Ein Kleid aus Seide und Sternen von Elizabeth Lim

Ich habe diesen Jugend-Fantasy-Roman im Rahmen des Carlsen Buchclubs gelesen. Dabei hat mich vor allem das Cover angesprochen. Für eine Klappenbroschur ist es unglaublich hochwertig gemacht, hat eine handschmeichelnde Haptik und die Farben sind ein Traum. Inhaltlich hält Elizabeth Lims Debütroman leider nicht ganz, was sein Äußeres verspricht.

Worum geht‘s

Maja Tamarin wächst mit ihren drei Brüdern in der Schneiderei ihres Vaters auf. Während sich niemand ihrer Geschwister wirklich für dieses Kunsthandwerk interessiert, geht die Tochter des Hauses ganz im Nähen, Sticken und Malen auf. Darin liegt dann auch schon das Problem des Ganzen, denn Frauen ist jegliches Handwerk untersagt. Und so erfüllt Maja im Dunkel des Hinterzimmers die Aufgaben ihres Vaters, der seit dem Tod seiner Frau keine Nadel mehr angefasst hat. Als der Kaiser nach einem männlichen Tamarin schickt, um am Wettbewerb um das Amt des kaiserlichen Hofschneiders teilzunehmen, ergreift Maja die Chance und macht sich als ihr Bruder verkleidet auf den Weg, ihr Talent unter Beweis zu stellen und sich als Meister einen Namen zu machen.

Mulan trifft auf Project Runway!

Dieser Plot wird zunächst viele an den Disney-Klassiker Mulan erinnern. Auch der Verlag zieht diesen Vergleich. Doch während ich den Bezug zur Fashion-Show beim Lesen wirklich herstellen konnte, habe ich außer der Verkleidungsaktion keine Parallelen zu Mulan gesehen. Und anders als bei der Geschichte der chinesischen Kriegerstochter wird der Aspekt der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen nicht näher beleuchtet, was ich sehr schade fand.

Charaktere

Unsere Protagonistin erscheint mir etwas zu gewollt als Disneyprinzessin dargestellt. Was mich insbesondere gestört hat, war ihre Einstellung zur Magie, mit der sie erst im Schloss in Kontakt kam. Ihr Vater gab ihr die Schere ihrer Großmutter als Glücksbringer mit auf die Reise. Doch als Maja sie das erste Mal benutzt, stellt sie fest, dass die Schere in ihren Fingern magisch ist und ihr einen Vorteil bei den bevorstehenden Aufgaben verschaffen kann. Und dies hätte sie auch dringend nötig, denn ihre Konkurrenten spielen wirklich mit allen Tricks, auch den dreckigen. Dennoch setzt Maja das Artefakt nur ein, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sieht. Ich könnte ja verstehen, wenn sie es damit begründet, den Wettbewerb ohne Hilfsmittel allein aus eigener Kraft schaffen zu wollen. Doch um ehrlich zu sein, hätte sie dann bereits verloren. Stattdessen hat sie Angst davor, erwischt zu werden, da der Einsatz von Magie untersagt ist. Im Gegensatz dazu hat sie aber kein Problem damit, sich als Junge auszugeben, um überhaupt teilnehmen zu dürfen. Egal bei was sie erwischt werden würde, sie hätte in beiden Fällen die Chance vertan, ihre Familie zu retten und vor allem mit schwerwiegenden Konsequenzen (wie den Tod…) zu rechnen.

Die Darstellung ihrer Brüder hingegen fand ich sehr gelungen, insbesondere gefiel mir, dass jedem ein anderes Talent zugeschrieben wurde, an das Maja sich immer wieder erinnert.

Die Figur des männlichen Protagonisten Edan, ein Magier im Dienste des Kaisers, hat sehr viel Potenzial, das leider im ersten Band noch nicht ausgeschöpft wurde.

Auch der Kaiser lässt viele Rätsel offen. Vielleicht werden diese im nächsten Band näher betrachtet.

Besonders schade fand ich jedoch, dass die Figur der zukünftigen Kaiserin so blass bleibt. Dabei habe ich das Gefühl, dass ihr Charakter vielschichtiger angelegt ist, als die Autorin in der Geschichte vermitteln kann. Doch jedes Mal, wenn ich glaube, dass dieser jetzt in Erscheinung tritt, wird er auf den nächsten Zeilen wieder eindimensional und so bleibt sie leider in der klassischen Rolle der Bösen.

Der Klassiker: Die Heldin bewältigt drei unlösbare Aufgaben

Der wahre Plot spielt sich nicht in des Kaisers Schloss, sondern auf der Reise quer durch das Reich ab, auf der Maja die Materialien für die drei magischen Kleider zur Hochzeit der Kaiserin besorgen soll. Und diese Reise, mit den Landschaften, die sie durchqueren und den Begegnungen, die sie machen, wird in meinen Augen wirklich atmosphärisch beschrieben. Edan findet einen Weg Maja zu begleiten und so entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die mir ebenfalls gut gefällt. Nur die wirklichen Mutproben, die Maja zu bestehen hat, werden mir zu kurz abgehandelt und deren Bewältigung erscheint mir viel zu einfach. Einmal mehr hätte darin weitaus größeres Potenzial für eine gute Fantasy-Geschichte bestanden.

Welt

Mir scheint, Elizabeth Lim hätte für die Erschaffung ihrer Welt auch einen magischen Stift gebrauchen können, denn auf mich macht es den Eindruck als wäre sie unfertig in Druck gegangen.

Den gewählten Zugang zur Magie finde ich jedoch sehr spannend: Ähnlich wie ein Dschinn in Aladdin hat ein Zauberer fast unbegrenzte Macht, muss aber einem Herrn zu Diensten sein. Auf diese Weise wird das Gleichgewicht wieder hergestellt.

Fazit

Auch wenn das Buch einige Schwächen in Geschichte, Struktur und Aufbau aufweist, habe ich es gern gelesen. Der Roman ist kurzweilig, unterhaltsam und hat einige schöne Szenen. Die Thematik der Schneiderei und einer Schere als magisches Artefakt ist durchaus märchenhaft und die Liebesgeschichte von Maja und Edan wirklich süß. Daher würde ich dieses Buch insbesondere jungen weiblich fühlenden Fantasy-Fans ans Herz legen. Mein Dreizehnjähriges Ich hätte das Buch vermutlich total gefeiert. Mein 45jähriges Ich tut das leider nicht. Den zweiten Teil werde ich vermutlich trotzdem lesen…

Titel: Ein Kleid aus Seide und Sternen

Autorin: Elizabeth Lim

Übersetzung: Barbara Imgrund

Verlag und Copyright: Carlsen

Seitenzahl: 448

Erscheinungsdatum: 02. Juli 2020

Preis: 16 € (Softcover)

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