Lightseekers von Femi Kayode

Ist euch schon mal aufgefallen, dass sich Kriminalgeschichten hervorragend dazu eignen, um die Welt zu reisen? Und ich meine damit nicht nur europäische Cosy Crime á la Donna Leon, Alexander Oetker oder Sophie Bonnet, die ich persönlich ja auch sehr liebe. Nein, Spannungsliteratur nimmt uns mit bis zum letzten Fleckchen Erde. Und nachdem ich mit X schon so erfolgreich nach Marokko gereist bin, lesen wir uns mit „Lightseekers“ erneut auf den afrikanischen Kontinent, dieses Mal nach Nigeria.

Klappentext

In der nigerianischen Universitätsstadt Port Harcourt werden drei junge Studenten von einem Mob verfolgt und brutal umgebracht – ein Video der grausamen Morde kursiert in den sozialen Medien, und den Tätern wird der Prozess gemacht.
Zu Prozessbeginn wird der Psychologe Dr. Philip Taiwo vom Vater eines der Opfer damit beauftragt, Licht in das Dunkel der schrecklichen Ereignisse zu bringen, die zum Tod seines Sohnes geführt haben. Taiwo, Spezialist für Massenpsychologie und Gewalt, hat lange im Ausland gelebt. In der abgelegenen Provinzstadt angekommen, muss er feststellen, dass ihm vieles fremd geworden ist in seiner Heimat, noch dazu weit weg von der Hauptstadt Lagos. Die Bewohner begegnen ihm mit Misstrauen. Und schnell wird Taiwo klar: Er ist nicht willkommen – und jemand setzt alles daran zu verhindern, dass er die Wahrheit aufdeckt.

Meine Meinung

Ich kann nur sagen, dieses Buch verbindet gekonnt Thriller und gesellschaftskritischen Roman. Dabei zeichnet Femi Kayode ein sehr düsteres Bild seiner Heimat. Anschaulich, wenngleich für mich absolut unvorstellbar, macht er uns bekannt mit der blutigen Geschichte dieses Landes, seinen Kultgemeinschaften, Drogenhandel, Korruption und noch so manch anderen Konflikte mit dem Nigeria zu kämpfen hat.

Schreibstil

Die ersten zwei Seiten sind an Brutalität kaum zu übertreffen, denn der Roman beginnt mit einer äußerst anschaulichen Zusammenfassung der Gräueltat. Und die Bilder will man echt nicht im Kopf haben. Daher dachte ich schon, ich müsste das Buch abbrechen, weil ich das sicher keine 450 Seiten aushalte. Aber wenn man den Anfang erstmal geschafft hat, konzentriert sich die Handlung auf die Ermittlungen. Es bleibt spannend, aber derartig unaushaltbare Gewaltbeschreibungen bleiben aus.  

Zum Schluss fügen sich alle Bausteine zu einem Gesamtbild zusammen und wir erfahren auch endlich, was es mit den eingeschobenen Gedanken des bisher unbekannten Dritten auf sich hat. Die Auflösung ist überraschend, aber schlüssig und es bleiben auch keine Fragen offen, obwohl „Lightseekers“ der Auftakt zu einer Reihe um den nigerianischen Ermittler Philip Taiwo sein soll.

Unvorstellbar

Femi Kayode entführt mich wirklich in eine vollkommen andere Welt. Dabei tue ich mich sehr schwer, mir die Personen, Landschaften und Lebensverhältnisse in Nigeria vorzustellen. Aber nicht, weil der Autor es nicht zu beschreiben verstünde, sondern weil es für mich so weit weg von meinem eigenen heilen Alltag ist.

Gleiches gilt für die Lynchmobs. Ich hatte vor der Lektüre noch nie davon gehört. Es geht weit über meine Vorstellungskraft, dass eine ganze Stadt – inkl. Polizei – dabei zuschaut, wie drei Menschen am helllichten Tag bei lebendigem Leib gefoltert und verbrannt werden. Und die Tatsache, dass dieser intelligent geschriebene Kriminalroman auf einem wahren Ereignis aus dem Jahr 2012 basiert, macht die Sache nicht leichter. Vor allem, weil ich vermute, dass die aktuellen Verhältnisse in Nigeria genauso sind wie im Buch beschrieben.

Andererseits verdeutlicht dieser Umstand, wie wichtig es ist, solche Bücher zu lesen und von den Missständen auf dieser Welt zu erfahren.

Charaktere

Der Autor legt keinen großen Wert darauf, seine Figuren großartig einzuführen. Stattdessen setzt er auch hier auf Handlung und Atmosphäre. Die Charaktere wirken authentisch, egal wie ungewohnt und unsympathisch sie mir vorkommen. Aber Schlussendlich erläutert Femi Kayode immer, warum seine Figuren so handeln wie sie es tun.

Philip Taiwo ist nur seiner Frau zuliebe wieder nach Nigeria zurückgekehrt und während sie als Professorin für Rechtswissenschaften an der Universität von Lagos lehrt, sucht er nach einer neuen Aufgabe. Vielleicht nimmt er deshalb diesen Auftrag an, vielleicht aber auch, um seinen familiären Problemen zu entfliehen. Mir gefällt, dass wir dadurch auch etwas Persönliches vom Ermittler erfahren.

Da der Protagonist viele Jahre lang in den USA gelebt hat, erscheint ihm sein Heimatland ebenso fremd wie uns Leser:innen: von ähnlich klingenden Namen über vorherrschende Machtverhältnisse bis hin zu seltsamen Gepflogenheiten und Traditionen.

Doch obwohl ihm das Misstrauen der Bewohner:innen entgegenschlägt, schafft er es nach und nach, die Wahrheit ans Licht zu bringen – doch leider nicht ohne Gefahr für das eigene Leben. Denn obwohl er selbst Nigerianer ist, lernen wir ihn in seiner Vorgehensweise eher als naiv westlich geprägten Menschen kennen.

Über den Autor (Verlagsinformation)

Femi Kayode wuchs in Nigeria auf. Nach dem Studium der Klinischen Psychologie an der University of Ibadan in Lagos arbeitete er viele Jahre in der Werbebranche. Er war Stipendiat an der University of Southern California und der University of Washington, Seattle. Seine Arbeiten fürs Fernsehen wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. 2017 schloss er das renommierte Creative Writing Programm der University of East Anglia mit Auszeichnung ab. Kayode lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Windhoek, Namibia.

Fazit

„Lightseekers“ ist ein ungewöhnlicher und erschreckend faszinierender Ermittler-Krimi, der uns viele Eindrücke vom nigerianischen Lebensalltag bietet.

Ich bin mir nicht sicher, ob man diesen Einstieg noch toppen kann, aber in jedem Fall werde ich auch den zweiten Teil lesen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Lightseekers
Autor: Femi Kayode
Übersetzung: Andreas Jäger
Verlag und Copyright: btb
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 11. Juli 2022
Preis: 16 € (Klappenbroschur)

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