Freiheit für alle von Richard David Precht

Das ist wieder so ein Buch, auf das mich mein Mann aufmerksam gemacht hatte. Genauer gesagt, hat er mich auf den Podcast Lanz & Precht hingewiesen, in dem über den Begriff der Arbeit in Zusammenhang mit dem Konstrukt des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) diskutiert wird. Also habe ich mir die entsprechenden Folgen angehört und da ich das Thema spannend fand, kam das Buch auf meine Leseliste.

Inhaltsangabe des Verlags

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Und warum eigentlich?
Nichts, was die Arbeit anbelangt, ist heute mehr selbstverständlich. Das zweite Maschinenzeitalter selbstlernender Computer und Roboter revolutioniert unseren Arbeitsmarkt. Es definiert neu was »Arbeit« ist, und wozu wir eigentlich noch arbeiten. Schon seit einiger Zeit arbeiten wir in den westlichen Industrieländern nicht mehr, um unsere Existenz zu sichern. Wir arbeiten, um zur Erwerbsarbeitsgesellschaft dazuzugehören.
Doch wenn »Vollbeschäftigung« nicht mehr der Jackpot ist, den es zu knacken gilt, sondern »Selbstverwirklichung«, dann ändern sich die Lose in der Tombola: Arbeit zu haben wird nun nicht mehr automatisch als Glückszustand bewertet, denn es kommt immer stärker auf die Qualität und die genauen Umstände des Arbeitens an. Aus der Erwerbsarbeitsgesellschaft, wie wir sie bisher kannten, wird eine Sinngesellschaft. Eine gigantische Transformation, und sie ist längst im Gange.
Richard David Precht zeigt uns, wie die Veränderung der Arbeitswelt unser Leben, unsere Kultur, unsere Vorstellung von Bildung, und letztlich die ganze Gesellschaft verändert – und welche enormen Gestaltungsaufgaben auf die Politik zukommen, insbesondere der Umbau unseres Sozialsystems hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Kurzer Exkurs: Richard David Precht und sein Verständnis der Arbeit von Rezensent:innen

Diesen Punkt muss ich hier einfach voranstellen, denn der Autor hat mich mit seiner folgenden Äußerung in Folge 46 seines Podcasts Lanz und Precht sehr enttäuscht: „Also normalerweise machen Rezensenten das so: Sie tun so, als hätten sie ein Buch gelesen und rezensieren es.“

Zur Erklärung: er reagierte damit auf eine Rezension zu einem neuen Buch, von dem bislang lediglich eine Ankündigung veröffentlicht wurde, d.h. es ist noch überhaupt nicht fertig. Und selbstverständlich kann man kein Buch nur aufgrund einer Ankündigung rezensieren. Aber genauso wenig ist es in Ordnung, daraus darauf zu schließen, dass ALLE Rezensent:innen nie das zu bewertende Buch lesen.

Komplexes Sachbuch

Seine Äußerung hat mich auch deshalb so tief getroffen, weil ich es mir mit der Bewertung dieses 540 Seiten starken Sachbuchs wirklich nicht leicht gemacht habe. Auf den ersten Blick bzw. nach Beenden des Hörbuchs, erschien mir die historische Heranführung an die Thematik unangemessen lang. Das BGE kam mir hingegen viel zu spät und vor allem zu kurz. Ich hatte das Gefühl, Aufbau, Struktur und letztlich auch Inhalt des Buches nicht völlig erfasst zu haben. Also habe ich das Buch nicht nur nochmal gelesen, sondern es regelrecht Kapitel für Kapitel durchgearbeitet, um wirklich zu verstehen, was mir der Autor vermitteln will. So etwas habe ich seit Studienzeiten nicht mehr gemacht.

Und auch wenn ich weiterhin der Meinung bin, dass sich Richard David Precht hätte kürzer fassen können, verstehe ich jetzt den Aufbau und die Argumentationskette, die er damit vermutlich im Sinn hatte.

Aufbau, Struktur und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Blick in die Zukunft. Richard David Precht geht davon aus, dass es immer weniger Arbeitsplätze geben wird, die menschliche Intelligenz bedürfen. Die Digitalisierung hat durch die Pandemie einen gehörigen Schub erfahren und schon jetzt können wir aufgebrochene Strukturen in der Arbeitswelt erkennen. Insbesondere die mittleren Tätigkeitsbereiche sieht er in Gefahr, denn im Niedriglohnsektor ist es ökonomisch wenig sinnvoll, teure KI einzusetzen und kreative Bereiche (und hier bezieht er sich sowohl auf technische, handwerkliche und soziale Kreativität sowie der Kreativität, komplexe Probleme zu lösen) können KI nicht übernehmen.

Wer jetzt einwirft, dass es schon immer technischen Fortschritt gegeben hat und dieser noch nie zu langfristiger Massenarbeitslosigkeit führte, dem erläutert der Autor, warum es dieses Mal weder Produktionssteigerungen geben wird, noch Aus- und Weiterbildung helfen können.

Nach diesem Zukunftsszenario folgt ein äußerst umfassender historischer Ausflug in die Wirtschaftsgeschichte, wobei sich Precht dem Arbeitsbegriff aus ökonomischer, sozialdemokratischer und liberaler Perspektive nähert. Ihr merkt schon an meiner Formulierung, dass ich mir hier ein paar Kürzungen gewünscht hätte.

Im nächsten Abschnitt führt er uns in die Gegenwart zurück und hinterfragt frühere Axiome wie bspw. dass viel Arbeit viel Wohlstand schafft. Er beschäftigt sich mit der Frage, wofür wir arbeiten und was Wohlstand im 21. Jahrhundert bedeutet. Der Anspruch lautet nicht mehr Arbeit, sondern mehr Sinn. Daher wäre es auch nicht mit einer reinen Weiterentwicklung der früheren Arbeitsgesellschaft getan, sondern es ginge um etwas wirklich Neues.

Es folgt die Entstehungsgeschichte des Umlagesystems bevor er erläutert warum eine Sinngesellschaft die Existenzsicherung von der Arbeit trennen muss und warum dies auf ein BGE hinausläuft. Selbstverständlich gibt er dann erstmal einen Überblick über den Ursprung des Grundeinkommens.

Ob mit dem BGE der ideale Systemwechsel erzielt werden kann, diskutiert der Autor anhand von Nachhaltigkeit, dem Begriff der Arbeit, dem Zugewinn an Freiheit für alle, einem möglichen Kompromiss zwischen Kapitalismus und Sozialismus sowie neuen Finanzierungsideen (hier bringt er auch einige Rechenbeispiele, die ich sehr interessant fand).

Dabei geht er gefühlt auch auf alles ein, was man einem BGE entgegen halten könnte und um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass er darauf so schlüssige Argumente parat hat, insbesondere in Bezug auf die Finanzierung, die ich als Wirtschaftswissenschaftlerin zu den spannendsten Fragen zähle.

Was ich jedoch vermisse, sind Ausführungen zum Übergangsprozess. Wenn er den Umbruch der digitalen Revolution und des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz als so epochal einschätzt, dass die Folgen nicht nur von einer Disziplin beantwortet werden können, scheinen mir Art und Form der Einführung des BGE von enormer Wichtigkeit zu sein.

Abschließend geht er noch auf die Frage ein, wie ein adäquates Bildungssystem einer Sinngesellschaft auszusehen hätte:

Je weniger wir darüber wissen, was unsere Kinder einmal genau brauchen werden, um ihr Leben erfolgreich zu bewältigen und mit Sinn und Bedeutung zu füllen umso mehr müssen wir ihnen helfen selbstständig Lernen zu lernen und sich eigene Ziele zu setzen. S. 472

Lebenslanges Lernen sowie positive Erfahrungen mit Lehr-/Lernsituationen gewinnen also an Bedeutung und als Harry Potter Fan gefällt mir die Vision des Autors von Schulsystemen mit Lernhäusern wie in Hogwarts.

Schreibstil

Schon das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das eines akademischen Lehrbuchs. Und genau in diesem Stil ist auch das gesamte Buch geschrieben: wie eine Uni-Vorlesung. Ich meine, ein Seminar zu dem Thema hätte ich besucht, aber hier hätte ich etwas leicht Verständlicheres erwartet.

Ich weiß, es ist eine hohe Kunst gerade einen Text über ein komplexes Thema kurz zu halten, aber „Freiheit für alle“ hat leider einige Längen und nicht immer wird die Notwendigkeit der Kapitel ersichtlich (bspw. „In der ökonomischen Sackgasse“).

Und wenn wir schon von einem Fachbuch sprechen, hätte ich es besser gefunden, die Fußnoten wären direkt unten auf der Seite angegeben.

Fazit

Das mag jetzt vielleicht nicht so rüber gekommen sein, aber trotz des Umfangs ist es für mich tatsächlich das beste Buch des Autors; wie immer beeindruckend recherchiert, aber vor allem mit einem und hoch aktuellen Thema für das er interessante Lösungsvorschläge bereit hält.

Allerdings sollte klar sein, dass es sich eher um ein akademisches Fachbuch handelt. So erschwert der Lehrbuchartige Schreibstil etwas den Zugang, der Inhalt regt aber definitiv zu weiteren Diskussionen an, was ich immer sehr schätze. Es hätte sicher noch mehr Spaß gemacht, das Buch anschließend in einer Leserunde zu besprechen.

Wer kein Interesse hat, sich mit einem 500 Seiten starken Fachbuch und vor allem auch historisch mit dieser Thematik zu beschäftigen, dem sei empfohlen, sich die entsprechenden Podcastfolgen „Lanz & Precht“ anzuhören, die schon einen recht guten Überblick geben.

Hörbuch

Wie gesagt, habe ich das Buch nicht nur gelesen, sondern auch gehört. Der Autor hat es selbst eingesprochen und ich fand es gut gemacht. Allerdings kann ich nicht empfehlen, nur das Hörbuch zu hören, denn solch einer komplexen Thematik kann man nur lesend mit Textmarker und Post-Its folgen. Es erst zu lesen und dann zu hören, wäre aber eine Idee, um die Inhalte zu vertiefen.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Freiheit für alle – Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten
Autor: Richard David Precht
Verlag und Copyright: Goldmann
Seitenzahl: 544
Erscheinungsdatum: 14. März 2022
Preis: 24 € (Hardcover mit Schutzumschlag)

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