Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén

Dieses Buch habe ich beim Zwei Seiten Podcast entdeckt – Christine hat es zum Thema „Chancen – übers Ergreifen und Verpassen“ empfohlen. Ich habe es daraufhin meinem Lesekreis zum Thema „Endlichkeit – über das letzte Stück des Weges“ empfohlen, weil ich fand, dass es dazu noch viel besser passt. Jedenfalls hat mich die Beschreibung sofort magisch angezogen; ich befinde mich ja selbst in einer ähnlichen Lage wie Bo’s Sohn Hans. Vermutlich hat die die Geschichte deshalb bei mir einen Nerv getroffen, denn beim Lesen hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal wirklich zu verstehen, was gerade in meinen eigenen Eltern vorgehen muss.

Klappentext
Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

Meine Meinung
Was für eine leise und gleichzeitig herzzerreißende Geschichte! Mich hat dieses Buch emotional voll erwischt; Stellenweise habe ich geschluchzt wie ein Schlosshund. Gleichzeitig flogen die Seiten nur so dahin – der Sprachstil liest sich wunderbar flüssig und so hatte ich den Roman innerhalb von nur zwei Tagen ausgelesen.

Die Autorin beweist ein unglaubliches Gespür für Atmosphäre. Ihr bildhafter Schreibstil hat mich so tief in das unaufdringliche, skandinavische Setting hineingezogen, dass ich beim Lesen fast meinte, das weiche Fell von Hund Sixten unter meiner eigenen Hand zu spüren. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Bo – der sein Wort immer wieder direkt an seine demente Frau richtet. Normalerweise entfremdet mich so eine Du-Perspektive eher von einer Figur, aber hier hat es eine Nähe geschaffen, die mich tief beeindruckt hat. Es ist ohnehin eine enorme Leistung, wie detailverliebt und authentisch Susann Pásztor die Perspektive eines alten Mannes einfängt. Ich konnte nachempfinden, wie schmerzhaft es sein muss, die eigene Selbstbestimmung schwinden zu sehen, den Alltag nicht mehr allein bewältigen zu können, während andere über das eigene Leben bestimmen.

Der Roman kommt mit wenige Figuren aus, und die sind so greifbar gezeichnet, dass ich Bo und seinen treuen Vierbeiner Sixten sofort ins Herz geschlossen habe. Das macht es auch so schwer Hans‘ Perspektive zu verstehen. Auf wunderschöne Weise verdeutlicht die Autorin, wie viel ein Tier älteren Menschen bedeuten kann – und auch das Pflegepersonal wird hier als die liebevolle, tragende Säule im Alter dargestellt, die sie ist. Diese Gegenwart wird durch Rückblenden perfekt abgerundet. Wir begleiten Bo durch seinen Alltag, tauchen ein, in seine Gedanken und reisen mit ihm zurück in die Vergangenheit: zum Leben mit seiner Frau, der großen Liebe seines Lebens, und seinem Sohn, seinen Eltern und seinem eher mürrischen, lieblosen Vater. Wir haben es also mit zwei Vater-Sohn-Beziehungen zu tun. Bo spürt noch immer eine große Wut auf seinen Vater – den er nur „den Alten“ nennt –, die er manchmal gegenüber seinem eigenen Sohn Hans nicht zurückhalten kann, obwohl er es doch unbedingt besser machen wollte. Er ist in dieser Geschichte Vater und Sohn zugleich.

Besonders ergreifend ist auch die Beziehung zu seinem Freund Ture beschrieben und wie schön es ist, wenn man darin eine Stütze findet.

Für mich grandios gelungen ist der emotionale Zwiespalt rund um den Hund. Zu Beginn fand ich Hans einfach nur herzlos und unsympathisch. Ich habe mich richtig geärgert und mich gefragt, warum sogar die Enkeltochter auf seiner Seite steht. Kurz flammte in mir sogar der Gedanke auf, dass ich froh sein kann, keine Kinder zu haben – denn dann kann mir im Alter wenigstens niemand etwas wegnehmen. Doch genau hier entfaltet das Buch seine ganze Stärke: Die kurzen Kapitel beginnen stets mit Einträgen von Hans und den Pfleger*innen in ein Pflegetagebuch unterbrochen. Dadurch begreift man nach und nach eben doch die Perspektive des Sohnes. Man sieht ein, dass der Hund eigentlich mehr Auslauf bräuchte und der Vater überfordert ist. Diese realistische Darstellung von Alter und Verlust öffnet einem die Augen für das, was uns alle irgendwann erwartet. Mir persönlich hilft dieser Perspektivwechsel unheimlich dabei, meine eigenen Eltern, die inzwischen weit über 80 sind, viel besser zu verstehen.

Fazit

Für mich ist diese Geschichte ein absolutes Jahreshighlight. Ein realistischer, ehrlicher Einblick in das letzte Stück des Lebens, der mich tief im Herzen berührt hat und den ich euch nur wärmstens empfehlen kann.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Autorin: Lisa Ridzén

Übersetzung: Ulla Ackermann

Verlag & Copyright: btb

Seitenzahl: 384

Erscheinungstermin: 21.01.2026

Preis: 24 € (Hardcover)

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