Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens von Richard David Precht

Ich mag Philosophie. Insbesondere Logikprobleme haben es mir angetan. Über den Sinn des Lebens denke ich auch sehr gern nach. Außerdem interessiere ich mich für Neurowissenschaften und künstliche Intelligenz. Da lag es nahe, mir das neue Buch von Richard David Precht „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ genauer anzusehen bzw. zu lesen.

Verweis

Ich möchte allerdings gleich voranstellen, dass es bereits eine grandiose Besprechung dieses Buches auf der Seite von David Johann Lensing gibt (https://dajolens.de/blog/kuenstliche-intelligenz-und-der-sinn-des-lebens/). Sie ist sowohl als Fließtext als auch als YouTube Video verfügbar. Mein nachfolgender Versuch einer Rezension kann und will an eine solche Arbeit gar nicht herankommen. Tatsächlich habe ich mich sehr schwer damit getan, meine Eindrücke und Meinung in Worte zu fassen. Im Gegensatz dazu bringt David Johann Lensing unterhaltsam auf den Punkt, was ich zwar ebenso wahrgenommen, aber anscheinend nicht auszudrücken vermag.

Dafür ist das Video aber auch über eine halbe Stunde lang…

Meine Meinung

Angesichts der Komplexität des Themas und der akademisch anmutenden Schreibweise des Autors, hätte ich mir kürzere Kapitel und ein rotes Lesebändchen gewünscht. Trotz angenehmen Sprachstils: in „einem Rutsch“ ist dieses Buch wirklich nicht zu lesen.

Die Lektüre zog sich also auch bei mir über mehrere Tage hin, was für ein Sachbuch erstmal nicht ungewöhnlich ist. Allerdings weiß ich nicht, ob es im Sinne des Autors war, dass mich sein Buch gerade deshalb zum Nachdenken und Diskutieren anregte, weil ich seinen schamlos unverhüllten Meinungen i.d.R. nicht zustimmen konnte.

Erwartet habe ich eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens zusammenhängen. Dabei wäre sowohl eine Definition von KI als auch eine Annäherung an das Konstrukt des „Sinn des Lebens“ hilfreich gewesen. Leider sucht man den Bezug zwischen Titel und Untertitel bis zu den letzten Kapiteln vergebens. Und auch da wird er nur angerissen. Stattdessen erwarten den Leser zahlreiche Versuche, zu verdeutlichen, warum künstliche Intelligenz, ihre Programmierer und die „bösen“ IT-Firmen der Untergang der Menschheit sein werden, wenn man ihnen nicht sofort das Handwerk legt.

Dabei zeigt uns doch gerade die aktuelle Situation, in der uns ein Virus dazu zwingt, entgegen unserem sozialen Naturell auf Abstand zu gehen und persönliche Kontakte zu anderen Menschen zu meiden, dass es die moderne Technologie ist, die uns ermöglicht, unser Leben dennoch aufrecht zu erhalten.

Natürlich sollten wir uns nicht zu sorglos in diesem Kontext bewegen. Auch ich kenne die einschlägigen Science Fiction Filme mit Endzeitcharakter. Schon beim bloßen Gedanken an „Minority Report“ bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, dass aufgrund von Algorithmen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen Verhaltensweisen von Menschen vorhergesagt und Strafen antizipiert werden könnten, obwohl die Tat noch gar nicht begangen wurde… Selbstverständlich erscheint es auf den ersten Blick verlockend, den Sexualstraftäter dingfest zu machen, bevor er sich am ersten Opfer vergehen kann. Dies setzt jedoch die Perfektion des Systems voraus…

Was mich stört, ist die Negativität des Buches. Die Argumente sind mir zu endgültig, es fehlen Fantasie und kreative Lösungsansätze.

Ich verstehe nicht viel von Technik, aber ich wende sie furchtbar gern an. Daher sehe ich auch nicht die vom Autor angeführte Einschränkung meiner Wahlfreiheit durch künstliche Intelligenz. Meiner Ansicht nach unterstützt sie mich vielmehr, sei es bei einer eigens entschiedenen Maßregelung (wie bspw. einer Fitnessuhr oder -App) oder bei einer Kaufentscheidung (dadurch, dass sie bereits eine zu meinem Gewohnheiten passende Vorauswahl trifft).

Kurze Buchbesprechung einiger exemplarischer Punkte

Sehen wir uns doch den letzten Gedanken kurz genauer an: Ich denke, dass mich Menschen aus Fleisch und Blut viel eher in meinen Kaufentscheidungen – egal ob nun bewusst oder unbewusst – manipulieren können als Algorithmen.
Ein Beispiel: Ich habe mir zu meinem Geburtstag eine Gesichtsbehandlung gegönnt. Die Kosmetikerin leistet hervorragende Arbeit, aber während sie meine Haut reinigte, pries sie mir die verwendete Gesichtspflege an. Wenn mir eine Anzeige auf Instagram zu einem bestimmten Produkt rät, habe ich im Zweifel überhaupt keine Skrupel, sie einfach weg zu klicken. Doch wenn mir meine Kosmetikerin ein Produkt ans Herz legt, und ich mit diesem im Gepäck nach Hause komme, obwohl ich doch weniger Plastik verwenden und schon gar nicht 30 Euro dafür ausgeben wollte, mich aber nicht traute, das Angebot der durch Covid-19 finanziell ohnehin schon gebeutelten Einzelunternehmerin abzulehnen – dann fühle ich mich in meiner Wahlfreiheit eingeschränkt… By the way: Die KI hätte vermutlich von meinem Wunsch, weniger Plastik zu verwenden, gewusst, und hätte mir eine passende Gesichtsseife angeboten…

Ein weiterer Punkt, indem wir nicht übereinstimmen, ist das autonome Fahren. Während Precht es zu verteufeln scheint, muss ich gestehen, dass ich mich auf diesen Teil der Zukunft freue. Ich sehe darin nunmal eher zahlreiche Möglichkeiten denn Gefahren. Wenn ich selbst auf dem Land kein eigenes Auto mehr besitzen muss, weil ich mir immer ein „autonomes Taxi“ rufen kann und wir auf dem Weg zur Reinform von Car-Sharing sind, dann lässt dies nicht nur ältere Menschen wieder mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben, es wäre sicher auch nachhaltiger.

Der Autor schreibt zu recht, wenngleich viel zu spät, dass künstliche Intelligenz weder ein Erlösungsweg noch Teufelswerk ist, sondern immer so gut oder schlecht wie die Absichten der Menschen, die dahinter stehen.
Dass er aber keinen Sinn darin erkennen kann, eine KI darauf zu programmieren, Karajan oder van Gogh zu imitieren, zeigt, dass Precht Wissensdurst und Neugier der menschlichen Natur vernachlässigt und massiv unterschätzt. Die Menschheit wird vermutlich nie präventiv mit dem Erforschen des Unbekannten aufhören, d.h. bevor eine Entdeckung oder Erfindung gemacht wird. Ethik und Moral kommen i.d.R. erst hinterher.
Ist es also nicht vielmehr von Bedeutung, dass wir uns die Fähigkeit zur kontinuierlichen Selbstreflexion erhalten und den Mut, wieder zurück zu rudern, wenn wir zu weit gegangen sind?

Ihr seht, meiner Meinung nach hinken sowohl die Metaphern und Analogien des Autors als auch seine Schlussfolgerungen. Darüber hinaus trifft er Aussagen, ohne sie in einen Gesamtkontext einzuordnen oder überhaupt einen Zusammenhang herzustellen.

Auch bin ich mir gar nicht so sicher, inwieweit er sich überhaupt mit KI auseinandergesetzt hat.

Darüber hinaus gefällt mir weder der häufige Verweis auf andere Philosophen noch sein Umgang mit anderen Autoren.

Zum Schluss aber zumindest noch zwei interessante Denkanstöße des Buches:

  • Stellen wir uns vor, Kriege würden digitalisiert. Verlöre dieser nicht seinen Schrecken, wenn man nur noch Robotersoldaten gegeneinander antreten lassen würde? Spielt man dann Schach um die Ukraine?
    Bekanntlich sinkt die Hemmschwelle zum Töten mit dem Grad der Automatisierung. Sollte man sich aber wirklich lieber aus Konflikten, die nicht das eigene Land betreffen, heraushalten, damit man keine Menschen gefährden muss, weil der Einsatz von autonomen Drohnen inakzeptabel ist?
  • Ebenfalls für das sonntägliche Frühstücksphilosophieren geeignet, ist das Gedankenspiel, ob wir wohl die Möglichkeit ergreifen würden, in einer Matrix zu leben, d.h. ohne physisch präsent zu sein, sodass wir uns weder verletzen, noch Krankheiten einhandeln könnten, alles zur Verfügung hätten, was wir uns wünschen, jeden Beruf ausüben könnten, das Wetter bestimmen oder uns an jedem beliebigen Ort aufhalten. Wie würdet ihr euch entscheiden? Dieses Experiment erinnert mich übrigens stark an den Film „Surrogates“ mit Bruce Willis. Und da kommt für mich dann auch das erste Mal die Verbindung zum Sinn des Lebens auf.

Fazit

Ich würde sagen, man kann dieses Buch weder verteufeln noch bejubeln. Freunde von Prechts Büchern werden darin sicher eine unterhaltsame Lektüre finden.

Bei mir waren es mal wieder falsche Erwartungen, die der Autor nicht erfüllen konnte. Vielleicht habe ich auch eine verklärte Sicht auf sein erstes Buch, denn ich meine, ich war ziemlich begeistert davon. Allerdings genügt ein Blick in mein Bücherregal und ich stelle fest, dass ich noch weitere Werke des Autors besitze, allesamt jedoch mit einem verwaisten Lesezeichen zwischen den ersten Seiten…

Zusammengefasst kam mir der Bezug zum Sinn des Lebens eindeutig zu kurz und ich wünschte, Precht hätte die vorangegangenen Kapitel wie die letzten geschrieben, in denen er auf einmal positiver und leichter verständlich wird.

Buchtipp

Wer sich für KI interessiert, dem kann ich nur wärmstens das Buch „die kreative Macht der Maschinen“ von Holger Volland aus dem Beltz Verlag ans Herz legen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies beeinträchtigt in keiner Weise meine Bewertung.

Infos

Titel: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Autor: Richard David Precht

Verlag und Copyright: Goldmann

Seitenzahl: 256

Erscheinungsdatum: 15. Juni 2020

Preis: 20 € (gebunden)

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