Machtspiele von Alice Zeniter

Dieses Buch habe ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt und ich bin daran hängen geblieben, weil mich die digitale Welt grundsätzlich interessiert und ich außerdem gern über die politischen Verhältnisse in anderen Ländern – in diesem Fall Frankreich – lese.

Klappentext

Paris im Winter 2019: Die Hackerin L muss abtauchen, denn ihr Freund wurde soeben aus der gemeinsamen Wohnung abgeführt und verhaftet. Er hatte eine mächtige Überwachungs-Softwarefirma gehackt – und L befürchtet, dass man sie als Nächste holen könnte. Oder sind die unheimlichen Begegnungen, die sie plötzlich im Netz wie im „Draußen“ erlebt, darauf zurückzuführen, dass L Frauen hilft, die von ihren Männern digital ausspioniert und bedroht werden?
Antoine wollte L eigentlich nur zu digitalen Gefahren für die Gesellschaft befragen – und nun campiert sie in seiner Wohnung. Der einst so überzeugte Sozialist arbeitet für einen Abgeordneten im französischen Parlament, auf, wie ihm scheint, zusehends verlorenem Posten. Zwischen den beiden ehemaligen Kämpfern für eine bessere Welt entspinnt sich etwas, das fast eine Liebe hätte werden können. Aber als die Angst vor ihren unbekannten Feinden L zu verschlingen droht, bringt Antoine sie in die Bretagne, in die Kommune von Xavier, der die Welt auf ganz andere Weise verändern will…

Meine Meinung

Wir begleiten abwechselnd beide Protagonist*innen in ihrem Alltag und zwar zunächst völlig unabhängig voneinander. Antoines Handlungsstrang erscheint mir als der deutlich langweiligere von beiden, was vermutlich daran lag, dass ich gern mehr über das Politikerleben erfahren hätte. Ganz anders verhält es sich bei L; in ihren Plots tauche ich ganz tief ein ins „Drinnen“, lerne einiges über das Darknet und – besonders spannend – über die Entstehung des Hackerkollektivs Anonymus, das für Redefreiheit, Unabhängigkeit des Internets sowie gegen das Urheberrecht kämpft.

Ca. in der Hälfte des Buches begegnen sich die beiden endlich und das ist auch der Zeitpunkt, an dem die Geschichte für mich an Fahrt aufnimmt.

Beide Charaktere sind präzise gezeichnet, bleiben aber den ganzen Roman über auf Distanz – zumindest habe ich nicht das Gefühl, ihnen näher zu kommen.

L gefällt mir auf Anhieb; vor allem hat sie einen interessanten Blick auf das Leben:

L betrachtete die Welt als Wohngemeinschaft zweier unterschiedlicher Raumzeiten, die sie das Drinnen und das Draußen nannte und die – ihr zufolge – durch das Drücken der Power-Taste klar voneinander getrennt waren.

Alice Zeniter: Machtspiele, S. 22

Im „Draußen“ hat sie keine wirklichen Freunde und trotz ihrer Programmierkenntnisse war sie auch in der Schule wenig erfolgreich. Aber sie kann mit dem „Drinnen“ ihren Lebensunterhalt für das „Draußen“ verdienen; vor allem aber engagiert sie sich für Frauen, die in der digitalen Welt ausgebeutet oder ausspioniert werden.

Warum allerdings auf den letzten Seiten noch so nebenher L’s arabische Wurzeln angesprochen werden, habe ich nicht verstanden, denn sie spielten und spielen für die Handlung keinerlei Rolle.

Bei L’s Figur hat mir auch der Sprachstil so richtig Spaß gemacht, denn die Autorin baut gekonnt philosophische Bilder in die Geschichte ein, die zur Diskussion anregen:

Hast du dir nie überlegt, ob du dich vielleicht für Computer interessierst, weil du im Internet keinen Körper haben musst?

Alice Zeniter: Machtspiele, S. 333

Jetzt hat L kein Gerät mehr, mit dem sie ins Drinnen abtauchen könnte. Sie ist Gefangene ihres Körpers.

Alice Zeniter: Machtspiele, S. 364

Während L also in der Welt des Internets zu Hause ist, kämpft Antoine ganz und gar im echten Leben. Oder besser gesagt: kämpfte, denn die politische Realität hat seinen Idealismus längst eingeholt. Seine Passagen muss man sehr konzentriert lesen, um die Kritik an der französischen Gesellschaft und die kleinen Einblicke in die französische Politik nicht zu überblättern. Aber vielleicht ist das auch Absicht, denn Antoine würde viel lieber Schriftsteller sein und ein Buch über den spanischen Bürgerkrieg verfassen.

Als das Thema Cyberkriminalität L und Antoine zusammenbringt, entwickelt sich zwischen den beiden übrigens keine Liebesgeschichte – auch wenn sich das Antoine vielleicht gewünscht hätte. Vielmehr gehen sie eine Art Zweckbündnis ein, denn in L sieht Antoine endlich wieder eine Chance, etwas bewegen können und sei es nur indirekt. Umgekehrt findet L in Antoine Unterstützung in der zunehmenden Angst, welche Auswirkungen ihre Aktivitäten im Netz in der realen Welt haben können.

Ihre Flucht aufs Land in die stereotypische „Kommune“ wirkt jedoch etwas stark konstruiert idealistisch; außerdem bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, wie ich das offene Ende finde…

Der gesamte Roman wird in sehr ruhigem Ton erzählt. Alice Zeniter beobachtet genau und arbeitet die verschiedenen Gegensätze wie Arm und Reich, Digital und Real, Stadt und Land gekonnt in die Geschichte mit ein.

Fazit

„Machtspiele“ ist ein kluger zeitgenössischer Roman, der gut recherchierte Einblicke in die Welt des World Wide Web bietet und sich mit der Frage beschäftigt, wo Aufbruch stattfindet und welche Wechselwirkungen zwischen der digitalen und realen Welt bestehen. Nur der Einblick in die französische Gesellschaft und Politik hätte für meinen Geschmack deutlicher sein können.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Machtspiele
Autorin: Alice Zeniter
Übersetzung: Yvonne Eglinger
Verlag & Copyright: Berlin Verlag
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 28. September 2023
Preis: 26 € (Hardcover mit Schutzumschlag)

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