Sicheres Haus von Marina Vujčićs

Seit „Heimholen“ habe ich den Residenzverlag für mich entdeckt. Und auch „Sicheres Haus“ war wieder ein richtiges Buchjuwel. Schon der Klappentext klang sehr gut, aber dass mich dieser Roman so bewegen und auch nach der Lektüre noch beschäftigen würde, hätte ich nicht erwartet.

Klappentext

„Du hast deinen Ehemann getötet“ – so beginnt Marina Vujčićs Roman, eine Selbstvergewisserung, ein Geständnis. Lada Lončar sitzt im Frauengefängnis und ihr wird klar: Das „sichere Haus“ findet sie hier, unter Verbrecherinnen und Mörderinnen, und nicht in der bürgerlichen Ehe, die sich als Horrorkabinett entpuppt hat. Lada lässt ihr Leben Revue passieren: Als junge Frau dachte sie, in der Ehe mit einem Universitätsprofessor ihr Glück zu finden. Doch daheim verwandelte sich dieser bald schon vom brillanten Unterhalter in ein besitzergreifendes, weinerliches, zunehmend aggressives Monster. Was sich hinter der perfekten Fassade abspielt, will keiner sehen, bis ein Streit so eskaliert, dass Lada zusticht. Nun ist sie Opfer und Täterin zugleich …

Meine Meinung

Schon nach wenigen Seiten war mir klar, dass ich „Sicheres Haus“ nur mit Pausen würde lesen können. Dabei ist es trotz des heftigen Themas erstaunlich gut lesbar. Das lag für mich zum einen an Marina Vujčićs Sprache. Ich habe mir beim Lesen unzählige Sätze angestrichen, weil sie so präzise, eindringlich und treffend formuliert sind.

Wenn du an ihn denkst, ist er für dich noch immer präsent, und du hast noch immer Angst vor ihm, als hätte er dir die Angst testamentarisch hinterlassen.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 10

Zum anderen schafft die ungewohnte Du-Perspektive eine gewisse Distanz zu Lada, so dass ihre Geschichte aushaltbar bleibt. Gerade weil die Gewalttaten nicht exzessiv oder bildhaft ausgeschmückt werden, entwickeln sie eine enorme Wucht. Und trotzdem baut man sehr schnell eine Verbindung zu Lada auf. Man fühlt mit ihr, spürt ihre Verzweiflung und hofft immer wieder, dass sie endlich einen Weg aus dieser Ehe findet.

Besonders schmerzhaft ist dabei, dass sie sich selbst die Schuld gibt, weil sie sich auf diesen Mann eingelassen hat. Und noch wütender als die Gewalt ihres Mannes hat mich, wie immer wieder die Möglichkeiten versagen, die ihr eigentlich helfen müssten. Sie versucht, dieser Ehe zu entkommen, doch die Behörden, das System und schließlich sogar ihre eigene Familie lassen sie im Stich.

Ein paar blaue Flecken an deinem Hals bedeuten nur, dass er dich am Hals gepackt hat, nicht aber, dass er nicht vorhatte, dich wieder loszulassen.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 256

Gekonnt zeigt die Autorin, wie Ladas Mann Stück für Stück ihr Leben übernimmt. Er manipuliert sie, isoliert sie und tarnt seine Kontrolle als Liebe. Nach außen ist er der angesehene Universitätsprofessor, der angenehme, brillante Mann, den alle mögen. Anfangs lesen wir einige Statements, was für ein netter Mensch er doch gewesen sei. Ihm wird geglaubt – ihr nicht. Diese Diskrepanz fand ich unglaublich beklemmend.

Vujčić zeigt damit sehr eindringlich, dass es eben nicht einfach reicht, einer gewalttätigen Beziehung den Rücken zu kehren. Wenn ein Mann nach außen angesehen ist, wenn Familie und Umfeld seine Version der Geschichte glauben und wenn selbst die Institutionen, die schützen sollten, versagen, wird Flucht zu etwas nahezu Unmöglichem. Besonders wenn Kinder im Spiel sind. Lada wird letztendlich sogar von der Gesellschaft, ihrer Familie und dem Gericht dafür verurteilt, dass ihre Geschichte nicht so geendet hat, wie man es von einer Frau in ihrer Situation erwartet hätte: Ihr Mann ist tot.

Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 19

Hättest du dich von ihm töten lassen, wäre es für alle einfacher gewesen.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 20

Und dann ist da das Gefängnis. Ausgerechnet dort, wo sie als Mörderin sitzt, findet Lada etwas, das sie in ihrem bisherigen Leben offenbar vergeblich gesucht hat: Sicherheit und Gemeinschaft. Die anderen Frauen werden für sie zu einem Halt.

Intelligent fand ich auch die kursiv gedruckten Gespräche mit ihrem toten Mann. Endlich traut sie sich, ihm alles zu sagen, was sie ihm zu Lebzeiten nicht sagen konnte, ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen.

„Verstehst du denn nicht, ich habe gedacht, dir ist irgendetwas Fürchterliches zugestoßen.“
Ist es nicht, mein Schatz. Das Fürchterliche stieß mir erst zu, als ich nach Hause kam.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 92

Die Darstellung des Alltags mit einem gewalttätigen Mann fand ich erschreckend realistisch. Man merkt, dass Vujčić sehr genau recherchiert und mit Frauen in Strafanstalten gesprochen hat.

An einer Stelle musste ich allerdings unweigerlich an „Nur noch ein einziges Mal“ von Colleen Hoover denken. Die Gründe, warum Lada bei ihrem Mann bleibt, fand ich dort noch überzeugender und nachvollziehbarer dargestellt. Und auch insgesamt hätte „Sicheres Haus“ für mich etwas kürzer sein dürfen. Die Geschichte hätte meiner Meinung nach auch auf etwa 200 Seiten ihre ganze Wucht entfalten können.

Fazit

Was bleibt, ist vor allem ein Gefühl von Wut und Beklemmung – aber auch die Erkenntnis, wie wichtig dieses Buch ist. „Sicheres Haus“ ist weit mehr als die Geschichte einer toxischen Ehe. Es ist eine erschütternde Gesellschaftskritik und hält uns einen Spiegel vor: Wie schwer ist es für eine Frau, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen, wenn der Täter nach außen als angesehener und liebenswerter Mensch gilt? Und was passiert, wenn niemand hinsieht oder ihr glaubt?

Ein unglaublich wichtiges Buch, das mir unter die Haut gegangen ist und noch lange nachhallen wird. Keine leichte Lektüre, aber eine, die ich für sehr empfehlenswert halte.

Daher hier noch ein kurzer Auszug aus der Danksagung der Autorin:

Ich danke auch allen künftigen Leserinnen und Lesern, die bereit sind, die diesem Roman zugrunde liegende Geschichte nicht als einen literarischen Fall zu betrachten, sondern als eine Realität, die uns alle betrifft.

Marina Vujčićs: Sicheres Haus, S. 279

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Residenz Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Sicheres Haus

Autorin: Marina Vujčićs

Übersetzung: Mascha Dabić

Verlag & Copyright: Residenzverlag

Seitenzahl: 280

Erscheinungstermin: 09.03.2026

Preis: 25 € (Hardcover)

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