion, wie bspw. den zunehmenden Wunsch nach Orientierung, weil man sich in immer kargeren, unklareren Strukturen verirrt.
Dazu kommt ein Magiesystem, das auf Logik, Mathematik und philosophischen Paradoxa basiert, die Gegner*innen mit einem Zauber belegen, wenn sie sie nicht auflösen können. Dabei werden die verschiedenen Konzepte nicht näher erläutert und ich könnte mir vorstellen, dass das nicht allen Leser*innen gefällt; mir jedoch hat es großen Spaß gemacht, die Rätsel zu knacken und einiges zu ergooglen. Und ich fand es für den Lesefluss auch ganz angenehm, dass es keine 1000 Fußnoten dazu gab. Gleichzeitig merkt man, wie viel Recherche in diesem Werk steckt, wie viele wissenschaftliche und philosophische Stränge hier zu einem stimmigen Ganzen verwoben wurden.
Der Schreibstil ist bildhaft, intensiv und so fesselnd, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte – und es trotzdem nicht in einem Rutsch durchgelesen habe, weil es Konzentration verlangt.
Das Ende habe ich vorausgeahnt und mir zugleich so sehr gewünscht – und trotz aller Erwartungen hat es mich durch kleine Wendungen noch einmal überrascht. Vor allem aber hat es mir ein Gefühl von Abschluss gegeben, das sich verdient anfühlt nach dieser intensiven Reise.
Fazit
Kata Basis ist für mich ein außergewöhnlich intelligenter, emotional aufgeladener und gleichzeitig bitter-satirischer Blick auf den Wissenschaftsbetrieb, verpackt in eine ebenso faszinierende wie erschreckende Höllenreise. Anspruchsvoll, tiefgründig und voller kluger Metaphern – ein Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Für mich ein absolutes Highlight, besonders für alle, die selbst einmal in der Welt der Wissenschaft „durch die Hölle gegangen sind“ oder sich für Philosophie, Logik und Gesellschaftskritik begeistern können.
Bibliografie

Titel: Kata Basis
Autorin: R. F. Kuang
Übersetzung: Alexandra Jordan, Heide Franck
Verlag & Copyright: Eichborn
Seitenzahl: 656
Erscheinungstermin: 26.08.2025
Preis: 28 € (Hardcover)