Der Name der Rose von Umberto Eco

Kriminalgeschichten zählen zu meinen absoluten Lieblingslektüren und wie ihr wisst, habe ich mittlerer Weile auch historische Romane für mich entdeckt. Und was kommt raus, wenn man beide Genres kombiniert? Natürlich: Umberto Ecos Klassiker „Der Name der Rose“.

Ich habe diese wunderschöne Jubiläumsausgabe zum Geburtstag bekommen und vermutlich stünde sie heute noch hübsch, jedoch ungelesen in meinem Regal, wenn ich nicht für das @eat.reat.sleep Bingo noch ein Buch gebraucht hätte, das von Daniel Kaiser vorgestellt wurde, ich aber noch nicht gelesen habe…

Klappentext

Ecos legendärer Roman, 40 Jahre nach Erscheinen in einer Prachtausgabe mit Zeichnungen des Autors: Italien, 1327. In einem Benediktinerkloster kommt es zu unheimlichen Todesfällen. Ein Mönch ertrinkt im Schweineblutbottich, ein anderer springt aus dem Fenster, ein dritter liegt tot im Badehaus. Der Abt bittet den für seinen Scharfsinn weithin bekannten Franziskaner William von Baskerville um Hilfe. Mit „Der Name der Rose“ – über 50 Millionen Mal verkauft, mehrfach verfilmt und inszeniert – hat der große Kenner des Mittelalters das Genre des historischen Romans neu erfunden. Die unterschiedlichen Lesarten, vom wissenschaftlichen Diskurs bis hin zum Thriller, verblüffen und begeistern bis heute.

Meine Meinung

Es handelt sich also um eine Kriminalgeschichte mit kirchlichem Setting. Kurz nach der Ankunft von William und seinem Schüler Adson in der Abtei, ereignen sich nacheinander mehrere apokalyptisch anmutende Todesfälle und wir begleiten die beiden Franziskanermönche beim Versuch, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Im Prinzip gewährt ihnen der Abt bei ihren Ermittlungen freie Hand, einzig die Bibliothek ist tabu. In ihre Geheimnisse sind lediglich der Bibliothekar, sein Gehilfe und der Abt selbst eingeweiht. Alle anderen bekommen zunächst nur das Literaturverzeichnis zu Gesicht, anhand dessen sie sich Bücher, die zu ihrem Forschungsanliegen passen, ins Skriptorium bestellen können, um sie zu studieren.

Durch diese Regel übt die Bibliothek auf William, Adson und uns Leser*innen natürlich erst recht eine besondere Anziehung aus. Wie wir später erfahren, ist sie in Form eines verworrenen Labyrinths angelegt; es gibt Geheimgänge und verbotene Bücher. Das Mysterium dieses Ortes macht für mich einen großen Reiz des Buches aus.

Dass sie die Bibliothek nicht selbst untersuchen dürfen, stellt aber nicht die einzige Herausforderung dar und so merken die beiden Ermittler schnell, dass in dieser Abtei mehr vor sich geht, als es den Anschein hat.

Die Auflösung war übrigens ebenfalls grandios.

Aufbau

Die Handlung spielt sich innerhalb von sieben Tagen ab und die Kapitel sind stimmungsvoll nach Tageszeiten aufgeteilt. Damit ergibt sich auch ein sehr authentisches Bild vom Alltag in einer Abtei.

Schreibstil

Die Geschichte wird uns von einem in die Jahre gekommenen Adson erzählt, was die Handlung sehr persönlich macht.

Insgesamt empfinde ich die Lektüre als sehr herausfordernd geschrieben und damit auch ein wenig anstrengend. Der Autor baut mehrere Passagen auf Latein ein, die weder direkt im Fließtext noch in Fußnoten übersetzt werden. Solltet ihr – wie ich – über keinerlei Kenntnisse der toten Sprache verfügen, ist es nützlich zu wissen, dass sich im Anhang zumindest die wichtigsten Übersetzungen finden (ich hatte erst das ganze Buch durch, bevor ich es gemerkt habe…).

An den altertümlichen Sprachstil gewöhnt man sich hingegen schnell, außerdem wirkt er sehr zeitgemäß und trägt zur richtigen Atmosphäre bei. Hinzu kommt die sehr bildhafte Sprache, mit der Umberto Eco seinen Figuren und der Abtei Leben einhaucht und ihr eine regelrecht mystische Aura verleiht. Die Stimmung ist kalt, düster und unheimlich.

Auch wenn der Plot bis zum Schluss spannend bleibt, Action darf man hier nicht erwarten. Handlung und Spannungsbogen entwickeln sich langsam und die Beschreibungen sind mitunter etwas ausschweifend. Es lohnt sich aber, insbesondere bei der Entstehungsgeschichte und räumlichen Aufteilung der Abtei, genau zu lesen und nichts zu überfliegen, denn ihre Besonderheiten spielen für die weitere Entwicklung eine wichtige Rolle.

Für schwache Nerven ist der Roman dennoch nichts, denn die Leichenfunde sind sehr anschaulich geschrieben.

Last but not least, habe ich noch nie eine so philosophisch-theologische Sexszene gelesen, wie in diesem Roman…

Charaktere

Die Figuren sind allesamt grandios gezeichnet und wirken – genau wie die Geschichte – so real, dass ich mir manchmal in Erinnerung rufen muss, einen rein fiktionalen Roman zu lesen.

Was mir ebenfalls gut gefallen hat: Eco führt alle Charaktere mittels Gespräche in die Geschichte ein.

Da ich zuerst den Film gesehen habe, war mein Kopfkino bezüglich der Figuren nicht mehr ganz frei, aber ich muss auch sagen, dass der Filmcast exzellent besetzt wurde.

Im Folgenden beschränke ich mich auf die beiden Protagonisten, die in ihrer Ermittlerrolle ein wenig an Sherlock Holmes und Watson erinnern (Vor allem wegen Williams Deduktionen und weil er selbst einmal Inquisitor war).

Williams Charakter finde ich besonders interessant. Er war selbst einmal Inquisitor und ist ein äußerst intelligenter und belesener Mann. Mir macht es große Freude, seinen wissenschaftlichen Deduktionen zu folgen, wie bspw. den Grundriss der Bibliothek nur durch Betrachtung von außen zu bestimmen.

Adson hatte wirklich großes Glück mit seinem Meister: Neugierig, humorvoll, aber auch nachsichtig entwickelt er sich zu einer freundschaftlichen Vaterfigur des Novizen.

Bei Adson hingegen durchläuft eine wirklich authentische Charakterentwicklung. Zunächst weiß er ganz genau, wo sein Platz in der Welt ist und fügt sich ein. Doch angeregt durch das große Wissen und die progressiven Ansichten seines Meisters wird er zunehmend mutiger, Dinge zu hinterfragen und Sachverhalte nicht einfach hinzunehmen. Er beginnt, eigene Hypothesen aufzustellen und sich an wissenschaftlichen Deduktionen zu versuchen.

Der Inquisitor, der letztendlich hinzugezogen wird, ist der perfekte Antagonist. Insbesondere seine Foltermethoden konnte ich kaum aushalten; ich will mir gar nicht ausmalen, wie es war, in dieser Zeit gelebt zu haben (schon gar nicht als Frau)…

So viel mehr als ein Kriminalroman

Ich gebe zu, das Buch ist ein ziemlicher Schinken und hätte sicher um zwei- bis dreihundert Seiten gekürzt werden können, wenn Eco die ganzen philosophisch-theologischen Streitgespräche ausgelassen hätte. Aber einerseits liebe ich sowas und andererseits wäre vielleicht die spezielle Stimmung des Romans verloren gegangen. Außerdem machen die (zugegeben endlos erscheinenden) Diskurse über Religion und Kirche irgendwie die Besonderheit der Figuren aus.

Als Leserin identifiziere ich mich sofort mit Adson, denn wie er, lerne unglaublich viel von William.

Bspw. betrifft eine große Frage das Thema der Zugänglichkeit von Wissen – wir erinnern uns: nur drei Personen sind in die Geheimnisse der Bücher eingeweiht, die in der Abtei verwahrt werden. Durch die Entscheidungshoheit des Bibliothekars, wer welche Schriften lesen darf, findet in gewisser Weise eine Zensur des zur Verfügung gestellten Wissens statt. Und das ist auch heute noch ein interessanter Aspekt.

Oder auch, dass Lachen als Gotteslästerung ausgelegt wird, weil es angeblich von Angst befreit. Dabei soll man doch seinen Gott fürchten… Und Menschen mittels Angst zu kontrollieren ist ebenfalls heute noch ein gängiges Konzept.

Verfilmung

Natürlich können zwei Stunden nicht die Komplexität dieser Geschichte abbilden, aber für eine Buchverfilmung eines Klassikers, ist sie wirklich gut gelungen.

Hörbuch

Dieses Buch nur zu Lesen erschien mir irgendwie nicht ausreichend, daher kann ich ergänzend auch die Hörbuchversion empfehlen, insbesondere wegen des genialen Sprechers Gerd Heidenreich. Durch seine Stimme wurden die Mönche mehr als lebendig und die Abtei wirkt so düster und apokalyptisch, dass ich zuweilen Gänsehaut bekam.

Ich befürchte jedoch, ich werde das Buch sogar noch ein zweites Mal Lesen müssen, um auch den letzten Rest der Geschichte in ihrer Gänze erfassen zu können. Meine Empfehlung lautet also: Lesen – Hören – Lesen.

Jubiläumsausgabe

Das Buch ist echt ein Schmuckstück ganz nach meinem Geschmack: Minimalistisch, aber hochwertig. Seien es Cover, Papier oder Illustrationen. Ein perfektes Geschenk.

Fazit

Der Name der Rose ist wahrlich ein gewaltiges Buch, das in jede Hausbibliothek gehört und ein ausgezeichnet recherchierter und komplex aufgebauter Historienkrimi, den man definitiv gelesen haben sollte.

Außerdem erscheint mir die Lektüre angesichts der auch heute noch anzutreffenden Heuchelei sog. Gottesmänner als wirklich zeitlos.

Zum Autor Umberto Eco (Information des Verlags)

Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt u.a. der Roman Nullnummer (2015), Pape Satàn (Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen, 2017), Auf den Schultern von Riesen. Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis (2019), Der ewige Faschismus (2020) und Der Name der Rose (Jubiläumsausgabe, 2022).

Bibliografie

Titel: Der Name der Rose
Autor: Umberto Eco
Übersetzung: Burkhart Kroeber
Verlag und Copyright: Hanser Literaturverlage
Seitenzahl: 816
Erscheinungsdatum: 14. Februar 2022
Preis: 34 € (Hardcover)

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