Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara

Ich habe mir dieses Buch auf Empfehlung von Günther Keil für meine literarische Weltreise gekauft. Und tatsächlich eignet es sich hervorragend für einen Ausflug nach Indien. Aber seid gewarnt, denn die Autorin hat nicht in einem 5-Sterne-Bollywood-Hotel für uns reserviert, sondern führt uns stattdessen in die Tiefen eines indischen Armenviertels. Und der Smog macht es nicht leicht, dort wieder rauszukommen….

Klappentext

Jai schaut zu viele Polizei-Dokus, hält sich für einen guten Detektiv und hofft auf seinen ersten Fall. Als ein Junge aus der Nachbarschaft verschwindet, überredet er seine Freunde Pari und Faiz, mit ihm zu ermitteln. Je mehr Kinder verschwinden, desto weiter wagen sie sich vor – in den verwinkelten Bhoot-Basar und hinaus in die verbotenen Viertel der Stadt. Irgendwann kommen sie der Wahrheit so nah, dass danach nichts mehr ist, wie es war.

Meine Meinung

Eins gleich vorweg: Die Detektive vom Bhoot-Basar sind nicht die indische Version der drei Fragezeichen. Vielmehr ist es ein Kunstgriff der Autorin, die Heftigkeit des ernsten Hintergrunds etwas abzumildern und Missstände der indischen Gesellschaft unterhaltend aufzuzeigen (so weired das auch klingen mag…).

Die Geschichte wird uns überwiegend aus Jais Perspektive erzählt und sein kindlich-frecher Erzählstil macht die Handlung und insbesondere das Setting aushaltbar. Mit den Einschüben der Entführungsopfer, in denen sie die letzten Augenblicke vor ihrem Verschwinden schildern, kann ich hingegen weniger anfangen.

Die Charaktere der Protagonist:innen basieren auf zahlreichen Interviews der Autorin, die sie im Rahmen ihrer Journalistinnentätigkeit geführt hat. Das erklärt, warum ihre Figuren so unfassbar Lebensecht wirken. Im Nachwort berichtet sie, dass ihr die Kinder nie als Opfer vorgekommen sind. Daher wollte sie mit ihrem Buch deren Humor, Sarkasmus und Energie einfangen, was ihr definitiv gelungen ist. Die schaurige Realität ist dennoch auf jeder Seite präsent: Menschen-, Drogen- und Organhandel; Korruption (wo bitte muss man die Polizei bestechen, damit sie ihrer originären Arbeit nachgeht?), Klassengesellschaft und mangelnde Hygiene; Smog, Kinderarbeit (obwohl verboten) und arrangierte Ehen (mit Dreizehn!). Aber es gelingt ihr, die drei Freunde in erster Linie als Kinder darzustellen: mit Angst vor Dschinns, Rivalitäten und Dummheiten im Kopf.

Schreibstil

Am Anfang tat ich mich mit den vielen indischen Namen, Begriffen und Redewendungen sehr schwer. Aber mit Hilfe des Glossars am Ende des Buches, fand ich mich bald inmitten des Getümmels des Bhoot-Basars wieder und in der ganz eigenen Atmosphäre des Basti.

Auch wenn mir unterbewusst schnell klar war, dass dieses Buch kein Happy-End haben wird, habe ich bis zum Schluss über die grausame Realität hinweg gelesen und ernsthaft geglaubt, dass die verschwundenen Kinder wieder auftauchen.

Fazit

„Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ist weder Krimi noch Thriller; stattdessen bietet der Roman einen erschreckenden Einblick in die Lebenswirklichkeit der Elendsviertel Indiens. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall und ist nicht ganz so romantisch verklärt wie der Film Slumdog-Millionaire, meiner bisherigen Quelle an Kenntnissen über dieses Land. Die Autorin hat mich mit ihrem Debüt also tatsächlich mit nach Indien genommen und mir das Land in all seiner grausamen Wirklichkeit gezeigt.

Daher glaube ich nicht, dass ich im realen Leben mal nach Indien will…

Das Buch lässt mich jedenfalls beeindruckt und erschüttert zugleich zurück. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis ich wieder wie selbstverständlich in eine U-Bahn einsteigen kann.

Bibliografie

Titel: Die Detektive vom Bhoot-Basar
Autorin: Deepa Anappara
Übersetzung: pociao, Roberto de Hollanda
Verlag und Copyright: Rowohlt
Seitenzahl: 400
Erscheinungstermin: 17. August 2021
Preis: 24€ (Hardcover)

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