Echos Kammern von Iris Hanika

Die liebe Lisa von romantastisch.de hatte die Idee, gemeinsam das Gewinnerbuch des Leipzigerbuchmessepreises zu lesen. Ich hatte ja stark auf „Daheim“ von Judith Hermann gehofft, aber leider wurde es das kreative Buchexperiment „Echos Kammern“ von Iris Hanika, das in meinen Augen vollständig in die Hose ging. Das sehen Jury und Literaturfachwelt natürlich anders…

Inhaltsangabe des Verlags

In diesem Roman tragen alle komische Namen, und manche haben auch komische Probleme, aber die lösen sich auf.
Alles beginnt mit zehn Wochen in New York, wovon Sophonisbe, eine wackere Dichterin, sich einen Neubeginn für ir schaffen erhofft – in einer Stadt, die in einem fort schreit: „Not for you! Nur für die Reichen!“
So kehrt sie gerne nach Berlin zurück, wo die Einwohner gerne marodierend durch Neukölln zögen, um die Hipster zu vertreiben. Kampflos geben sie ihre Stadt nicht auf! Sie mietet sich bei Roxana ein, einer anderen starken Frau jenseits der Jugend, deren Art von Literatur sehr viel mehr Erfolg hat, weswegen Geld keine Rolle spielt.
Männer kommen als Nebenfiguren vor. Der Rest wird nicht verraten.

Sprachstil

Durch den wilden Mix aus Ich-Stil, unbeteiligtem Erzähler, Gedichtform, Tagebuch-Einträgen, Manuskript- und Ratgeberauszügen verschiedener Figuren lässt sich das Buch unfassbar schwer lesen. Es kommt mir so vor, als wollte die Autorin wirklich jeden erdenklichen Schreibstil ausprobieren.

Dafür hat sie ihre Protagonistin sogar eine eigene „Lengevitch“ ausdenken lassen, auf mich wirkt es jedoch nicht wie eine neue Sprache sondern eher wie grammatikalisch unkorrektes Deutsch. Daher komme ich auch sofort Durcheinander, als auf einmal auch andere Figuren anfangen so zu reden. Benutzen diese jetzt auch nur ihre „Lengevitch“ oder können sie einfach nur nicht so gut Deutsch?

Gleichzeitig werden immer wieder Passagen in anderen Sprachen eingebaut, die zwar im Anhang übersetzt werden, aber zusammen mit der falschen Grammatik unglaublich anstrengend zu lesen sind. Einzige Erholung bringt die neutrale Erzählerin, die auch einige Abschnitte übernimmt. Durch den Zwang zum konzentrierten Lesen, macht es aber einfach keinen Spaß.

Meine Meinung zur Handlung

Mit einem Wort? Nichtssagend.

Oder auch unbedeutend. Sobald ich eine Seite umgeblättert hatte, geriet sie auch schon in Vergessenheit. Daher bin ich froh über meine Notizen, denn aus der Erinnerung heraus hätte ich keine Rezension schreiben können…

Das Buch ist in fünf ungleich lange Kapitel sowie einem „Zwischenspiel“ aufgeteilt (Achtung, könnte als Spoiler aufgefasst werden):

  • Teil I: Es geht um nicht viel mehr als die Protagonistin, die nach New York fliegt, um Gedichte zu schreiben. Einzig Positives: Ich konnte ein wenig in New York Erinnerungen schwelgen.
  • Das Zwischenspiel verstehe ich schon mal gar nicht. Wir befinden uns in einem unsympathisch wirkenden Berlin und lauschen jemandem namens Wolfgang – bis zum Schluss konnte ich nicht herausfinden, wer das war.
  • Teil II: Sophonisbe ist zurück in Berlin und wir lernen ihre neue Mitbewohnerin Roxana kennen. Dabei wird immer wieder aus den Manuskripten Sophonisbes zitiert – scheinbar hat sie ihre „Lengevitch“ dafür erfunden. Außerdem wir erhalten Einblicke in Roxanas Ratgeber.
  • Teil III Der einstige Mann in Sophonisbes Leben hat vor ihren Augen einen Verkehrsunfall und stirbt (sie spricht davon, dass er „verreckt“ ist, genau weiß man es aber nicht). Was ihr dabei anscheinend klar geworden ist, entzieht sich meiner Erkenntnis. Außerdem kommt „Narziss“, namentlich Josh, ihre Bekanntschaft aus New York, nach Berlin.
  • Teil IV: Das gesamte Kapitel dreht sich nur um die Verliebtheit der Mitbewohnerin Roxana in Josh.
  • Teil V: Roxanas Verliebtheit wird zu Besessenheit vom Schönling. Gleichzeitig verwandelt sie sich auch selbst. Während sie vorher Spiegeln oder Äußerlichkeiten keine weitere Beachtung schenkte, dreht sie sich in diesem Kapitel um 180 Grad.

Charaktere

Es gibt nur eine Handvoll Figuren, die in diesem Roman überhaupt eine Rolle spielen. Dabei erscheinen sie alle alterslos und blass. Selbst die Figur der Sophonisbe bleibt völlig unscheinbar. Einzig ihre Mitbewohnerin Roxane bringt mal etwas (wenn auch kaputte) Persönlichkeit mit. Der Bezug zu Narziss wirkt künstlich.

Preis Leipziger Buchmesse

Normalerweise hätte ich dieses Buch nach wenigen Seiten abgebrochen. Da es ja aber nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, habe ich mich wie bei einer unliebsamen Hausaufgabe durchgequält. In dem Zusammenhang vielleicht noch ein Wort zum Cover: Die Gestaltung des Buches erinnert nämlich auch erschreckend stark an eine Lektüre aus dem Deutsch-LK.

Warum hat der Roman nochmal gewonnen?

Zur Begründung der Jury:

„Bevor ich bin gereist nach New York, ich war in Sorge. Weil war das große Reise über Atlantik und war das auch lange Reise – zehn Wochen ist lang, in diese Zeit viel kann geschehen.“ Ja, es ist viel. Doch was genau in Iris Hanikas herrlich palimpsesten Roman zwischen Berlin und New York geschieht, ist kaum seriös in aller Kürze zu erzählen. Es blitzt und spiegelt, experimentiert nur so vor sich hin. … Diese Autorin ermächtigt sich, den Mann mit den Mitteln des Jahrtausendealten männlichen Blicks zu betrachten. Josh, Narziss, der Mythos wird zum Resonanzraum, in dem sein eigener Hohlkörper sichtbar wird, Iris Hanika schiebt ihn sachte in eine ihrer Echokammern. Nicht zuletzt hier weist sich die Autorin als kluge, witzige und wüste Erzählkonstrukteurin aus. Iris Hanika schreibt unbeirrt und seit fast drei Jahrzehnten ihre Literatur, schreibt auf ihrem Stern, an ihrem Stern. Als eine der eigensinnigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsdichtung, die mit brutal klarem und unverschämten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schauen kann. Und dann wieder unheimlich erheitert. Iris Hanika übt in aller Virtuosität ihre Sprachexperimente aus und ja, sie hat diebische Freude daran, dass sie das jeden Moment den Roman kosten könnte. Eben dieses riskante Schreiben zeichnet sie aus.

Quelle: Preis der Leipziger Buchmesse

Ganz ehrlich? Die Begründung ist noch weniger verständlich als der Roman. Durch die Drei Fragezeichen weiß ich wenigstens was ein Palimpsest ist (wenn ein Stück Pergament gereinigt und wieder beschrieben wurde) aber was bitte soll ein „palimpsester Roman“ sein? Soll das heißen Berlin wird mit New York überschrieben? Oder umgekehrt? Sowohl für Roman als auch Jury-Bewertung fehlt mir eindeutig der intellektuelle Zugang (Hurz!).

Fazit

Ich habe selten ein Ende so herbeigesehnt. Wenn ich euch einen Tipp geben darf: Tut euch dieses Buch nicht an. Der Roman ist anstrengend, null atmosphärisch und inhaltlich belanglos. Lest es auf keinen Fall nur um mitreden zu können. Dafür ist eure Lesezeit wirklich viel zu kostbar!

Es hätte mir zu denken geben sollen, wenn auf der Rückseite statt der Inhaltsangabe nur Statements abgedruckt werden.

Zusammen mit Jenny Colgans drittem Teil der Happy Ever After Reihe mein bislang schlechtestes Buch in 2021.

Infos

Titel: Echos Kammern
Autorin: Iris Hanika
Verlag und Copyright: Droschl
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 12. Juni 2020
Preis: 22 € (gebunden mit Schutzumschlag)

Beitrag erstellt 149

2 Gedanken zu „Echos Kammern von Iris Hanika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben