Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf „Diebstahl“ aufmerksam geworden bin. Dass der Autor Nobelpreisträger ist, wusste ich vorher jedenfalls nicht. Und das war auch ganz gut so, denn sonst hätte ich vermutlich gar nicht danach gegriffen. Denn ich hätte eine schwerer zugängliche Sprache erwartet – und genau damit hat mich das Buch ziemlich überrascht.
Klappentext
Tansania, heute. Drei junge Menschen wachsen hier auf: Karim, der nach seinem Studium mit Ehrgeiz und großen Ideen in seine verschlafene Heimatstadt Daressalam zurückkehrt. Fauzia, die in Karim nicht nur ihren geliebten Partner, sondern auch die Chance sieht, einer allzu behüteten Kindheit zu entkommen. Badar, ein mittelloser Junge, der in Fauzia und Karim Freunde findet und von ihnen Hilfe erfährt, obwohl nicht klar ist, was und ob die Zukunft überhaupt etwas für ihn vorgesehen hat. Als Fortschritt und Tourismus in ihrem abgelegenen Winkel der Welt Einzug halten, nimmt jeder der drei das Schicksal in die eigenen Hände. Auf der Suche nach Erfolg, Glück und Bedeutung kämpft insbesondere Badar mit den langen Schatten eines Diebstahls.
Meine Meinung
Im Mittelpunkt stehen also Badar, Karim und Fauzia, wobei Badar für mich die wichtigste Figur ist. Die drei haben sehr unterschiedliche Hintergrundgeschichten, die der Autor nach und nach zu einer komplexen Familiengeschichte verwebt. Dabei sind die Figuren so gut gezeichnet, dass ich sie beim Lesen direkt vor Augen hatte – nicht unbedingt äußerlich, sondern vor allem von ihrem Wesen her. Ich hatte ein klares Gefühl dafür, wer diese Menschen sind und was sie bewegt. Bei den Verflechtungen innerhalb der Familien bin ich allerdings bis zum Ende nicht ganz durchgestiegen.
In der Handlung passiert eigentlich nicht so viel. Trotzdem war ich beim Lesen nie gelangweilt, sondern wollte immer wissen, wie es weitergeht. Wir begleiten die drei über einen Teil ihres Lebens und sehen, wie sie versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Dabei spielen Abhängigkeiten (auch innerhalb der eigenen Familie), aber auch Güte immer wieder eine Rolle.
Ein großer Pluspunkt war für mich der Einblick in das Leben und die Gesellschaft Tansanias. Der Autor ist ein guter Beobachter und zeigt am Beispiel Sansibars, welche Veränderungen mit dem zunehmenden Tourismus einhergehen. Gern hätte ich auch mehr über die Zeit und Auswirken der Kolonialisierung gelernt. Dafür haben mich die Begriffe, die Namen und die Atmosphäre des Romans wirklich gut nach Tansania mitgenommen. Für meine literarische Weltreise war das Buch deshalb genau das Richtige.
Und dann ist da noch die Sprache, die mich wie gesagt überrascht hat. Ich hatte sie mir deutlich schwerer vorgestellt, aber eigentlich wirkt sie nur etwas vornehm, vielleicht kommt da die Kolonialherrschaft durch? Jedenfalls lässt sich der Roman gut lesen.
Nur das Drama am Ende hätte es für mich nicht gebraucht, aber ich verstehe, warum der Autor den Kreis auf diese Weise schließen wollte.
Fazit
Ich habe „Diebstahl“ mit dem Gefühl beendet, ein Stück Tansania kennengelernt zu haben. Ich mochte die Figuren, die Sprache und die Atmosphäre und habe Badar, Karim und Fauzia sehr gerne auf ihrem Weg begleitet. Und meine wichtigste gelernte Lektion: keine Angst vor Nobelpreisträgern!
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Penguinverlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Diebstahl
Autor: Abdulrazak Gurnah
Übersetzung: Eva Bonné
Verlag & Copyright: Penguin
Seitenzahl: 336
Erscheinungstermin: 10.09.2025
Preis: 26 € (Hardcover)