Nebel von Ragnar Jónasson

Mit Spannung habe ich das große Finale – oder sollte ich besser sagen, den grandiosen Anfang – der HULDA-Reihe erwartet: Die Zeitebene, in der Hulda den tragischen Schicksalsschlag erleidet, auf den schon in den zwei Vorgängern immer wieder Bezug genommen wurde.

Klappentext

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavik, kehrt nach einem Schicksalsschlag gerade wieder in ihren Beruf zurück. Um sie bei der Wiederaufnahme der Arbeit zu unterstützen, wird Hulda von ihrem Chef mit einem neue Fall betraut: Mehrere Leichen wurden in einem abgelegenen Bauernhaus im Osten des Landes gefunden, und alles deutet darauf hin, dass sie dort schon seit einigen Wochen liegen.
Was ist während der Weihnachtstage geschehen, als das Bauernhaus durch einen Schneesturm vom Rest der Welt abgeschnitten war? Und gibt es ein Entkommen vor der eigenen Schuld?

Reihenfolge

Bitte lest die Bücher in der richtigen Reihenfolge (also rückwärts). Es sind zwar in sich abgeschlossene Kriminalfälle, aber ihr bring euch sonst wirklich um ein echtes Lesevergnügen.

Aufbau (Achtung Spoiler zu Teil II und III)

Wir lesen uns durch drei Handlungsstränge: Zum einen natürlich Huldas, der sich aber für meinen Geschmack leider etwas zu wenig mit dem Tod ihrer Tochter auseinandersetzt. Zum anderen erfahren wir nach und nach, was sich im Bauernhaus von Erla und Einar abgespielt hat. Und dann sind da noch die Geschichten von Unnar und Leó.

Dabei hat mir insbesondere gut gefallen, wie die bis zum Schluss für mich vollkommen losen Fäden dieser verschiedenen Lebensgeschichten am Ende zusammengesponnen werden. Und auch Huldas jüngste Erfahrung lässt sie den Fall emotionaler erleben als ihr lieb ist.

Sprachstil

Die Geschichte ist wieder sehr atmosphärisch und spannend geschrieben. Der Autor vermittelt eindringlich, wie es sein muss, ein so von der Welt abgeschnittenes Leben zu führen. Dabei kann ich natürlich insbesondere Erlas Bedauern über den fehlenden Büchernachschub nachempfinden.

Außerdem müssen wir miterleben, wie das Ehepaar zu Weihnachten eingeschneit wird und sich ein Fremder ihre Gastfreundschaft erschleicht. Mit jeder Stunde seines Aufenthaltes wird mein Unbehagen größer und meine Gänsehaut deutlicher. Gleichzeitig ist dies aber auch ein kleiner Kritikpunkt, denn während sich inhaltlich die Ereignisse in der Mitte des Buches überschlugen, war ich mittlerer Weile nervlich so angespannt, dass ich begann, quer zu lesen und Seiten zu überfliegen, weil sich das Verbrechen so in die Länge zog (und das kann ich ja immer so schlecht aushalten).

Nicht weniger quälend empfand ich die Szenen, wie Huldas Familie Weihnachten verbringt. Denn wir wissen ja bereits, auf welch unsägliches Ende dieser Plot zusteuert. Noch nie habe ich die Seiten eines Romans mit einer solchen Hilflosigkeit gelesen.

Der Autor schafft es also weiterhin ohne blutiges Gemetzel spannend zu bleiben. Vielmehr setzt er auf menschliche Schicksale und Tragödien und was diese bei Menschen auslösen bzw. zu welchen Verzweiflungstaten diese führen können. Ragnar Jónassons Mörder sind vor allem eines: Menschen – wenngleich mit einer traurigen Vorgeschichte, genau wie Hulda…

Charaktere

Was mir an Ragnar Jónassons Figuren so gut gefällt sind die Schattierungen, in denen er sie zeichnet. Für ihn gibt es nicht nur Schwarz und Weiß oder Gut und Böse. Wie im realen Leben vereinen seine Charaktere beides in sich.

Von Huldas Mann und ihrer Tochter erhalten wir jedoch nur einen kurzen Eindruck. Dimmas Beweggründe, ihr Charakter und Verhalten bleiben ein Rätsel. Jón wirkt etwas blass, lediglich Huldas Wut auf ihn haucht ihm etwas Leben ein. Dieser Band enthält wohl das düsterste Kapitel ihres Lebens.

Die Protagonisten des Kriminalfalls sind die Eheleute Erla und Einar. Während es für ihn außer Frage stand, den elterlichen Hof zu übernehmen und ihn als einer der letzten Bauern in der Gegend zu bewirtschaften, ist seine Frau nicht wirklich für dieses eintönige und abgeschiedene Leben geschaffen. Einzige Lichtblicke sind ihre Tochter Anna und die Bücher aus der Bibliothek. Daher wünscht sie sich für Anna auch ein Leben in der Stadt, in Reykjavik.
Beide Figuren wirken authentisch und insbesondere Erlas Charakter ist interessant. Aber ich hätte mir etwas mehr zur Mutter-Tochter-Beziehung zwischen ihr und Anna gewünscht. Einar wirkt ebenso unscheinbar wie Jón.

In die jugendliche isländische Backpackerin Unnur konnte ich mich sehr leicht hineinversetzen. Sie wollte doch eigentlich nur mal ihr eigenes Land kennen lernen. Daher erhält sie auch mein größtes Mitgefühl.

Aus dem seltsamen Verhalten des unverhofften Gasts Leó wurde ich hingegen bis zur Auflösung nicht schlau. Was stimmt nicht mit ihm? In jedem Fall haftet seiner Figur etwas so richtig Unheilvolles an (Schubber).

Fazit

Die Hulda-Reihe ist das perfekte Geschenk für einen echten Jólabókaflóð, insbesondere Nebel sollte man unbedingt zur Weihnachtszeit lesen. Außerdem ist dieser Kriminalfall der beste der drei.

Insgesamt finde ich die Bücher nicht nur für Island-Fans empfehlenswert. Aber man muss die Langsamkeit mögen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Infos

Titel: Nebel (Band 3 der HULDA-Trilogie)
Autor: Ragnar Jónasson
Übersetzung: Andreas Jäger
Verlag und Copyright: btb
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 21. September 2020
Preis: 15 € (Paperback)

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