Ich beschäftige mich schon länger mit Texten über gescheiterte Ehen und bisher habe ich noch nie etwas auch nur ansatzweise Authentisches gelesen. Dreht sich nun das Blatt?
Klappentext
Ein Haus auf dem Land. Das hast du dir immer gewünscht, Jule. Dazu ein wilder Garten, durch den eure Kinder rennen. So hast du dir das Glück vorgestellt.
Doch die Kinder sind nie gekommen. Und dein Mann hat jetzt eine Affäre in der Stadt. Ihr Name ist Hellen, und Hellen denkt viel an dich. Vielleicht ein bisschen zu viel.
Oft fragt sie sich, warum du und dein Mann noch immer zusammen seid. Wie zwei Menschen es so lange miteinander aushalten können, wenn ihre gemeinsamen Träume doch längst geplatzt sind.
Aber von alldem hast du keine Ahnung, Jule. Du weißt nicht von Hellen und nicht von ihren Fragen. Noch nicht. Noch sitzt du da, in deinem hübschen Garten, und überlegst, ob das, was du hast, vielleicht doch reichen könnte, um glücklich zu sein.
Meine Meinung
Ich weiß, was ihr sagen wollt: eine Dreiecksgeschichte? Und er betrügt sie? Aber ganz ehrlich, „Das leise Platzen unserer Träume“ ist eines dieser seltenen Bücher, die trotz schmerzhafter Thematik eine unerwartete Leichtigkeit besitzen – und die man deshalb kaum aus der Hand legen kann. Schon der Aufbau des Romans ist außergewöhnlich: Eva Lohmann erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Jule und Hellen, aber mit einem kunstvollen Kniff. Während Jules Kapitel in der dritten Person gehalten sind und damit eine gewisse Distanz spiegeln, spricht Hellen in der Ich-Form direkt zu Jule. Diese Entscheidung schafft eine faszinierende Nähe zur „Affäre“ – eine Figur, die man in klassischen Dreiecksgeschichten oft ablehnt, hier aber überraschend gut versteht.
Diese Perspektivwechsel ziehen einen tief in die Gefühlswelt zweier Frauen Anfang 40, deren Leben an einem Wendepunkt steht. Lohmann beschreibt das stille Verschwinden der Liebe, das Ausharren in einer toten Beziehung und das Festhalten an geplatzten Träumen mit einer Sensibilität, die unter die Haut geht. Besonders Jules unerfüllter Kinderwunsch ist feinfühlig eingearbeitet und macht ihr Zögern, ihre Hoffnung und ihr Festhalten an einem längst instabilen Lebensentwurf schmerzhaft nachvollziehbar.
Der Roman überrascht zudem mit starken Bildern: der verwilderte Garten, die zugelaufene Katze als leise Metapher für Zuneigung und Verantwortung, die zerbrechenden Beziehungen im Umfeld – alles greift ineinander und verstärkt die Atmosphäre des Übergangs und der Neuorientierung. Trotz der Tragik vermeidet Lohmann jede Spur von Kitsch. Selbst das Ende, das kurz in Richtung „over the top“ zu kippen scheint, fängt sich rechtzeitig und bleibt glaubwürdig.
Besonders beeindruckend ist die erzählerische Ruhe, mit der Lohmann große Emotionen transportiert. Die Geschichte ist nicht umfangreich, aber intensiv verdichtet – und sie entfaltet eine enorme Sogwirkung, die vor allem von den fein gezeichneten Frauenfiguren ausgeht. David, der Mann zwischen den beiden, bleibt bewusst ohne eigene Perspektive. Und das ist gut so – denn es geht hier nicht um ihn, sondern um die Frauen und ihre Wege heraus aus alten Mustern.
Fazit
„Das leise Platzen unserer Träume“ ist ein feinfühliges, schmerzhaft schönes Buch über das Loslassen, das Scheitern und die Möglichkeit neuer Wege.
Wann platzen unsere Träume? Was bleibt von uns, wenn sie zerbrechen? Und gelingt es uns, neue zu finden, bevor es zu spät ist?
Dieser Roman ist der zarte Versuch auf diese Fragen eine Antwort zu geben.
Für mich ein Jahreshighlight.
Bibliografie

Titel: Das leise Platzen unserer Träume
Autorin: Eva Lohmann
Verlag & Copyright: Eisele
Seitenzahl: 224
Erscheinungstermin: 31.08.2023
Preis: 22 € (Hardcover)