Das Taiwan-Tagebuch von Yang Shuang-zi

Unverhofft führte mich meine literarische Weltreise als nächstes nach Taiwan. Über dieses Land wusste ich bisher nicht viel, außer, dass es von China nicht anerkannt wird. Da mich Asien zwar politisch, gesellschaftlich und historisch interessiert, es aber nicht auf meiner „echten“ Reise-Bucket-List steht, war ich sehr gespannt auf die Lektüre.

Klappentext

1938. Die japanische Schriftstellerin Aoyama Chizuko reist nach Taiwan, eingeladen von der dort herrschenden Kolonialmacht Japan. Doch Chizuko hat kein Interesse an den imperialistischen Plänen, sondern sehnt sich danach, das echte Leben auf der Insel kennenzulernen und so viel von der authentischen Küche zu kosten, wie ihr berühmt-berüchtigter Heißhunger verkraften kann. Bald wird eine Taiwanerin als ihre Dolmetscherin engagiert und lässt ihre Träume wahr werden. Die charmante und akribische Chizuru organisiert Chizukos Reisen durch das ganze Land und erweist sich zudem als außergewöhnliche Köchin. Die beiden kommen sich auf langen, malerischen Zugfahrten näher, doch etwas veranlasst Chizuru, auf Distanz zu bleiben …
Getarnt als Übersetzung eines wiederentdeckten Textes ist ›Das Taiwan-Tagebuch‹ eine kunstvolle Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, der kulturellen Bedeutung von Essen und Sprache sowie eine bittersüße Liebesgeschichte, die aufzeigt, wie Machtverhältnisse unsere intimsten Beziehungen beeinflussen.

Meine Meinung

Zu Beginn war ich erstmal maximal verwirrt, weil ich nicht gleich gecheckt habe, dass sich die Autorin wirklich eine fiktive Publikationsgeschichte ausgedacht hat, daher dachte ich zunächst, es handele sich wirklich um die Wiederentdeckung eines echten Reiseberichts (und so etwas lese ich ja furchtbar gern). Doch rückblickend ist das natürlich sehr intelligent und raffiniert konstruiert, denn durch diesen „Rahmen“ bekommen wir zusätzlich auch noch etwas über die politische Entwicklung nach 1950 mit. Obwohl die Geschichte selbst um 1938 spielt, fühlt sie sich aktuell an, da sie sich mit der Identität Taiwans beschäftigt, auch wenn keine expliziten Bezüge zur gegenwärtigen politischen Lage hinsichtlich Chinas hergestellt werden. Schön ist auch, dass man keinerlei Vorkenntnisse benötigt: Da die Protagonistin selbst zum ersten Mal auf die Insel reist, entdecken wir Land, Leute, Politik und Geschichte ganz ungezwungen durch ihre Augen. Dass das Buch mit dem International Booker Prize 2026 ausgezeichnet wurde, sollte euch übrigens nicht abschrecken – es bleibt trotz des Anspruchs extrem leicht zugänglich.

Die Charaktere sind sehr detailverliebt gezeichnet. Ich hatte Chizuko, Chan Che und auch Herrn Mishiami beim Lesen deutlich vor Augen. Die Liebesgeschichte hätte es für mich nicht gebraucht, aber die Flirts zwischen den Frauen verleihen dem Ganzen eine angenehme Leichtigkeit. Dabei hat mich insbesondere die authentische Darstellung der Kommunikationskultur überzeugt – dieses feine Geflecht, in dem man eben nicht wie bei uns im Westen direkt seine Meinung sagt. Dabei hat mir am besten die Darstellung des kolonialgeschichtlichen Gefälles in der Beziehung der beiden Frauen gefallen, weil sich darin die Hierarchie zwischen Japanern und Taiwanern widerspiegelt. Als westlich sozialisierter Mensch konnte ich mich sofort mit Frau Aoyama identifizieren und bin auch lange mit ihr mitgegangen. Doch dadurch hat mich der Twist am Ende der Geschichte nur genauso kalt erwischt wie sie…

Das Setting ist Kulinarik pur. Es gibt wohl kaum einen Absatz, in dem es nicht ums Essen oder Trinken geht – selbst die Kapitel sind jeweils nach einem Gericht benannt. Für mich persönlich war das eine kleine Herausforderung: Ich bin kein großer Asienfan und die asiatische Küche lässt mich weitestgehend kalt, was sich auch nach der Lektüre nicht geändert hat. Japanische oder taiwanesische Gerichte können mich privat einfach nicht so begeistern wie die kulinarisch geprägten Cozy-Crimes oder Romance-Bücher, die mich sonst nach Frankreich oder Italien versetzen. Dennoch fand ich es unheimlich faszinierend, mit welchem immensen Aufwand sich in Taiwan dem Essen gewidmet wird und wie selbst ein einfaches „Arme-Leute-Essen“ zahlreiche Zubereitungsschritte erfordert. Außerdem nutzt die Autorin Speisen geschickt als Indikator für die gesellschaftliche Stellung. Und sie verknüpft gekonnt Essen und Sprache, indem sie die verschiedenen Namen der Gerichte in den unterschiedlichen Dialekten und Sprachen (Japanisch, Chinesisch, Taiwanesisch) gegenüberstellt. Auf der anderen Seite ist das auch schon recht speziell und erfordert ein gewisses Grundinteresse an diesen Themen.

Fazit

Für meine literarische Weltreise war dieses Buch ein voller Erfolg! Wer Lust auf eine tiefgründige Zeitreise hat, sich für historische und gesellschaftliche Hintergründe interessiert und sich nicht an detaillierten Essensdarstellungen stört, wird hier ein echtes Lesehighlight finden.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Dumont-Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Über die Autorin

YANG SHUANG-ZI ist eine taiwanische Autorin und schreibt Romane, Essays, Mangas und Videospiel-Drehbücher sowie Literaturkritiken. Die englischsprachige Übersetzung von ›Das Taiwan-Tagebuch‹ von Lin King gewann 2024 den National Book Award für übersetzte Literatur sowie den International Booker Prize 2026. Der Roman ist bereits in zahlreichen Sprachen erschienen oder wird demnächst veröffentlicht, darunter auch Italienisch, Dänisch und Niederländisch.

Bibliografie

Titel: Das Taiwan-Tagebuch

Autorin: Yang Shuang-zi

Übersetzung: Karin Betz

Verlag & Copyright: Dumont

Seitenzahl: 352

Erscheinungstermin: 06.10.2026

Preis: 26 € (Hardcover)

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