Dieses Buch hat mich wegen des heiklen Themas „Sterbehilfe“ angesprochen, vor allem hat mich die Frage neugierig gemacht, wie wir mit dem eigenen Lebensende und dem von Menschen umgehen, die wir lieben.
Klappentext
Schon seit Doreen denken kann, ist Fallera für sie ein Sehnsuchtsort. Auf dem Pferdehof im Osten der Republik ist sie aufgewachsen, bei ihrer Mutter und den Großeltern, die den Hof in der DDR aufgebaut haben. Ausgerechnet als Doreen sich in München ein eigenes Zuhause aufbauen will, fassen ihre Großeltern einen Entschluss: Sie möchten sterben, freiwillig und gemeinsam, bevor die letzte Meile anbricht. Als Doreen davon erfährt, packt sie ihre Sachen und lässt das Großstadtleben hinter sich, fest entschlossen, das Vorhaben ihrer Großeltern zu verhindern und ihnen das Leben wieder schmackhaft zu machen. Doch Maria und Helmut sind genauso dickköpfig wie ihre Enkelin – und Doreen wird langsam klar, dass nach Hause kommen auch bedeuten kann, Abschied zu nehmen.
Meine Meinung
Was mir an „Hofsommer“ so gut gefallen hat, ist die Erzählweise aus den unterschiedlichen Perspektiven fast aller Figuren. Dadurch bleibt die Geschichte nicht bei Doreens Blickwinkel hängen, sondern lässt uns auch verstehen, was in den anderen vorgeht. Gerade bei dem Thema Sterbehilfe finde ich das unglaublich wichtig, denn schnell könnte man sich auf eine Seite stellen. Hanna Heim verdeutlicht, dass es nicht so einfach ist, jede Figur hat ihre eigenen Gründe, Ängste und Wünsche. Und je mehr Perspektiven ich kennengelernt habe, desto weniger konnte ich die Situation in richtig oder falsch einteilen.
Interessanterweise konnte ich insbesondere die Großeltern verstehen. Maria weiß, dass ihr Körper und ihr Geist zunehmend versagen, und für sie bedeutet ein selbstbestimmter Tod ein letztes Stück Kontrolle über ihr eigenes Leben zu behalten. Ich kann ihren Wunsch verstehen – und auch, dass Helmut mit ihr gehen will, auch wenn ich nicht sicher bin, ob er es selbst oder ihretwillen möchte. Medizinisch könnte er noch weiterleben. Aber wie soll das gehen, wenn die Frau, die er liebt, nicht mehr da sein wird? Will man dann überhaupt noch weiterleben? Oder möchte man den letzten Weg gemeinsam gehen? Diese Gedanken waren sehr berührend.
Doreen konnte ich dagegen zwar verstehen, empfand sie aber zumeist als egoistisch. Natürlich möchte sie ihre Großeltern nicht verlieren. Aber dass sie von ihnen erwartet, nur ihretwegen weiterzuleben, unabhängig davon, was sie selbst wollen, hat mich immer wieder beschäftigt. Genau diese Spannung zwischen dem Wunsch, einen geliebten Menschen festzuhalten, und dessen Recht auf Selbstbestimmung zu respektieren, fand ich mega interessant.
Allerdings bleiben auch einige Fragen offen. Ich nehme an, dass Doreen ihre Mutter mit ihrem Vornamen anspricht, soll ihre komplizierte Beziehung zeigen, trotzdem hätte ich dazu gern mehr erfahren. Und warum spielt Sandras Bruder überhaupt keine Rolle? Last but not least wird mit Doreens Mann das Ost-West Thema aufgegriffen, aber ebenfalls nicht vertieft.
Trotzdem ist die Autorin eine wirklich gute Beobachterin. Gekonnt beschreibt sie, was es bedeutet, wenn man allmählich die Kontrolle über Körper und Geist verliert. Dadurch wird der zunnächst abstrakte Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod emotional nachvollziehbar.
Dabei wird die Geschichte erstaunlich kurzweilig erzählt. Der Sprachstil ist ruhig, entwickelt aber eine gewisse Sogwirkung. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht: Ziehen Maria und Helmut ihren Plan wirklich durch? Wird Doreen es letztendlich verstehen? Oder geben die Großeltern doch noch nach?
Als Pferdenärrin hat mir natürlich auch das Setting auf dem Pferdehof gefallen. Fallera ist für Doreen nicht nur ein Ort, sondern Heimat und Sehnsuchtsort.
Fazit
Trotz des schweren Themas ist „Hofsommer“ ein Roman, der sich leicht lesen lässt und trotzdem nachhallt. Ich konnte vor allem die Großeltern verstehen, sah Doreen eher kritisch und habe mich beim Lesen doch immer wieder gefragt, wie ich mit dieser Situation umgehen würde. Und genau deshalb ist das Buch für mich auch perfekt für Lesekreise geeignet: Es gibt kein Richtig oder Falsch, aber sehr viel, worüber man sprechen und diskutieren kann.
Kostenloses Rezensionsexemplar
Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Heyne Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.
Bibliografie

Titel: Hofsommer
Autorin: Hanna Heim
Verlag / Copyright: Heyne
Seitenzahl: 288
Erscheinungstermin: April 2026
Preis: 24 € (Hardcover)