Die Komponistin von Alissa Wenz

Ihr wisst, ich liebe Romanografien, besonders wenn sie von Frauen erzählen, die sich in einer patriarchalischen Gesellschaft ihren Platz hart erkämpfen mussten. Der Name Mélanie Bonis sagte mir bis zur Lektüre überhaupt nichts, aber ihre Geschichte hat mich neugierig gemacht – vor allem, warum diese Komponistin auch heute noch so unbekannt ist. 

Klappentext

Paris, Ende des 19. Jahrhunderts: Mélanie klappt den Deckel hoch und bringt sich das Klavierspielen selbst bei. Ebenso wie später das Komponieren, Lieben, Warten, Lügen, Trauern. Ein beispielloses Frauenleben, ein musikalischer Liebesroman.
Mélanie Bonis wächst in einfachen Verhältnissen auf, leicht hat sie es nicht. Für Mädchen sind die Regeln streng, die Spielräume begrenzt. Doch Mélanie spielt – Klavier. Sie wird entdeckt, gefördert und am Pariser Konservatorium aufgenommen, sie studiert Komposition als eine von wenigen Frauen, unter ihren Kommilitonen sind Claude Debussy und Eric Satie.
Sie lebt in der Musik, übt und komponiert und verliebt sich in den jungen Sänger Amédée-Louis Hettich. Es ist eine verbotene Liebe, die von den Eltern unterbunden wird und doch unzerstörbar bleibt. Die Konventionen, ihre Familie und Gottes Gebote zwingen sie in einen engen Rahmen, doch aus Mélanie wird Mel Bonis, Komponist.

Meine Meinung

Was für ein trauriges und gleichzeitig faszinierendes Frauenleben! Mélanie muss ständig die Balance finden zwischen der Frau, die sie sein soll, und der Frau, die sie sein möchte. Der Roman zeigt gut, wie eng die Möglichkeiten für Frauen in dieser Zeit waren und wie viel Kraft es Mélanie gekostet haben muss, sich innerhalb dieses engen Rahmens trotzdem zu entfalten.

Du sagst, was dir zu sagen erlaubt ist. Du versuchst nicht, Grenzen zu übertreten. Du streifst an den Gittern deines Käfigs entlang und suchst die Schönheit da, wo du bist, im Inneren, in diesem engen Kreis.

Alissa Wenz: Die Komponistin, S. 33

Mélanies Figur selbst ist sehr gut gezeichnet. Ich konnte ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Gefühle gut nachvollziehen. Vor allem stark sich ihr Leben; ihre persönliche Erfahrungen und jeweilige Gemütslage in ihrer Musik widerspiegelt. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob große Musik tatsächlich nur aus großen Gefühlen entsteht? Braucht es Leid, Sehnsucht und Verlust? Zumindest scheint vollkommenes Glück dafür nicht unbedingt die beste Voraussetzung zu sein.

Allerdings hielt mich der „Du“-Stil schon davon ab, ihr ganz nah zu kommen, doch diese Art zu schreiben liegt ja scheinbar gerade voll im Trend. Besonders ihre tragische Liebesgeschichte hat mich tief ergriffen, obwohl ich Dreiecks- oder Vierecksgeschichten normalerweise überhaupt nicht mag.

Erschreckend war natürlich wieder einmal, wie wenig man Frauen in dieser Zeit zutraute.

Chopin. Bach. Der Familienname reicht, um das Geschlecht zu bestimmen, das versteht sich von selbst.

Alissa Wenz: Die Komponistin, S. 95

Daran erkennt man auch schon die mächtige Sprache von Alissa Wenz – ich habe mir unglaublich viele Sätze angestrichen:

Du lächelst, denn deine Wut zeigt sich inzwischen als Lächeln. Du bist dazu in der Lage. Die Welt glaubt, die Frauen seien nicht dazu in der Lage, aber die Welt lügt.

Alissa Wenz: Die Komponistin, S. 177

„Da ihr mir die Liebe verboten habt, werde ich jetzt wenigstens Geld haben.“

Alissa Wenz: Die Komponistin, S. 57

„Das ganze Leben hängt von zwei oder drei Ja oder von zwei oder drei Nein ab, die zur rechten Zeit ausgesprochen werden.“

Alissa Wenz: Die Komponistin, S. 130

Dabei merkt man dem Roman an, dass die Autorin selbst vom Fach ist. Alles, was mit Musik und Komposition zu tun hat, wirkte auf mich authentisch und gut recherchiert. Gleichzeitig verwendet Alissa Wenz erfreulich wenige Fachbegriffe und erklärt die meisten musikalischen Aspekte so, dass auch Laien folgen können. Eine gewisse Affinität zu klassischer Musik und Komposition sollte man allerdings schon mitbringen, denn die Musik ist nicht bloß Hintergrund, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Romans.

Das zeigt sich auch in der Gestaltung: Der Roman ist in mehrere Musikstücke aufgeteilt, was ich sehr stimmig fand. Dazu kommt eine musikalische Sprache, die wunderbar zum Thema passt. Die Atmosphäre ist melancholisch, manchmal geradezu traurig – aber genau das passt zu Mélanies Geschichte. Auf YouTube gibt es außerdem eine Playlist mit ihren wichtigsten Werken. Für mich eignet sie sich perfekt als Hintergrundmusik zur Lektüre und macht das Buch noch einmal zu einem ganz anderen Erlebnis.

Etwas schade fand ich, dass nicht klarer zwischen belegten Tatsachen und Fiktion unterschieden wird. Gerade weil es um eine reale Person geht, hätte mich beispielsweise interessiert, ob es Amédée tatsächlich gegeben hat.

Fazit

„Die Komponistin“ ist eine Geschichte, auf die man sich voll und ganz einlassen muss. Nur dann wird man die Melancholie dieser berührenden Lektüre zu schätzen wissen – und die Begegnung mit einer beeindruckenden Frau machen, deren Musik ich nach diesem Buch unbedingt näher kennenlernen möchte.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Wagenbach Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Die Komponistin

Autorin: Alissa Wenz

Übersetzung: Alexandra Baisch

Verlag & Copyright: Wagenbach

Seitenzahl: 240

Erscheinungstermin:

Preis: 24 € (Hardcover)

Beitrag erstellt 523

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben