Wohin gehst du, wenn ich bleibe von Lucia Sperling

Als mir dieses Buch empfohlen wurde, weil es in meiner Heimatstadt Göttingen spielt, war ich skeptisch. Ich lese ja gern Geschichten über gescheiterte Ehen, aber ein Buch über eine 47jährige, die kurz nach dem 50. Geburtstag ihres Mannes verlassen wird, weil er den Traum eines Hauses auf dem Land lieber mit einer deutlich jüngeren Yoga-Lehrerin verwirklichen möchte und deswegen seine Ex dazu nötigt, das gemeinsame Stadthaus zu verkaufen, ist vielleicht doch ein wenig zu dicht dran an meinen Ängsten…

Klappentext

Die 47-jährige Kunsthistorikerin Olivia fällt aus allen Wolken, als ihr Mann Philip ihr mitteilt, dass er das gemeinsame Haus verkaufen und aufs Land ziehen möchte – das sei seit Jahren sein Traum, den er sich nun, da ihr Sohn in England studiert, endlich erfüllen will.
Bis zu diesem Moment war Olivia sicher, dass sie und Philip glücklich sind, miteinander und mit ihrem Leben. Aber Philip empfindet das offenbar anders. Auch bittet er Olivia nicht, er nimmt einfach an, dass sie sich seinem Wunsch fügt. Doch genau das kann sie nicht: Für sie ist ihr Zuhause nicht einfach nur ein Wohnort – es ist ihr Leben, ein Teil von ihr, den sie mit viel Liebe restauriert hat.
Philip, der Mann, mit dem sie alt werden wollte, geht schließlich trotzdem. Und er setzt Olivia unter Druck …

Meine Meinung

Die ersten Seiten haben mich tatsächlich sehr getriggert, denn Lucia Sperling beschreibt die langjährige Ehe der Protagonist*innen wirklich treffend, da kann man sich schon wiederfinden…

Doch dann wird Philips Figur sehr stereotyp-arschlochmäßig dargestellt, was sich bis kurz vor Schluss durchzieht, so dass man Olivia nur gratulieren kann, dass sie ihn endlich los ist. Vielleicht ist das der Perspektive geschuldet, aus der die Geschichte erzählt wird (nämlich Olivias), aber so ganz lebensecht wirkt sein Charakter dadurch nicht, macht es andererseits aber auch erträglicher zu lesen.

Gut dargestellt fand ich Olivias beste Freundin Babette und ihren Mann Theo. Die Autorin schafft es wirklich langjährige Beziehungen realistisch zu beschreiben. Ich war immer hin und hergerissen, mit welcher der beiden Frauen ich mich mehr identifiziere.

Als Göttingerin gefallen mir natürlich die Schauplätze des Romans, die ich fast alle kenne. Was mich jedoch irritiert, sind die ganzen Designerklamotten und wo man die hier vor Ort shoppen könnte…

Achtung Spoiler!

Leider klingt der Plot wenig authentisch. Das Buch beginnt als Drama und endet in einem feministischen Märchen. Schon nach einer Woche schafft es Olivias beste Freundin Babette, sie zum Ausgehen zu überreden. Und natürlich treffen sie sofort auf den ruhigen, aber sehr netten Ernst, der passenderweise auch noch Anwalt im Bereich Familienrecht ist. Doch ein Verehrer reicht natürlich nicht aus: Auch der etwas jüngere Tennislehrer Mo stellt sich sofort zur Verfügung, um Olivia über den Betrug ihres Mannes hinweg zu helfen. Und der sieht nicht nur gut aus, sondern scheint sich auch noch ernsthaft in Olivia zu verlieben. Ach ja, dann wäre da natürlich noch Henning, der eigentlich ihr Haus kaufen wollte, aber sein Interesse daran selbstverständlich sofort in Interesse an der Hausherrin umwandelt, als er hört, dass sie gar nicht verkaufen möchte. Und da nichts so anziehend wirkt, wie eine Frau mit vielen Verehrern, kommt schlussendlich natürlich auch wieder Philip angekrochen und hätte sie gern zurück. Das war mir dann doch etwas too much. Zwar versucht die Autorin immer wieder Rückschläge einzubauen, aber die wirken nach 25 Ehejahren doch etwas gekünstelt und vor allem viel zu schwach. Um das Märchen komplett zu machen, nimmt Olivia auch noch die Alleinerziehende Ari mit ihrer 14jährigen Tochter May mit auf, quartiert sie in der Wohnung ihres Sohnes Vincent ein, der gar nicht lange überredet werden muss, um stattdessen ins Gästezimmer umzuziehen und seine Sachen in der Garage einzulagern, weil er insgeheim schon immer ein großer Bruder sein wollte und May eine kleine Schwester. Ach ja, und dann verliebt sich Ernst natürlich auf den ersten Blick in Arie.

Am Ende kann Olive im Stadthaus wohnen bleiben, weil Philip geläutert ist und hat die Qual der Wahl bei den Männern. Und auch ihre alten Freundinnen, die sich die gesamte Zeit nicht gemeldet haben, sind natürlich wieder zurück.

Spoiler Ende!

Fazit

Mein größter Kritikpunkt an diesem Buch ist die wenig realistische Handlung. Vielleicht soll sie ja Mut machen, eine solche, von außen induzierte Veränderung als Chance zu sehen, aber ich befürchte, bei den Wenigsten wird sich das so oder ähnlich abspielen wie bei Olivia.

Versteht mich nicht falsch, ich habe das Buch wirklich gern gelesen, denn ich mag Märchen. Natürlich wünscht man der Protagonistin zahlreiche heiße Verehrer, alte und neue Freundinnen und die Befriedigung, wenn selbst der Ex am Ende glaubt, dass er einen großen Fehler gemacht hätte. Und Göttingen, als Schauplatz ist definitiv ein Bonus.

Ich hatte einfach eine tiefere und authentischere Behandlung des Themas erwartet.

Bibliografie

Titel: Wohin gehst du, wenn ich bleibe
Autorin: Lucia Sperling
Verlag & Copyright: Knaur
Seitenzahl: 320
Erscheinungstermin: 29. Dezember 2023
Preis: 12,99 (Taschenbuch)

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