Manchmal entstehen Bücher aus einer Idee – manchmal aus einer gesellschaftlichen Diskussion. Im März 2026 löste Literaturkritiker Dennis Scheck in seiner ARD-Sendung Druckfrisch eine Sexismus-Debatte aus, als er Ildikó von Kürthys Buch „Alt genug“ als „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ bezeichnete und in die Tonne schmiss.
Daraus kreierte Friederike Schilbach zusammen mit dem Park x Ullstein Verlag ein besonderes Projekt: 22 Autor*innen schrieben jeweils eine Kurzgeschichte über „Die Damentoilette“. Ein Buch, das auf die Debatte reagiert und zeigt, welche unterschiedlichen Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven mit diesem Ort verbunden sein können. Allein diese Entstehungsgeschichte hat dafür gesorgt, dass ich dieses Buch unbedingt großartig finden wollte.
Klappentext
22 Autor:innen erzählen von einem Ort, an dem Fremde zu Komplizinnen werden, an dem man sich Lippenstift borgt, über Liebeskummer spricht, lacht, trinkt, sich tröstet, gemeinsam durch die Nacht geht. Ein Ort, an dem das Leben spielt, reich an außergewöhnlichen Geschichten: die Damentoilette. Ein Band, der vom Spirit herausragender Stimmen getragen wird und Schwesternschaft feiert – hellwach und radikal gegenwärtig.
Meine Meinung
Wie gesagt, hat mich die Idee hinter diesem Buch begeistert. Dass aus einem abwertenden Kommentar ein ganzes Gemeinschaftsprojekt entstanden ist, finde ich sensationell. Gleichzeitig hat die Vorgeschichte meine Erwartungen aber auch enorm hochgeschraubt – und genau daran ist das Buch bei mir dann leider größtenteils gescheitert.
Wie bei vielen Kurzgeschichtensammlungen gefielen mir die einzelnen Beiträge unterschiedlich gut. Vier oder fünf Geschichten waren wirklich genauso, wie ich mir das vorgestellt habe: kreativ, innovativ, sprachlich gelungen und zum Schmunzeln oder Nachdenken anregend. Die meisten jedoch konnten mich nur mäßig bis gar nicht überzeugen. Vielleicht habe ich manche Texte aber auch einfach nicht verstanden. Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Idee hinter diesem Buch größer war als ihre Umsetzung.
Vielleicht waren meine Erwartungen durch die Entstehungsgeschichte einfach zu hoch. Bei Schwesternschaft und Frauensolidarität habe ich sofort Bilder und Ideen im Kopf. Doch genau das habe ich in den meisten Geschichten vermisst. Dabei kenne ich als Frau viele der beschriebenen Situationen – und das hätte durchaus etwas auslösen können. Es hätte Erinnerungen wecken, ein Gefühl von Verbundenheit schaffen oder vielleicht sogar nostalgische Momente hervorrufen können. Bei mir ist das leider nur selten passiert.
Stattdessen zeigen die Autor*innen vor allem 22 verschiedene Perspektiven darauf, was sich auf einer Damentoilette alles abspielen kann. Das wird manchmal durchaus bewegend, manchmal unangenehm und gelegentlich auch einfach nur eklig. Eine Damentoilette kann ein Safe Space sein, ein Ort, an dem Frauen sich gegenseitig helfen und auffangen. Sie kann aber auch ein Ort der Demütigung oder Gewalt sein.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich selbst noch nie bewusst über diesen Ort nachgedacht habe. Glücklicherweise musste ich auch nie erfahren, wie wichtig eine Damentoilette als Schutzraum sein kann. Meine einzige ganz persönliche (und zugegeben auch sehr harmlose) Anekdote spielt auf der Damentoilette des Hotels, in dem wir unsere Hochzeit gefeiert haben. Dort hatte ich für unsere Gäste ein hübsches Körbchen mit Deo, Hygieneartikeln, Ersatzstrumpfhosen etc. vorbereitet. Nach gerade einmal einer Stunde war es verschwunden. Da wir mit unserer Hochzeitsgesellschaft nicht die einzigen Gäste im Hotel waren, werde ich wohl nie erfahren, wer es mitgenommen hat.
Auch sprachlich gehen die 22 Autor*innen sehr unterschiedlich an das Thema heran. Viele nutzen Verweise auf Filme oder Serien wie Sex and the City, um Situationen zu verdeutlichen. Besonders gelungen fand ich die Beiträge von Gabriele von Arnim, Lin Hierse, Sonja Finck und Heidi Julavits. Sie haben genau das geschafft, was ich mir von diesem Buch insgesamt erhofft hatte.
Vermutlich hat fast jede Frau ihre ganz eigene Geschichte, die sie mit einer Damentoilette verbindet. Vielleicht eignet sich dieses Buch deshalb sogar besonders für Männer – als Einblick in einen Ort, über den sie sonst kaum etwas erfahren.
Fazit
Auch wenn mich der Band insgesamt nicht so überzeugen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte, gefällt mir die Botschaft hinter diesem Projekt. Ich mag die Idee, damit auf Dennis Schecks Aussage zu reagieren und zu zeigen, dass eine Damentoilette eben weit mehr ist als eine „Schnatterzone“. Deshalb würde ich dieses Buch tatsächlich weniger wegen der Geschichten empfehlen als wegen der Idee, die dahintersteht.
Und ganz ehrlich: Ich würde es feiern, wenn Dennis Scheck dieses Buch in Druckfrisch besprechen müsste. Das ist vielleicht ein bisschen kindisch – aber der Gedanke macht einfach Spaß.
Bibliografie

Titel: Die Damentoilette
Herausgeberin: Friederike Schilbach
Verlag & Copyright: Park Ullstein
Seitenzahl: 160
Erscheinungstermin: 25.06.2026
Preis: 20 € (Hardcover)