Pina fällt aus von Vera Zischke

Nachdem mich „Ava liebt noch“ so begeistert hatte, war ich natürlich neugierig auf das neue Buch von Vera Zischke. Außerdem kommen Themen wie Pflege, Behinderung und Inklusion viel zu selten in Romanen vor.

Klappentext

Als Pina mitten auf der Straßenkreuzung zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Ihr Sohn ist zwanzig Jahre alt und lebt in seiner eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Wenn er Treppen geht, dann in seinem eigenen Rhythmus: immer zwei Schritte vor und einen Schritt zurück.
Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Doch jetzt liegt Pina auf der Intensivstation und Leo ist zum ersten Mal allein in der Wohnung. Die Nachbarn sind in Schockstarre. Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, realisiert jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch.

Meine Meinung

„Pina fällt aus“ besticht vor allem durch die illustre Gruppe an skurrilen Figuren, die Vera Zischke in ihrem zweiten Roman zusammenbringt. Sie sind einzigartig, haben ihre ganz eigenen Eigenarten und wirken allesamt lebensecht. Das heißt aber nicht, dass sie einem sofort sympathisch sind. Und trotzdem wachsen mir die unterschiedlichen Charaktere nach und nach ans Herz.

Interessant fand ich, dass Pina – obwohl sie der Titel in den Mittelpunkt stellt – nur zu Beginn und am Ende kurz in Erscheinung tritt. Dazwischen geht es um die anderen Figuren, die plötzlich in die Rolle rutschen, sich um Pinas behinderten Sohn zu kümmern. Durch den Perspektivenwechsel erfahren wir hautnah, was das mit ihnen macht und mit welchen Problemen sie in ihrem Leben zu kämpfen haben: Einsamkeit, fehlender Mut oder Angst vor Verantwortung.

Leos Figur fand ich sehr berührend. Die Darstellung seiner Behinderung kam mir realistisch vor, auch wenn ich nicht wirklich beurteilen kann, inwiefern sie tatsächlich authentisch dargestellt wurde. Mir hat der Roman jedenfalls eine neue Perspektive ermöglicht, denn er zeigt deutlich, mit welchen Herausforderungen pflegende Eltern zu kämpfen haben und wie viel Selbstaufgabe und Opferbereitschaft damit verbunden sein kann – und das nicht nur für ein paar Jahre, sondern unter Umständen ein Leben lang. Die innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, dem eigenen Kind gerecht zu werden, und dem Bedürfnis, auch einmal Zeit für sich selbst zu haben, hätte für meinen Geschmack allerdings noch etwas stärker ausgearbeitet werden können.

Trotz der schweren Thematik ist das Buch unterhaltsam geschrieben. Vera Zischke schreibt so flüssig, einfühlsam und humorvoll, dass ich regelrecht durch die Seiten gepflogen bin. Das Buch ist aber auch nicht sehr dick. Stattdessen ist die Geschichte sehr dicht erzählt und wirkt auf mich wie ein Kammerspiel, was ich ja immer sehr mag.

Schön fand ich auch die Dynamik dieser ungewöhnlichen Gemeinschaft. Menschen, die zunächst gar nichts miteinander zu tun haben wollen und selbst genug mit ihrem Leben beschäftigt sind, werden durch Leo zusammengebracht. Mir gefällt die Botschaft, dass man gemeinsam vieles schaffen kann, was allein kaum zu bewältigen wäre.

Das offene Ende hat mich allerdings etwas unzufrieden zurückgelassen. Gerade weil mir die Figuren so ans Herz gewachsen waren, hätte ich gern noch etwas mehr erfahren. Gleichzeitig lässt es viel Raum für eigene Gedanken und Diskussionen, weshalb ich mir den Roman auch gut für einen Lesekreis vorstellen kann.

Fazit

„Pina fällt aus“ ist für mich eine warmherzige, bewegende und nachdenklich stimmende Geschichte über Pflege, Überforderung, Inklusion und Zusammenhalt. Besonders die außergewöhnlichen Figuren, die verschiedenen Perspektiven und die dichte, einfühlsame Erzählweise haben mir gefallen. An „Ava liebt noch“ kommt der Roman für mich nicht heran – das liegt in meinen Augen allerdings am Thema und nicht an der Umsetzung oder am Schreibstil.

Bibliografie

Cover von „Pina fällt aus“ von Vera Zischke: Das Cover zeigt eine gemalte Frau mit nachdenklichem Blick in blauen und beigen Farbtönen. Die Schrift ist groß und rosa gehalten.

Titel: Pina fällt aus

Autorin: Vera Zischke

Verlag & Copyright: List / Ullstein

Seitenzahl: 304

Erscheinungstermin: 26.03.2026

Preis: 21,99 € (Hardcover)

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