Das nächste Buch auf meiner realen und literarischen Reise durch Kroatien. Und ja, ich kann die Bora auch in Istrien spüren, vielleicht bilde ich mir das nach der Lektüre aber auch nur ein…
Klappentext
Schon seit Jahren zieht es die Schriftstellerin Mara auf die kleine kroatische Insel, deren Geruch nach Sonne, Meer, Salz und Rosmarin sie ebenso liebt wie das launische Wechselspiel der Winde. Doch dieser Sommer ist anders: Stürmischer als sonst weht die Bora, und auch Maras Leben ist aus dem Gleichgewicht geraten. Eines Morgens kommt Andrej auf die Insel, ein Fotograf ohne festen Wohnsitz, der rastlos durch die Welt reist. Seine Eltern sind wie so viele Bewohner der Insel in den 60er-Jahren vor dem Tito-Regime geflüchtet und nach Hoboken, New Jersey, ausgewandert. Mara und Andrej beginnen, sich zu umkreisen, kommen sich näher, doch als Mara immer tiefer in die Geschichte von Andrejs Familie vordringt, die von Entwurzelung und der Sehnsucht nach dem Ankommen erzählt, müssen beide eine Entscheidung treffen.
Meine Meinung
Dieses Buch hat mich vor allem eines tun lassen: eintauchen. Tief hinein in die Gedanken der Protagonist*innen, in Stimmungen und in dieses ganz besondere Gefühl, gleichzeitig irgendwo zu sein und doch nirgends wirklich dazuzugehören.
Erzählt wird in drei Teilen: Mara – Andrej – Mara. Und obwohl ich diesen Perspektivwechsel grundsätzlich mochte, hat er mich beim ersten Mal kurz aus dem Lesefluss gerissen. Gerade weil ich noch ganz nah an Mara dran war, zusammen mit ihr auf der Insel, wir kennen die Wege, die Menschen, den Wind. Ich habe sogar ihre Schreibblockade nachfühlen können, genauso wie die Rastlosigkeit, dieses leise Suchen nach etwas, das sie selbst nicht ganz benennen kann.
Als Andrej dann übernimmt, verändert sich die Stimmung. Es braucht einen Moment, um ihn wirklich zu verstehen, doch dann entfaltet sich eine zweite, ebenso spannende Ebene. Durch ihn öffnet sich der Blick auf Themen wie Emigration, Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man bleiben darf. Seine Familiengeschichte hat mich besonders berührt – dieses Verlassen müssen, dieses nie ganz Ankommen. Die Gespräche mit seiner Mutter wirken nach, weil sie so eindrücklich zeigen, was es bedeutet, eine vertraute Welt hinter sich zu lassen.
Auch wenn dieser Roman eine Liebesgeschichte ist, steht die Sommerromance zwischen Mara und Andrej nie Vordergrund und überraschenderweise hat mir das gut gefallen. Vielleicht, weil sie sich auch so zart und langsam entwickelt. Dass beide mit Bindung hadern, fügt sich stimmig in ihre Geschichten ein.
Besonders lebendig wurde der Roman für mich durch die Nebenfiguren. Tereza, die Hauswirtin, habe ich sofort ins Herz geschlossen – sie bringt Wärme, Bodenständigkeit und ein Gefühl von Zuhause in die Geschichte. Auch Harry, der Maler, bleibt im Gedächtnis. Überhaupt gelingt es dem Buch wunderbar, das Leben auf der Insel einzufangen: die Gemeinschaft, die kleinen Rituale, die feucht-fröhlichen Abende, die Landschaft. Es fühlt sich an, als würde man selbst an der Küste entlangspazieren, das Salz in der Luft schmecken und den Wind auf der Haut spüren.
Die titelgebende Bora als wiederkehrendes Element ist eine schöne, fast poetische Metapher. Der stürmische Sommer spiegelt das Innenleben der Figuren – nichts ist ruhig, nichts wirklich geordnet. Dieses Zusammenspiel aus Natur und Emotion hat mir sehr gefallen.
Sprachlich ist der Roman bildhaft und atmosphärisch, manchmal auch leicht poetisch. Es gibt keine Sätze, die man sich unbedingt markiert, aber viele, die sich einfach richtig anfühlen – ehrlich, ungekünstelt, nah dran.
Ob das Buch allerdings auch außerhalb Kroatiens funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich habe das Buch im Urlaub gelesen, selbst umgeben von ähnlicher Landschaft und Stimmung. Für mich hat es jedenfalls perfekt gepasst – wie ein literarisches Echo meiner Umgebung.
Fazit
Ein stilles, atmosphärisches Sommerbuch, das weniger von Handlung lebt als von Gefühl, Ort und inneren Bewegungen. Wer sich gern treiben lässt, Freude an bildhafter Sprache hat und sich auf leise Töne einlassen kann, wird hier viel finden. Für mich war es wie ein kleiner Urlaub zwischen den Seiten – mit Wind, Salz auf der Haut und einer Geschichte, die noch nachklingt.
Bibliografie

Titel: Bora
Autorin: Ruth Cerha
Verlag & Copyright: Frankfurter Verlagsanstalt
Seitenzahl: 256
Erscheinungstermin: 01.07.2015
Preis: 19,90 € (Hardcover)