Die vier Jahreszeiten des Sommers von Grégoire Delacourt

Dieser Roman wurde im neuen Bücher-Podcast „Zwei Seiten“ (hört da unbedingt mal rein, der ist toll!) empfohlen. Davor hatte ich von dem Buch noch nie was gehört, dabei ist es schon etwas älter.  Und es klang so schön nach l’amour, la france et d’été…

Klappentext

Ein Sommer am Strand in Nordfrankreich: Sonne, Meer, Dünen und Bars. Hier treffen vier Paare ganz unterschiedlichen Alters aufeinander: zwei Teenager im Rausch der ersten Liebe, eine 35-Jährige auf der Suche nach einem neuen Glück, eine gelangweilte Hausfrau, die sich ins Abenteuer stürzt, und ein altes Ehepaar, das sich noch genauso liebt wie am ersten Tag. All diese Menschen begegnen sich, ohne zu wissen, dass ihre Geschichten eng miteinander verwoben sind und ihre Schicksale sich gegenseitig beeinflussen. Bis es während des Feuerwerks zum französischen Nationalfeiertag zu einem dramatischen Höhepunkt kommt. Eine Hommage an die Liebe und an den Sommer, die zeigt, dass die großen Gefühle ganz unabhängig von Alter und Lebensphase sind.

Meine Meinung

„Die vier Jahreszeiten des Sommers“ ist kein wirklich durchgängiger Roman. Stattdessen erwarten uns vier ca. 50seitige Kurzgeschichten, in denen wir Menschen begegnen, die sich in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen befinden. Man könnte auch sagen, das Buch zeige die verschiedenen Stationen der Liebe, die wie Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter mehr oder weniger fließend ineinander übergehen.

Der Aufbau hat mich stark an den Film „Tatsächlich Liebe“ erinnern, in dem die einzelnen Geschichten geschickt miteinander verknüpft werden, obwohl sie auch alle für sich allein stehen könnten. Hier wie dort tauchen die Figuren am Rand der anderen Handlungsstränge auf.

Es beginnt mit der Geschichte des fünfzehnjährigen Louis, der schon seit Jahren unsterblich in die zwei Jahre jüngere Viktoria verliebt ist. Er wartet darauf, dass sie erblüht und ihn erhört, doch leider kribbeln ihre Hände nicht…

Dann wäre da noch Isa, eine alleinerziehende Mutter, die in der Notaufnahme ihre Jugendliebe – diesmal beiderseitig – wiedertrifft. Sie hatte leider nie viel Glück mit den Männern…

Die dritte Geschichte handelt von der Mitfünfzigerin Monique. Sie ist gefühlt schon ewig mit ihrem Mann verheiratet und so langsam ist die Luft raus. Also fährt sie auf der Suche nach allem, was sie bei ihrem Mann vermisst, allein in Urlaub und stürzt sich in eine leidenschaftliche Affäre mit Robert. Diese Geschichte hat am Ende einen Twist, der jedoch sehr vorhersehbar ist (ich habe eigentlich nur darauf gewartet, wann sich meine Vermutung bestätigt – im letzten Satz!).

Last but definitely not least lernen wir ein altes Ehepaar kennen, das sich in den Wirrungen des zweiten Weltkriegs kennenlernte, nach vier Jahren wiederfand und seitdem nie wieder trennte. Ihre Liebe wuchs beständig weiter und so können sie es sich mittlerer Weile nicht mehr vorstellen, ohne den jeweils anderen weiterzuleben. Mit ihnen schließt sich der Kreis und wir erkennen, wie die Geschichten und Figuren miteinander zusammenhängen.

Die Charaktere wirken sehr authentisch und sind ausgesprochen Detailverliebt gezeichnet; selbst die kleinste Nebenfigur wurde ausgearbeitet. Ich konnte mich auch in jede Protagonistin und jeden Protagonisten hineinversetzen, was vermutlich daran lag, dass sie ihre Geschichte jeweils aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt haben.

Obwohl der Fokus auf der Gegenwart (also dem 14. Juli 1999) liegt, baut Delacourt geschickt Rück- und Ausblicke seiner Charaktere ein.

Sein Sprachstil ist wunderschön; fast schon poetisch, aber dennoch leicht lesbar und unterhaltsam. Die Grundstimmung ist melancholisch, wird aber durch eine sommerliche Leichtigkeit gekonnt aufgefangen. Grégoire Delacourt schreibt wenig explizit, stattdessen verwendet er Andeutungen bzw. Bilder und lässt so viel Raum für das eigene Kopfkino. Ganz besonders gut gefallen hat mir, wie er die Bedeutung verschiedener Blumen in jede einzelne Geschichte mit eingebaut hat. Seit ich „Die verborgene Sprache der Blumen“ von Vanessa Diffenbaugh gelesen habe, bin ich davon fasziniert, habe bislang aber noch kein Sachbuch zu der Thematik auftreiben können. Daher kann ich nur bemängeln, dass der Autor seine Quelle dazu nicht im Anhang preisgegeben hat…

Pimpernelle

Ein weißer Phlox: Das ist meine Liebeserklärung.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 50

Eugénie Guinoisseau

Wir renovierten das Haus, räumten die Zimmer um, verbrannten einige Möbel, schafften neue herbei, pflanzten Blumen im Garten: Gemeine Schafgarbe, die, sagt mein Sohn, Heilung für ein gebrochenes Herz bedeutet, Aloe, die für Kummer steht, und Mistel: Ich überwinde alle Schwierigkeiten.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 61

Hyazinthe

Die gelbe Rose kündigt eine Untreue an, darüber muss ich lächeln.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 115

Rose

Es ist einfacher, zwei zusammengebundene Rosen zu schicken, die eine Botschaft der Lust übermitteln, sechsunddreißig Rosen, um sein Feuer zu verkünden, oder einhunderteine, die geradezu gebieterisch eine unendliche Liebe ausdrücken: Ich liebe Sie grenzenlos, ach! Wenn Sie wüssten, als ein paar abgedroschene Worte auszusprechen.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 155f.

Mit dem Lied von Cabrel „Hors Saison“, das sich ebenfalls durch alle Kapitel zieht, kann ich hingegen wenig anfangen.

Sprachlich überzeugt das Buch nicht zuletzt durch die wunderbare Übersetzung von Claudia Steinitz, die es geschafft hat, den französischen Charme des Autors ganz wunderbar ins Deutsche zu übertragen.

Wir haben den Kindern verziehen, die nicht kamen.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 165

Fazit

„Die vier Jahreszeiten des Sommers“ ist ein berührendes Buch über Liebe in all ihren Facetten.

Anfangs dachte ich, es ist kein Buch, dass man unbedingt gelesen haben müsste, aber heimlich still und leise stiehlt es sich beim Lesen dann doch in unser Herz…

Außerdem feiere ich es allein schon für den Bezug zu „Peggy Sue hat geheiratet“ (mega Film):

Ich werde mich um mich selbst drehen, wie Peggy Sue in ihrem silbernen Ballkleid.

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers, S. 96

Es war also bestimmt nicht der letzte Roman des Autors für mich.

Bibliografie

Titel: Die vier Jahreszeiten des Sommers
Autor: Grégoire Delacourt
Übersetzung: Claudia Steinitz
Verlag & Copyright: Atlantik
Seitenzahl: 192
Erscheinungsdatum: 05. August 2020
Preis: 12 € (Taschenbuch)

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