Die Tanzenden von Victoria Mas

Die Tanzenden war wieder eins von den Büchern, die mich im positivsten Sinne umgehauen haben. Ich weiß nicht genau, was ich aufgrund Titel, Klappentext und Leseprobe erwartet habe; ganz sicher aber keine so brillant erzählte Geschichte, noch dazu als Debütroman.

Schauplatz und Sprachstil

Schauplatz der Handlung ist die Salpêtrière, eine Nervenheilanstalt für Frauen Ende des 19. Jahrhunderts. Obwohl die Geschichte in Paris spielt, nimmt man die Stadt nicht wirklich wahr. Ich durfte die französische Hauptstadt schon zweimal besuchen und dennoch beschwor die Nennung des Jardin du Luxembourg oder anderer bekannter Orte keine Bilder von Paris in meinem Kopf hervor. Stattdessen wurde ich sofort von der bedrückenden Atmosphäre gefangen genommen. Der leichte Sprachstil der Autorin scheint im ersten Moment nicht zur Schwere der Thematik zu passen. Aber genau das ist vermutlich das Geheimnis dieses Romans.

Inhalt

Die Geschichte erzählt auf erschreckende Weise, wie mit Frauen im 19. Jahrhundert umgegangen wurde, die sich der männlichen Weltanschauung wiedersetzen. Es wird gezeigt, wie sich Ärzte ihrer „Patientinnen“ als Forschungsobjekte bedienen, um sich zu profilieren. Arrogant und herablassend verweigern sie sich jedoch gleichzeitig alternativen Perspektiven. Da wäre bspw. Prof. Charcot, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Seine wöchentlichen Vorlesungen gleichen Zirkusaufführungen, in denen sich das Publikum an den durch Hypnose enthemmten und dem eigenen Willen entraubten Frauen aufgeilt.

Der im Klappentext erwähnte Ball ist nicht wie vielleicht erwartet Mittelpunkt der Geschichte. Aber er verdeutlicht die abstoßende Wahrheit jener Zeit. Wie Kuriositäten in der Manege werden die Frauen auf dem jährlichen Fest zum Mittfasten, ausgewählten Personen der Oberschicht vorgeführt. Das Kuriose daran ist, dass sich die „Irren“ auf den Ball freuen. Sie können es kaum erwarten, der Pariser Bourgeoisie vorgeführt zu werden. Das erscheint auf den ersten Blick wirklich verrückt, erklärt sich aber, wenn man sich den langweiligen und eintönigen Anstaltsalltag vor Augen führt.

Die Absurdität damaliger Logik zeigt bspw. folgender trivial erscheinender Gedankengang einer Krankenschwester:

Die Fiktion hingegen rief Leidenschaften auf den Plan, führte zu Entgleisungen, verwirrte die Gedanken, sie forderte weder zu logischen Argumentationen noch zum Nachdenken auf, sondern trieb die Leser – und vor allem die Leserinnen – in ein Gefühlschaos. Nicht nur, dass darin für Geneviève keinerlei intellektuelles Interesse lag, sie misstraute solchen Büchern auch. Im Trakt der Geisteskranken waren Romane daher nicht erlaubt: Man musste die Gemüter nicht unnötig in Wallung bringen.

Victoria Mas (2020): Die Tanzenden, S. 130f.

Ein Ort ohne Romane, das muss man sich mal vorstellen! Die Hölle auf Erden.

Charaktere

Normalerweise mag ich keine Geschichten, in der die Protagonistin gleich zu Beginn in eine scheinbar ausweglose Lage gebracht wird und sich der Rest des Romans damit beschäftigt, wie sie sich daraus wieder befreit. Aber hier war das anders. Vielleicht liegt es daran, dass es drei Hauptfiguren gibt.

Im Roman werden nämlich die völlig verschiedenen Geschichten dreier Frauen miteinander verwoben, jede für sich ergreifend und jede mit offenen Ende…

Vordergründig geht es um Eugénie, die von ihrem Vater in die Salpêtrière eingewiesen wird. Zum einen, weil sie sich weigert, Ehefrau und Mutter werden zu wollen und zum anderen, weil sie Tote sehen und hören kann.

Dabei gefiel mir die Sichtweise und Perspektive, aus der die Autorin die Themen Geisteskrankheit, Spiritualität, Glaube und Übernatürliches betrachtet. Viktoria Mas hat es geschafft, dass sich für mich als Leserin gar nicht die Frage stellte, ob ich an Geister glaube oder dass die Seelen Verstorbener noch unter uns weilen und über uns wachen. Ich nahm es als Teil von Eugénie’s Fähigkeiten einfach so hin.

Die Hauptfigur der Geschichte ist in meinen Augen jedoch die Krankenschwester Geneviève, die das Leben zu einer harten Oberaufseherin oder vielmehr Gefängniswärterin hat werden lassen; ohne jegliches Mitgefühl für die Patientinnen, um die sie sich kümmert. Doch dann wird sie von Eugénie aus der Arztvergötternden Lethargie gerissen und beginnt an den männlich arroganten Göttern in Weiß zu zweifeln.

Und dann ist da noch Louise, die eine ganz schreckliche Vergangenheit ertragen musste. Dabei hat sie nur den einen Wunsch, Ehefrau und Mutter zu werden. Heute würde man sie als Opfer ansehen, dem jegliches Mitgefühl und Unterstützung zusteht und nicht als Forschungsobjekt zu Reputationszwecken.

Umfang

Die Länge des Romans ist genau richtig bemessen, keine der 200 Seiten wurde auf Überflüssiges verwendet. Einzig das Ende hätte etwas mehr Raum einnehmen dürfen. Während das Buch den weiteren Lebensweg von Geneviève und Louise andeutet, lässt es den Leser bezüglich Eugénie in seiner eigenen Fantasie zurück.

Fazit

Auf dem Klappendeckel wird aus der französischen Zeitschrift L’Obs zitiert:

In einer glasklaren Sprache, leicht wie ein Pastell, schreibt diese junge Autorin gegen die männliche Norm an und gibt denen eine Stimme, die man mundtot gemacht und unterdrückt hat.

Besser kann man den Roman nicht beschreiben.

Für mich ist es schon jetzt DAS Debüt des Jahres. Dabei war ich erstaunt über das junge Alter der Autorin. Hoffentlich gibt es bald mehr von ihr zu lesen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Das Buch wurde mir von Vorablesen.de kostenlos zur Verfügung gestellt. Dies beeinträchtigt in keiner Weise meine Bewertung.

Infos

Titel: Die Tanzenden

Autorin: Victoria Mas

Übersetzung: Julia Schoch

Verlag und Copyright: Piper Verlag GmbH

Seitenzahl: 240

Erscheinungsdatum: 06. Juli 2020

Preis: 20 € (gebundene Ausgabe)

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