Treppe aus Papier

Ich habe ja schon einige Bücher über den zweiten Weltkrieg gelesen, aber noch nie so ein Besonderes.

Klappentext

Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.

Meine Meinung

 „Treppe aus Papier“ ist eines dieser Bücher, bei denen ich schon nach wenigen Seiten spüre, dass mich hier etwas ganz Besonderes erwartet. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Hauses oder besser: eines Kollektivs bestehend aus Wänden, Fenstern, Türen, Stufen. Deshalb redet es auch als „Wir“ nicht als „Ich“. Anfangs ist das etwas ungewohnt, fast irritierend, ebenso wie die überlagerten Zeitebenen, die sich übereinanderlegen, statt sauber hintereinander zu verlaufen. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, Räume verändern sich von Absatz zu Absatz, aus einem Uhrengeschäft wird ein Buchladen, und Figuren begegnen sich über die Jahrzehnte hinweg beinahe gleichzeitig – auch sich selbst. Dieses Nebeneinander erzeugt eine Dichte, die ich selten so intensiv erlebt habe. Das Haus wird dabei zu einem stillen Beobachter, der nicht eingreifen kann – und genau diese Ohnmacht ist es, die mich immer wieder tief berührt:

Ihr Blick folgt unserem Treppenlauf, sie atmet müde aus und beginnt den Aufstieg.
Es dauert eine Weile. Wir wünschten, wir könnten uns neigen oder die Stufen anheben.

Henrik Szántó: Treppe aus Papier, S. 167

Die Figuren selbst sind nicht bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, und doch hatte ich sie alle klar vor Augen. Es genügen oft wenige Striche, um ein Gefühl für sie zu bekommen – und manchmal reicht ein einziger Moment, um einen Schauer auszulösen, etwa wenn Irmas Vater seine Kumpane empfängt. Besonders eindrücklich fand ich die Beziehungen zwischen Irma und Ruth sowie zwischen Irma und Nele. Diese Verbindungen wirken authentisch, scharf beobachtet und tragen die emotionale Wucht der Geschichte.

Die Parallelen zwischen Irma und Nele im Hinblick auf die Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte haben für mich eine zusätzliche Ebene eröffnet. Diese Auseinandersetzung mit der Erinnerung beschäftigt mich selbst jetzt noch. Wie sie sich verschiebt, wie sie sich anpasst, wie sie manchmal bewusst oder unbewusst umgeschrieben wird, damit sie erträglicher bleibt. Und wie hartnäckig sich gleichzeitig die Vorstellung hält, dass die eigene Familie irgendwie „nicht dazugehört“ habe. Dieses Buch stellt keine einfachen Fragen – und gibt schon gar keine einfachen Antworten. Es zwingt dazu, genauer hinzusehen, auch dorthin, wo es unbequem wird.

Am meisten hat mich jedoch die Sprache begeistert. Der Autor beschwört so viele Bilder herauf, dass ich mir am liebsten alle Passagen anstreichen möchte:

Der Sherry hat sie in den Schlaf gewiegt. (…) Im Alter verliert die sorgsam verschlossene Kammer der Erinnerung ihre Bannkraft. Dann kriechen Bilder durch die Ritzen und wehen hinauf in den Geist. Im Schlaf, wenn die Abstände verschwimmen, spukt besonders gern eine Erinnerung hinter den geschlossenen Lidern entlang, und so schläft Irma sitzend, das Gewicht eines Nachtmahrs auf der Brust, nicht z u verscheuchen vom Wimmern, das stoßweise ihre Lippen verlässt.

Henrik Szántó: Treppe aus Papier, S. 110

So ganz begriffen haben wir nie, weshalb die Vatertage ins Draußen drängen und der Muttertag das Fest von Tisch und Küche ist. Frühstück im Bett, aber niemand, der daran denkt, das Geschirr wieder wegzuräumen, die Frage nach dem Ablageort der Vasen vor der feierlichen Überreichung der frisch gekauften Blumen. Was für ein Bild liegt dem Gedanken zugrunde, Vatertag hieße, frei von Kindern zu zechen, und Muttertag, gänzlich von ihnen umgeben zu sein?

Henrik Szántó: Treppe aus Papier, S. 117

Nele lernt, wie stark sie sich unterscheidet, die Welt, in der man ahnt, von der Welt, in der man weiß.

Henrik Szántó: Treppe aus Papier, S. 143

Letztendlich führt uns der Autor auf 200 Seiten so geschickt, bewegend und schonungslos zurück in die dunkelste Zeit unseres Landes, dass niemand umhin kommt, sich zu fragen, welches Echo sich in den Häusern der eigenen Vorfahren findet. Dadurch ist es auch die perfekte Lektüre für Lesekreise, denn es lässt sich ganz viel darüber diskutieren.

Fazit

„Treppe aus Papier“ ist für mich ein außergewöhnliches, einzigartiges und unglaublich dicht erzähltes Buch, das mich nicht nur emotional gepackt, sondern auch lange nach dem Lesen beschäftigt hat. Es ist keine leichte Lektüre, aber eine, die sich absolut lohnt – besonders für alle, die bereit sind, sich auf eine ungewöhnliche Erzählweise einzulassen und sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Ein Buch, das nachhallt wie ein Echo in alten Mauern.

Bibliografie

Titel: Treppe aus Papier

Autor: Henrik Szántó

Verlag & Copyright: Penguin

Seitenzahl: 224

Erscheinungstermin: 20.08.2025

Preis: 23 € (Hardcover)

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