Regen von Ferdinand von Schirach

Dieses Buch habe ich in Vorbereitung auf den Göttinger Literaturherbst gelesen, auf dem Ferdinand von Schirach seinen Theatermonolog auf die Bühne brachte. Und ich habe mich auf ein Stück ähnlich wie Terror oder Gott gefreut. Doch leider wurde ich enttäuscht, sowohl vom Buch als auch von der Vorführung…

Klappentext

Ferdinand von Schirachs neues Buch »Regen« ist eine Erzählung in Form eines Theatermonologs, den Ferdinand von Schirach ab Herbst 2023 im Rahmen einer großen Premierentournee auf zahlreichen deutschen Bühnen selbst sprechen und aufführen wird: Ein Mann kommt durchnässt aus dem Regen in eine Bar – auf die Bühne – und denkt über Verbrechen und Strafen nach, über das Großartige und das Schreckliche unserer Zeit, über die Würde des Menschen, die Einsamkeit, die Liebe, den Verlust und das Scheitern.

Ein Wort vorweg zum Umfang des Buches

Böse Zungen würden ein Buch (für 20 €) mit gut 100 Seiten, von denen die Hälfte gar nicht mehr zur Erzählung gehört, sondern lediglich ein Interview mit dem Autor enthält (das sogar schon einmal woanders abgedruckt wurde), wohl eine Mogelpackung nennen. Und auch ich war sehr überrascht, als der Monolog bereits nach 57 Seiten endete. Doch das Interview hat durchaus etwas mit der Geschichte zu tun und ist unterhaltsam geschrieben.

Meine Meinung

Ich beziehe mich im Folgenden ausschließlich auf die Kurzgeschichte und das Theaterstück, nicht auf das Interview.

Wie der Klappentext verrät, verfolgen wir den Monolog eines unfreiwilligen Schöffen, der nach dem ersten Tag der Gerichtsverhandlung in einer Bar seinen Gedanken nachhängt. Ein Mann hat auf offener Straße aus Eifersucht seine Frau erstochen, nachdem sie ihm auf seinen Vorwurf, sie sei eine Hure, entgegnete, er habe einen zu kleinen Penis. Rechtlich erscheint der Fall relativ eindeutig und so stellt der Protagonist dem Angeklagten lediglich die Frage, welche Strafe er sich selbst gebe.

Sehen Sie, Wir können jedem vergeben. Unseren Eltern, unseren Kindern, unseren Freunden und selbst unseren Feinden. Nur uns selbst können wir nicht vergeben, das ist nicht möglich. Niemand kann sich selbst seine Schuld erlassen. Das kann nur der Gläubiger tun. Damit müssen Sie leben. Oder eben auch nicht.

Ferdinand von Schirach: Regen, S. 19

Das fand ich schon einmal sehr spannend und ich hätte mir gewünscht, dass das Theaterstück dieses Gedankenexperiment in den Fokus gestellt hätte. Würde man sich selbst härter oder weicher bestrafen als das Gesetz? Würde man sich selbst freiwillig eine Gefängnis- oder hohe Geldstrafe aufbürden? Und gibt es nicht auch Situationen, wo man im juristischen Sinne keinerlei Schuld trägt und sich dennoch selbst bestraft? Dies alles hätte man ebenso mit dem Leben des Protagonisten in Beziehung setzen können, denn er scheint sich durch seine Frage selbst zu triggern. Doch stattdessen driftet er ab, in einen wilden Mix aus Erinnerungen, wissenschaftlichen Anekdoten und Überlegungen. Der Erzähler ist Schriftsteller, hat aber seit 17 Jahren nichts mehr geschrieben. Wir erfahren auch, warum dies so ist, aber vor allem erleben wir – insbesondere bei der Theatervorführung – einen alten gebrochenen Mann, der fest davon überzeugt ist, 80 Prozent von allem sei Mist. Die Melancholie des Buches – insbesondere auf der Bühne – war sehr bedrückend. Ich habe auch die Verfilmung von Terror oder Gott gesehen, aber anders als bei diesen beiden Stücken, wo mein Mann und ich im Anschluss lange über die Thematik diskutierten, schwiegen wir auf dem gesamten Weg vom Theater nach Hause. Es gab nichts zu diskutieren, über nichts mehr nachzudenken, man versank einfach in der bedrückenden Stimmung. Und der Regen trug das seine dazu bei…

Fazit

Auf der Bühne inszeniert sich von Schirach geschickt, daher würde ich seinen Fans vermutlich nur das Theaterstück empfehlen. Aber man sollte wissen, dass es etwas anderes ist als Terror oder Gott.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Regen. Eine Liebeserklärung
Autor: Ferdinand von Schirach
Verlag & Copyright: Luchterhand
Seitenzahl: 112
Erscheinungsdatum: 23. August 2023
Preis: 20 € (Hardcover mit Schutzumschlag)

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