Siegerin

Ich habe dieses Buch im Rahmen meiner „Buchiger Adventskalender meets SuB-Abbau“ Challenge gelesen und die Geschichte hat mich so bewegt, dass mir eine Kurzrezension nicht ausreichend erschien.

Gegenwarts-/Gesellschaftsroman

Es geht um die Psychologin Abigail, die junge Soldat:innen mental auf die Grausamkeiten des Krieges vorbereiten soll, und zwar am besten so, dass Traumata gar nicht erst entstehen. Das schließt auch Gefangennahme und Folter mit ein. Sie soll sie zu Sieger:innen ausbilden, die auch in körpernahen Einsätzen keine Hemmungen haben, das „Richtige“ zu tun: Töten. Nie hat sie an der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit gezweifelt, bis ihr Sohn in den Militärdienst eintritt.

Das Buch bietet äußerst interessante Einblicke in die Militärpsychologie und macht auch vor der Faszination des Tötens nicht halt. Ich persönlich kann mir nicht einmal Ansatzweise vorstellen, wie es ist, wenn Krieg zum Alltag gehört. Daher finde ich den Roman wichtig: er eröffnet mir eine weitere Perspektive.

Darüber hinaus zeigt Yishai Sarid auf einfühlsame Weise, wie wir dazu neigen, mit zweierlei Maß zu messen, je nachdem ob es um „andere“ oder uns nahe stehenden Menschen geht.

Schauplatz

Dass die Handlung in Israel spielt, vergisst man schnell, denn außer einigen Ortsangaben oder Hinweise auf den Sabbat, tauchen keine Bezüge auf. Die Geschichte hätte ebenso gut in die USA gepasst.

Wir erfahren übrigens weder, welcher Krieg gemeint ist noch ob er real oder fiktiv ist. Auch der Grund der Auseinandersetzung sowie der Feind selbst werden nicht erwähnt. Dieser Kniff ermöglicht es dem Autor, sich ganz auf die Psychologie des Tötens zu fokussieren.

Charaktere

Abigail ist eine komplexe Figur: klug und unabhängig nimmt sie sich einfach, was sie will. Das macht sie nicht unbedingt sympathisch aber in jedem Fall interessant. Sie wählt ein ungewöhnliches Leben, sucht sich einen starken, aber auch bereits verheirateten Vater für ihren Sohn aus, der ihm niemals ein solcher wird sein können.

Zunächst scheint für Abigail die psychische Gesundheit der Soldat:innen im Vordergrund zu stehen. Doch mit dem Ansehen verändert sich auch die Zielrichtung ihrer Arbeit. Sie will dazu beitragen, den Krieg zu gewinnen und geht dazu über, ihre Erfahrung zu nutzen, um effiziente Tötungsmaschinen zu erschaffen, die möglichst lange im Einsatz bleiben können.

Ihr eigener Vater ist ebenfalls Psychologe, jedoch vom alten Schlag. Wenngleich sie ihn bewundert, hält sie seine Methoden für hoffnungslos überholt. Ihre Mutter wird bestenfalls außer Acht gelassen, keinesfalls nimmt Abigail sie als ebenbürtig an.

Welcher Art ihre Beziehung zu den anderen Figuren ist (sexueller, mütterlicher oder freundschaftlicher Natur), blieb mir bis zuletzt ein Rätsel.

Yishai Sarid zeichnet ein ernstes aber auch extrem gleich gestelltes Frauenbild, so als wären Soldatinnen in der israelischen Armee nichts Außergewöhnliches.

Etwas überrascht war ich vom Autorenfoto, denn erst dadurch habe ich nach der Lektüre realisiert, dass Abigail von einem Mann ins Leben gerufen wurde. Das hatte ich irgendwie nicht erwartet.

Sprachstil

Das Buch ist unglaublich gut geschrieben, ich konnte es kaum aus der Hand legen und bin vollkommen in der Geschichte versunken. Aber die Lektüre ist auch sehr intensiv, daher sollte man sich trotz der geringen Seitenstärke des Buches unbedingt genügend Zeit nehmen.

Fazit

Faszinierend nüchtern und zugleich emotional beschäftigt sich Yishai Sarid mit der Frage, wie man zum „positiven Psychopath“ wird. Dabei erzählt er uns Abigails Geschichte völlig wertfrei – gibt uns nur etwas zum Nachdenken, um unsere eigene Meinung zu bilden.

Leider habe ich erst durch meine Recherchen zur Rezension gesehen, dass „Siegerin“ anscheinend die direkte Fortsetzung zu „Monster“ ist. Das macht mir jetzt erstmal nichts, weil mir die Lektüre so viel Lust auf mehr vom Autor und Themen Israels gemacht hat, dass ich ohnehin nach einem weiteren Roman Ausschau gehalten hätte. Anschließend kann ich euch aber mal berichten, ob es vielleicht besser gewesen wäre, die Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

Bibliografie

Titel: Siegerin
Autor: Yishai Sarid
Übersetzung: Ruth Achlama
Verlag und Copyright: Kein & Aber
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 16.02.2021
Preis: 22 € (Gebunden mit Schutzumschlag)

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