Ein Tisch am Fenster von Vincent Moissonnier

Mit dieser Empfehlung im Bücher-Podcast Zwei Seiten traf Christine Westermann bei mir voll ins Schwarze. Ihr wisst ja: Mein Mann ist ein echter Hobby-Sternekoch und wir beide teilen die Leidenschaft für gutes Essen. Ein Buch, das einen Blick hinter die Kulissen eines Sternerestaurants verspricht, konnte also kaum an mir vorbeigehen.

Klappentext

„Märchenhafte und doch wahre Geschichten aus einem besonderen Restaurant“
Seit bald 40 Jahren stehen sich zur Mittagszeit in einer unscheinbaren Kölner Straße Menschen die Füße platt, lugen durch ein verhangenes Schaufenster und warten darauf, an einen zauberhaften Ort vorgelassen zu werden. Das Le Moissonnier ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Sternerestaurant und zugleich der Schauplatz so unzähliger wie unwahrscheinlicher Geschichten.
Seine eigentliche Geschichte beginnt Anfang der 80er-Jahre, als Vincent und Liliane, beide aus Frankreich stammend und Berufseinsteiger im Gastronomiegewerbe, sich in Berlin über den Weg laufen. Im Nu nimmt eine Liebesgeschichte ihren Lauf und führt nach weiteren Lehrjahren und einem Umzug nach Köln zur Gründung eines eigenen Bistros.
Wie von einem modernen Märchen erzählt dieses Buch von einer bescheidenen Idee und den Hürden einer Existenzgründung in der Fremde, von den Mühen des Aufstiegs und vom Zauber des Erfolgs. Wir lesen von auffälligen und unauffälligen Gästen, von den abenteuerlichsten Seiten der Arbeit mit Menschen in der Gastronomie und von den Grundlagen der gehobenen Küche. Denn das Buch macht auch vor der Schwingtür zum Allerheiligsten nicht halt: Mit einer verblüffenden Offenheit berichtet es von der raffinierten und dabei zutiefst sinnlichen Arbeit einer Sterneküche.

Meine Meinung

Vincent Moissonnier erzählt seine Geschichte durch einen Ghost Writer. Doch Bert Gamerschlag trifft den Ton so genau, dass es sich wie eine „echte“ Autobiografie anfühlt: authentisch und persönlich. Wie der Klappentext schon verrät, begleiten wir Vincent und seine Frau Liliane über viele Jahre, erleben ihre Höhen und Tiefen und bekommen nicht nur einen Einblick in ihre Lebensgeschichte, sondern auch in die Entwicklung ihres Restaurants.

Das Ehepaar und ihre Küchencrew werden sehr lebendig dargestellt. Man merkt auf jeder Seite, mit wie viel Leidenschaft, Herzblut und französischem Charme hier gearbeitet wird. Gleichzeitig wird nichts beschönig und ich begreife, wie anstrengend dieser Beruf ist, wie viel Fleiß, Handwerk und Frustrationstoleranz dazugehören und welche Herausforderungen das Führen eines solchen Hauses mit sich bringt. Interessant fand ich auch den Umgang mit der Corona-Pandemie und welche Auswirkungen sie auf das Restaurant hatte.

Überhaupt hat mich dieser Blick hinter die Kulissen sehr begeistert. Vincent erzählt von seinen Einkäufen auf dem Markt, von der Zubereitung der Speisen, von Wein und natürlich von zahlreichen Gästen – darunter Stammgäste und so manche Berühmtheit. Besonders amüsant fand ich seine Beobachtungen zum Benehmen der Gäste und seine Vorstellung davon, wie man Herren wieder zu Gentlemen erziehen könnte. Auch seine Einstellung zu Kindern im Restaurant fand ich sehr sympathisch.

Wer sich für gutes Essen und Kochen begeistert, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Vor allem weil die Abläufe in der Küche sehr ausführlich beschrieben werden. Über mehrere Seiten erfahren wir beispielsweise, wie verschiedene Fonds hergestellt werden, und auch der Ablauf eines kompletten Sternemenüs wird minutiös geschildert. Für mich war das spannend und gerade für Hobbyköche dürfte es eine wunderbare Inspirationsquelle sein (Vor allem die Rezepte am Ende). Wer dagegen mit Kochen und Genuss wenig anfangen kann, könnte sich mit den vielen Details vermutlich eher langweilen.

Auch sprachlich hat mir das Buch gut gefallen. Es ist charmant, selbstironisch und sehr bildhaft geschrieben. So hatte ich das „Le Moissonnier“ direkt vor Augen – und manchmal beinahe auf der Zunge. Ich konnte mir die Gerichte vorstellen, riechen und schmecken. Nach der Lektüre kam es mir ein wenig so vor, als würde ich das Restaurant und seine Crew bereits kennen.

Dabei erinnert mich die Mischung aus persönlicher Geschichte, Alltag und Einblicken in den Beruf sehr an Shaun Bythells Bücher über sein Antiquariat. Nur dass es hier eben um ein Sternerestaurant geht..

Und ebenso wie bei Shauns Buchhandlung bekomme ich auch bei „Le Moissonnier“ sofort Lust auf einen Besuch – ohne das Gefühl zu haben, einer Werbekampagne zum Opfer gefallen zu sein. Das liegt vor allem daran, dass sich das Lokal nicht als glamouröses Sternerestaurant inszeniert. Es ist ein Ort mit langer Geschichte, mit Ecken und Kanten und vor allem mit Menschen, die dafür brennen. Und wer weiß, vielleicht können wir ja mal einen Tisch am Fenster ergattern…

Nur an einem Punkt habe ich für Vincent jedoch keinerlei Sympathie übrig: Als er sämtliche Bücher seiner Frau (sie scheint eine große Leseratte zu sein) aus Wut in den Müll geworfen hat. Das hätte ich ihm nie verziehen und bewundere Liliane sehr für ihren Großmut.

Fazit

Ich habe diesen Mix aus Biografie, Sachbuch und Blick hinter die Kulissen wirklich sehr genossen. Das Buch hat mir eine Welt nähergebracht, die ich bisher vor allem von der Gästeseite kannte, und mir gezeigt, wie viel Arbeit hinter einem Sternerestaurant steckt.

Daher kann ich dieses Buch allen empfehlen, die gutes Essen zu schätzen wissen und sich für die Hintergründe einer Sterneküche interessieren.

Für Gourmets aus Köln ist es mit Sicherheit ein besonderer Leckerbissen, außerdem ist es die perfekte Geschenkverpackung für einen Besuch in dem Restaurant.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom KiWi Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Ein Tisch am Fenster

Autor: Vincent Moissonnier

Verlag & Copyright: Kiepenheuer & WItsch

Seitenzahl: 336

Erscheinungsterin: 13.03.2025

Preis: 25 € (Hardcover)

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