Was ich von ihr weiß von Jean-Baptiste Andrea

Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Lesegruppe auf Instagram gelesen und hätte es ohne diese vermutlich sogar abgebrochen. Die Inhaltsangabe klang vielversprechend – wenn Kunst auf Geschichte trifft, bin ich ja immer gern dabei – aber leider wurde hier in meinen Augen das Potenzial nicht voll ausgeschöpft…

Klappentext

»Über manches, was uns fehlt, kommen wir nie hinweg.« Im großen Spiel des Schicksals hat Mimo – Michelangelo Vitaliani – die falschen Karten gezogen. In Armut geboren, wird er als kleiner Junge zu seinem Onkel nach Italien gegeben, um das Handwerk eines Bildhauers zu erlernen. Dort, in dem kleinen ligurischen Dorf Pietra d’Alba, begegnet er Viola, Tochter aus gutem Hause und jüngstes Kind der Orsinis, einer angesehenen Adelsfamilie. Viola scheint vom Glück begünstigt zu sein, doch sie ist eine junge Frau, die nicht in die Zeit passt. Sie will »fliegen« – auf eigenen Beinen stehen, aus dem engen gesellschaftlichen Korsett ausbrechen, das für eine Frau ihres Standes nur die Ehe vorsieht. Von ihrer ersten Begegnung an durchleben Viola und Mimo Seite an Seite die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Aufstieg des Faschismus und die Unruhen der Weltkriege. Er, der ungewöhnlich kleine Bildhauer, wird ein von der Elite gefeierter Künstler; sie versucht unermüdlich, ihre Träume als emanzipierte Frau zu verfolgen. Beide werden sich immer wieder verlieren und finden, als Verbündete oder Gegner, ohne ihre Freundschaft jemals aufzugeben. Aber was nützt Mimo aller Ruhm, wenn er Viola am Ende doch ziehen lassen muss?

Meine Meinung

Ich habe lange gebraucht, um in diese Geschichte hineinzukommen. Der Einstieg fiel mir nicht leicht; immer wieder hatte ich das Gefühl, der Roman nimmt sich mehr Zeit als nötig. Diese Längen haben mein Leseerlebnis gebremst, auch wenn ich im Verlauf immer wieder Passagen gefunden habe, die mich sehr berührt oder beeindruckt haben.

Weitergelesen habe ich hauptsächlich wegen der Figuren. Mimo und Viola mochte ich beide sehr, auch wenn ich nicht jede ihrer Entscheidungen nachvollziehen konnte.

Viola ist eine Rebellin: kreativ, neugierig, intelligent und tierlieb – was aus ihr wohl in der heutigen Zeit geworden wäre… An ihr wird sehr deutlich, wie fremdbestimmt das Leben von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war.

Aber auch Mimo ist alles andere als frei. Die Art, wie sein Onkel ihn behandelt, grenzt an Ausbeutung, und sein Talent darf er nur eingeschränkt zeigen, weil Herkunft mehr zählt als Können. Gerade seine geringe Körpergröße macht ihn in den Augen anderer angreifbar, doch er lässt sich nicht unterkriegen. Trotz mancher für mich unlogischer Verhaltensweisen ist er ein starker Charakter, dessen innere Zerrissenheit gut spürbar wird.

Die Figuren insgesamt sind sehr detailverliebt gezeichnet, was sie lebendig macht, auch wenn nicht jede Entwicklung für mich ganz stimmig war.

Auch der bildhafte, stellenweise schon fast poetische Schreibstil des Autors hat mich weiterlesen lassen. Besonders die Landschafts- und Städtebeschreibungen, die Darstellungen von Kunstwerken und die Einblicke in die Bildhauerei haben mir gut gefallen. Es gibt viele Sätze, bei denen man innehält und sie sich am liebsten anstreichen möchte. Gleichzeitig lässt sich das Buch nicht ganz leicht lesen. Es hat einen gewissen intellektuellen Anspruch, der mich mehrfach an Umberto Eco erinnert hat. Erzählt wird aus Mimos Ich-Perspektive, wobei sein Sterbebett die Rahmenhandlung bildet. Gerade zu Beginn haben mich diese Zeit- und Perspektivwechsel etwas durcheinandergebracht, bis ich mich daran gewöhnt hatte.

Inhaltlich bietet der Roman interessante Einblicke in die italienische Gesellschaft jener Zeit, in die Rolle der Frau sowie in das Spannungsfeld von Kunst und Kirche. Allerdings bleibt vieles davon eher an der Oberfläche. Hier hätte ich mir deutlich mehr Tiefe gewünscht, vor allem auch in Bezug auf die politischen Entwicklungen. Obwohl historische Ereignisse und reale Begebenheiten eingebaut werden, wird nicht klar zwischen Realität und Fiktion unterschieden. Der aufkommende Faschismus und die Frage nach Anpassung oder Widerstand bleiben für meinen Geschmack zu wenig ausgearbeitet, obwohl sie enormes erzählerisches Potenzial hätten.

Mein größter Kritikpunkt ist, dass der Roman zu viele Themen gleichzeitig anschneiden will. Im Mittelpunkt steht eigentlich Mimos Lebensgeschichte, immer wieder eng verknüpft mit der von Viola. Sobald Mimo jedoch älter ist, werden diese Stränge zunehmend von Trinkgelagen und Schlägereien überlagert. Parallel dazu versucht der Autor, gesellschaftliche Umbrüche, politische Entwicklungen und Fragen nach Moral und Haltung einzubinden. Dieses Zusammenspiel findet für mich nicht die richtige Balance und trägt maßgeblich zu den Längen bei. Die Geschichte hätte spannender erzählt werden können, gerade angesichts der bewegten Epoche zwischen den Weltkriegen und des faszinierenden Handwerks der Bildhauerei.

Fazit

Trotz aller Kritikpunkte habe ich das Buch nicht ungern gelesen. Es besitzt Vielschichtigkeit und literarische Tiefe, auch wenn es mich emotional nicht durchgehend getragen hat. Wer sich auf einen anspruchsvolleren, ruhigen Roman mit starken Bildern, komplexen Figuren und einem Fokus auf Kunst und persönliche Schicksale einlassen möchte, könnte hier fündig werden. Leserinnen und Leser, die eine klare historische Einordnung oder ein spannungsreiches Erzählen erwarten, sollten hingegen wissen, worauf sie sich einlassen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Was ich von ihr weiß

Autor: Jean-Baptiste Andrea

Übersetzung: Thomas Brovot

Verlag & Copyright: Luchterhand

Seitenzahl: 512

Erscheinungstermin: 01. Mai 2025

Preis: 24 € (Hardcover)

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