Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

Als dieser Roman zum ersten Mal vorgestellt wurde, dachte ich mir eigentlich, dass er nichts für mich wäre. Denn warum sollte ich ein Buch lesen, dass sich mit der pandemiebedingt erhöhten Überlastung von Müttern beschäftigt? Ich habe und werde schließlich niemals Kinder haben. Und mit Haus und Garten stellte das Home-Office für mich auch eher eine Chance flexibleren Arbeitens dar. Letztendlich hat die Schmökerbox den Ausschlag gegeben. Ich wollte schon immer mal eine Buchbox testen und da ich mir hier ziemlich sicher war, um welches Buch es sich handeln würde und ich auch noch ein cooles Puzzle als Special-Goodie vermutete, griff ich zu.

Inhaltsangabe des Verlags/Klappentext

Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit.
Helenes beste Freundin Sarah, die ­Helene ­ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der ­Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die ­älteste Tochter von Helene, sucht nach einer ­Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut.
Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein.

Meine Meinung

Es ist mein erster Roman, der sich thematisch mit der Pandemie und dessen Auswirkungen auseinandersetzt. In vielen Bereichen wirkte die Pandemie wie ein Brennglas, das vorhandene Missstände offenlegt. Das schließt die sog. Care-Arbeit mit ein, und genau da setzt Mareike Fallwickl mit ihrem Cliffhänger an.

Der Titel ist Programm, denn die Geschichte ist extrem heftig und macht mich echt wütend: Auf die Charaktere, das System, die Erwartungen an mich als Frau – inklusive meiner eigenen. Die Autorin streut Salz in all diese Wunden und während der Lektüre muss ich mich zwingen, das Buch immer mal wieder zur Seite zu legen, weil es weh tut. Doch schon nach kurzer Zeit nehme ich es wieder zur Hand – kratze den Schorf wieder auf…

Charaktere

Ich habe selten so komplex und bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Protagonistinnen erlebt. Sie wirken furchtbar real, was die Handlung umso heftiger erscheinen lässt.

Sarah und Lola – aus deren Perspektiven die Geschichte erzählt wird – wählen völlig verschiedene Wege, um mit dem Tod von Helen umzugehen.

Mit Sarah konnte ich mich natürlich am besten identifizieren, auch wenn sie ja noch Mutter werden kann. Aus Liebe zu ihrer verstorbenen Freundin, unternimmt sie alles, um deren Tod aufzufangen. Diesen Sog, der Sarah nach und nach in Helens Familie hineinzieht, konnte ich richtig gehend nachspüren. Und dadurch, dass die Autorin dafür eine (noch) Kinderlose Figur gewählt hat, tritt das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen viel deutlicher zu Tage.

Aber auch in ihrem eigenen Haushalt hat Sarah mit alten Rollenbildern zu kämpfen: Für den Lockdown hat sie sich mit einem Tinderdate zusammen getan und seitdem wohnt Leon bei ihr. Er ist deutlich jünger als sie, sieht sehr gut aus und der Sex ist super, aber leider übernimmt er keinerlei Care-Arbeit und treibt Sarah stattdessen stetig zum Fitness und Abnehmen an.

Beim Lesen werde ich so wütend auf Sarah! Warum lässt sie das mit sich machen? Oft sogar ungefragt? Dabei vergesse ich fast, dass es ein fiktionaler Roman ist; denn zu plausibel, zu authentisch erscheinen die Begründungen, die mir Mareike Fallwickl dafür bietet.

Besonders geschickt fand ich die Art, wie Helene in den Fortgang der Handlung eingebaut wurde. Sarah führt mit ihr eine Art Zwiegespräch, wodurch wir erfahren, wie sie zu dem ganzen Schlamassel steht. Das sind natürlich nur die Worte, die ihr die verbliebene Sarah in den Mund legt, aber es zeigt auch, wie Sarah langsam stärker wird und lernt, für sich einzustehen. Ihre Entwicklung hat mir definitiv am besten gefallen.

Interessanterweise ist es Lola, die den Keil immer tiefer in Sarahs patriarchalisch geprägte Sozialisation treibt. Denn sie sieht die Verantwortung ganz klar bei Helens Ehemann Johannes, der sich jedoch nur zu gern in seine Rolle als Ernährer flüchtet.

Der Aspekt der Care-Arbeit spielt jedoch im zweiten Handlungsstrang nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen verschiebt sich der Fokus in die Richtung, was es ganz allgemein bedeutet, in der heutigen Zeit eine (junge) Frau zu sein. Im Gegensatz zu Sarah, hat mich die Charakterentwicklung von Lola total geschockt, denn sie wählt ein extrem krasses Ventil für ihre Wut. Daran merkt man aber einmal mehr, wie unfassbar lebensecht die Figuren wirken, denn ich hoffe sehr, dass sie ihr fiktionales Glück finden und ihren eigenen (hoffentlich Gewaltfreien) Weg gehen wird.

Auf den ersten Blick kommen die männlichen Charaktere in diesem Buch nicht so gut weg. Und natürlich machen auch sie mich wütend. Doch kann man es ihnen eigentlich vorwerfen? Oberflächlich betrachtet, sieht es nämlich so aus, als würde Johannes auch noch die beste Freundin seiner verstorbenen Frau „verheizen“. Doch in ein, zwei Szenen blitzen seine Wut, seine Trauer und seine Verzweiflung durch. Beim näheren Hinsehen wird klar, dass auch die männlichen Figuren gefangen sind in ihrer eigenen Rolle. Deswegen finde ich das Buch so wichtig: ganz ohne Männer-Bashing legt es  dieses Ungleichgewicht offen und rückt es ins Scheinwerferlicht.

Schreibstil

Ich folge der Autorin schon lange auf Instagram und bin begeisterter Fan vom Nerdscherln. Allerdings hatte ich etwas Bedenken, ob mir ihre Sprache liegt: Verwendet sie viele österreichische Begriffe, Ausdrücke und Redewendungen, die ich nicht kenne? Ist sie rotzig? Frech? Gar „zu“ feministisch? – Die Antworten: Nein, zweimal Ja (aber im positivsten Sinne) und Nein.

Kurzum: Der Schreibstil von Mareike Fallwickl hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Wenig überraschend gendert sie in jeder Zeile und verwendet das generische Maskulinum nicht ein einziges Mal. Überraschend ist aber, dass es mir überhaupt nicht aufgefallen ist.

Fazit

Es passiert mir wirklich selten, dass mir die Handlung eines Romans bei der Rezension noch so im Kopf geblieben ist, dass ich sie problemlos nacherzählen könnte. Das beweist aber nur, wie unglaublich intensiv diese Lektüre war und wie gut Mareike Fallwickl die Lebenswirklichkeit getroffen hat.

Dabei geht es in „Die Wut, die bleibt“ nicht nur um die Überlastung von Müttern, sondern ganz allgemein um das Frauenbild unserer Zeit.

Daher möchte ich es gern mit den Worten der Autorin ausdrücken, wenn sie ein wichtiges Buch anpreist: „Könnt ihr bitte einfach alle diesen Roman lesen?“

Mütter mag es aufrütteln und wütend – oder vielleicht besser – mutig machen. Kinderlosen Freundinnen kann es eine neue Perspektive bieten und Männern wird (vielleicht) ein Spiegel vorgehalten, in dem sie die Wirklichkeit erkennen. Ob die Lektüre auch etwas für Jugendliche ist, mag ich aufgrund des Weges, den Lola einschlägt, nicht beurteilen.

In jedem Fall empfehle ich, es nicht allein zu lesen, denn diese Geschichte will besprochen werden!

Ein Wort zur Schmökerbox

Die Schmökerbox lief unter dem Motto: Mit Wucht (das war für mich auch ein Hinweis auf das Buch). Es war meine erste Buchbox und auch wenn ich mit ziemlicher Sicherheit wusste, was mich für ein Roman erwartet, war ich von den Goodies erstmal enttäuscht. Denn erst nach der Lektüre erschließt sich mir die Auswahl. Und die erscheint im Nachhinein wirklich liebevoll. Alle Beigaben haben direkt etwas mit der Geschichte zu tun und auch die alte Ausgabe der Missy ergibt nun einen Sinn. Von meinem ersten Eindruck der Resteverwertung kann also gar keine Rede sein.

Das Besondere an der Schmökerbox scheint also zu sein, dass dem ausgewählten Buch nicht einfach nur ein paar passende „Wohlfühl“-Goodies beigelegt werden, wie bspw. Duftkerzen, Notizblock oder Buchhülle (so etwas in der Art hatte ich erwartet), sondern sich diese stattdessen direkt auf den Inhalt des Buches beziehen.

Als Minimalistin werde ich vermutlich trotzdem keine weitere Buchbox bestellen, aber Menschen, die sich für intelligent ausgewählte Buchbeigaben begeistern können, sollten die Schmökerbox wirklich mal ausprobieren.

Bibliografie

Titel: Die Wut, die bleibt
Autorin: Mareike Fallwickl
Verlag und Copyright: Rowohlt
Seitenzahl: 384
Erscheinungstermin: 22. März 2022
Preis: 22€ (Hardcover)

Beitrag erstellt 212

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben